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Künstliche IntelligenzKunst im Zeitalter der fünften industriellen Revolution

Der Umgang mit KI-inspirierten Werken hat etwas Spielerisches. Oft sehen sie auf den ersten Blick aus wie gewöhnliche Gemälde oder Fotoarbeiten. Erst eine App oder Hintergrundwissen hilft, ihren Sinn zu erschließen. Beispiele liefert die aktuelle Gruppenschau bei Priska Pasquer.Christiane Fricke 13.02.2024 - 09:30 Uhr
Banz & Bowinkels Installation „Bot 02“ (2021) wird erst komplett, wenn man mit Hilfe einer auf dem Handy installierten App das Muster scannt und so eine Gruppe silbriger Gestalten im Kreis über den Teppich laufen lässt. Foto: Priska Pasquer Gallery

Köln. Übergangszustände haben es in sich. Insbesondere, wenn sie auf den ersten Blick nicht so viel Neues bieten, am Ende aber doch einiges auf den Kopf stellen. Beispiele liefern die gemusterten Teppiche und Bodenobjekte des Künstlerpaars Banz & Bowinkel, Elena Bajos dekorative Tapisserien oder die abstrakten, mit knappen LED-Laufschriften angereicherten Leinwandbilder von Johanna Reich.

So - verkürzt – betrachtet, vermag keines dieser Werke ernsthaft zu beunruhigen. Das schien das hundertköpfige Publikum in einem Bürogebäude am Kölner Rheinufer auch gar nicht zu erwarten. Eingeladen hatte die Kölner Galeristin Priska Pasquer und die auf KI-Lösungen spezialisierte Beratungsfirma Neuland.ai.

Wie gut würde sich der runde schwarzweiß gemusterte Teppich von Banz & Bowinkel in den eigenen vier Wänden machen? Was für ein Wow-Effekt, wenn Gäste kommen! „Bot 02“ aus dem Jahr 2021 wird erst komplett, wenn man mit Hilfe einer auf dem Handy installierten App das Muster scannt und so eine Gruppe silbriger Gestalten im Kreis über den Teppich laufen lässt. Kostenpunkt in einer Dreier-Auflage: 24.990 Euro inklusive Mehrwertsteuer.

Wesentlich preisgünstiger, aber nicht minder spektakuläre Hervorbringungen versprechen die auf dem Boden liegenden, vergrößerten QR-Codes aus der Serie „Primitive“ von Banz & Bowinkel. Hier generiert die App eine kinetische Skulptur, die auf Antippen reagiert.

Natürlich darf auch die in Farbdrucken an der Wand hängende „Bodypaint“-Serie nicht fehlen. Diese abstrakte Arbeit mag dem einen oder anderen Leser dieser Zeitung seit der Handelsblatt-Edition 2016 ein Begriff sein.

KI hat aus einem Atelier-Arrangement Elena Bajos in Verbindung mit dem Stichwort der halluzinogen wirkenden Droge „Datura“ eine Komposition generiert. Sie war die Vorlage für eine feine Jacquardweberei (Ausschnitt). Foto: Priska Pasquer Gallery

Mit einer unterhaltsamen Veranstaltung mit kurzweiligen Vorträgen, einer Vernissage mit Wein und Verköstigung war jedenfalls an diesem langen Samstagabend Anfang Februar zu rechnen. Dabei ging es um nichts Geringeres als um die fünfte industrielle Revolution im Zeichen künstlicher Intelligenz, ihre Auswirkungen auf die Arbeitswelt, um den Umgang mit ihr, auch in der Kunst.

„Das ist massiv disruptiv, was da passiert“, fasste Pasquers Ehemann und Neuland-Gründer Karl-Heinz Land die Umwälzungen zusammen. Über 250 Jahre hätten die ersten vier Stufen der industriellen Revolution gebraucht, beginnend mit der Erfindung der Dampfmaschine 1750. Die letzte Stufe brauche nur zehn, 20 Jahre.

Den meisten Anwesenden wird in Anbetracht dieser Entwicklung nicht schwindelig, zumal Karl-Heinz Land stark vermutet, dass KI in dieser Stufe – so wie vorher Dampfmaschine, Elektrifizierung, Automatisierung und das Internet – „wahrscheinlich der wesentliche Wohlstandstreiber“ sein wird. Seine Gäste sind Kunden von Neuland.ai und haben sich damit bereits auf den Weg durch die digitale Transformation gemacht.

Einige sind auch gleichzeitig Kunden der Galerie Pasquer. In deren Programm lässt sich seit mittlerweile über zehn Jahren verfolgen, was es mit der digitalen Transformation in der Kunst auf sich hat; seit letztem Jahr auch an ihrem Pariser Standort.

Brauchen nicht gegossen zu werden: Jane Bensons Zimmerpflanzen verblüffen mit kantigen Blättern in Pseudovasen aus Licht fangendem Plexiglas. Foto: Priska Pasquer Gallery

Elena Bajos mit Hilfe von KI-Software hergestellte Tapisserie macht sich ähnlich gut auf der Wand wie die „Bodypaint“-Arbeiten von Banz & Bowinkel. Bei näherem Hinsehen erkennt man eine Gruppe skurriler Formen in unzähligen, für das Auge schwer zu unterscheidenden Farbverläufen. Ein fotografiertes Arrangement von Gegenständen im Atelier Bajos bildete den Ausgangspunkt. Aus ihm generierte eine KI in Verbindung mit dem Stichwort der halluzinogen wirkenden Droge „Datura“ eine Komposition, die schließlich die Vorlage für die feine Jacquardweberei bildete. Für das kleine Format sind 8000 Euro inkl. Mehrwertsteuer veranschlagt.

Einen medienkritischen Hintergrund haben die mit wenigen abstrakten Farbspuren bemalten Naturleinwände Johanna Reichs. Eine LED-Laufschrift zieht eine zweite Ebene ein. Es braucht Zeit, um aus den Bruchstücken ein Haiku zu entziffern. Die Tragweite der Arbeit erschließt sich jedoch erst, wenn die Entstehung des Gedichts erklärt wird. So ist zu erfahren, dass Reich eine eigene KI, ein sogenanntes „Small Language Model“ kreierte, das – anders als die „Large Language Models“, mit denen ChatGPT etwa arbeitet – ausschließlich mit weiblichen Quellen gefüttert wurde.

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Priska Pasquer nannte ihre Gruppenschau „Liminal“, ein Begriff, der einen Übergangs- oder Schwebezustand bezeichnet. Zehn weitere Künstlerinnen und Künstler sind beteiligt, darunter Aljoscha mit zahlreichen kleinen und großen Skulpturen, Warren Neidich mit beeindruckenden, bedeutungsschweren Wandobjekten und Mischa Kuball mit schwarzweißen Fotoarbeiten.

Alle Arbeiten verteilen sich zwanglos auf alle Räume, in denen im Übrigen gearbeitet wird. Zimmerpflanzen gibt es auch. „Man braucht sie nicht zu gießen und es gibt vielleicht einen Wertzuwachs“, lacht Pasquer. Jane Benson ist Schöpferin der künstlichen Artefakte, die mit ihren kantig geschnittenen Blättern in Pseudovasen aus Licht fangendem Plexiglas Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Von einem „White Cube“ ist dieser Galerieauftritt mitten in den Büroräumen von Neuland.ai also weit entfernt.

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Für diesen Text wurden schwerpunktmäßig die KI-inspirierten Beispiele herausgegriffen. Sie zeigen, dass Schwebezustände interessant sein können. Jedenfalls dann, wenn man selbst festen Boden unter seinen Füßen hat und die Kunst auch einmal aus der Distanz betrachten kann.

„Liminal“, Priska Pasquer Gallery, Konrad-Adenauer-Ufer 83, 50668 Köln, bis 30. April 2024

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