Revolutionen: Der 1839-Moment: Vom Abenteuer der Künstlichen Intelligenz
Viele Arbeitsschritte hat Allen in dieses imposant komponierte Bild investiert. Sein wichtigstes Tool: die KI-Software Midjourney.
Foto: Jason AllenDüsseldorf. „Die Kunst ist tot, Kumpel. Es ist vorbei.“ Genüsslich macht sich Jason Allen in der New York Times über das Entsetzen lustig, mit dem die Kunstwelt auf sein preisgekröntes, aber – wie er später der Jury offenbarte – mit Hilfe Künstlicher Intelligenz (KI) generiertes Gemälde reagierte. Eine detailreich ausgeschmückte, imposante Komposition, die Allen in unzähligen Arbeitsschritten weitgehend mithilfe der KI-Software „Midjourney“ bewerkstelligt hatte.
Heraus kam am Ende eine orientalistisch anmutende Szenerie mit drei weiblichen Gestalten, die ein wenig an die schwülstige Malerei des ausgehenden 19. Jahrhunderts erinnert. 300 Dollar hatte der amerikanische Spiele-Designer Ende August 2022 mit seinem Bild „Théâtre D'opéra Spatial“ gewonnen und einen Sturm der Entrüstung über das Wesen von Kunst ausgelöst. Ein User namens OmniMorpho sah auf Twitter bereits „das Sterben der Kunst direkt vor unseren Augen“.
Die Künstliche Intelligenz ist ein Schock. Sie macht Angst. So wie die Erfindung der Fotografie vor 184 Jahren. 1839 bekommt das Pariser Publikum zum ersten Mal technisch hergestellte und nicht wieder verschwindende Bilder von etwas zu sehen, das real existiert.
Und jeder handwerklich Begabte kann sich den Bauplan für die Kamera besorgen. Die französische Regierung hatte Louis Daguerre’s Entwicklung allgemein zugänglich gemacht. Nun fürchten Radierer, Lithografen und Kupferstecher um ihre Existenz. Porträt- und Miniaturmaler sehen sich bereits arbeitslos werden. „Von diesen Tag an ist die Malerei tot“, soll der Maler Paul Delaroche voller Schrecken ausgerufen haben.
Der Karikaturist Théodore Maurisset hat die „Daguerréotypomanie“, wie er sie nannte, 1839 treffend auf den Punkt gebracht. Auf seinem gleichnamigen Wimmelbild hängen die Vertreter der Maler- und Grafikerzunft am Galgen. Eine hysterische Öffentlichkeit steht derweil Schlange, um die sensationelle Erfindung der Fotografie in Augenschein zu nehmen. Die neuen „Daguerreotypisten“ freut es: „Wir machen Kunst, ganz ohne Künstler!“, heißt es unter einer anderen Karikatur von Jules Platier.
Kunst, ganz ohne Künstler: Dieser Ausruf könnte sich auch auf KI beziehen und aus dem Jahr 2023 stammen. Im Erregungspotenzial ähnelte die Erfindung der Fotografie jener der Bilder generierenden Künstlichen Intelligenz. Damals war es die realistische bildliche Darstellung, auf die Künstler nicht länger ein Monopol hatten.
Der Karikaturist bringt 1839 die Begeisterung und Neugierde des Publikums, aber auch die Angst der Grafiker vor der Arbeitslosigkeit auf den Punkt. Sie baumeln - rechts im Bild - reihenweise an Galgen.
Foto: Sammlung Hans GummersbachHeute ist es die künstlerische Kreativität selbst, die durch die KI scheinbar mühelos übernommen wird. Aber was ist dran an den damit einhergehenden Untergangsprognosen für menschengemachte Kunst? Auch hier liefert die Erfindung der Fotografie eine Indikation.
„Keine zwei Jahre, nachdem die Daguerreotypie vorgestellt worden war, können sich die Grafiker vor Aufträgen kaum retten“, stellt der Sammler Hans Gummersbach auf Nachfrage klar. Ihm gehört eine der weltweit großen Privatsammlungen rund um die frühe Fotografie. „Die Grafik boomt damals, weil sich die Daguerreotypie nicht vervielfältigen ließ“, erklärt er.
>>Lesen Sie hier --> Fotografie des 19. Jahrhunderts: Sammler Hans Gummersbach: Der Jäger des vergessenen Schatzes
Und die Maler? Sie schlittern allerdings in eine Krise. Denn ab 1841 ist die Technik so weit, dass Porträts fotografiert werden können. Ab 1854 sogar in Serie. André Adolphe-Eugène Disdéri entwickelt eine Kamera, mit der er acht Aufnahmen in einer Minute auf eine lichtempfindliche Platte belichten kann. Kundinnen suchen sich dann ihr bestes Bild aus. Das Publikum ist angefixt. Es sieht Napoleon III. mit seiner Familie zu Disdéri laufen. Die Fotografie wird ein Massenphänomen.
Mit der Künstlichen Intelligenz geht alles viel schneller: Allein in diesem Jahr seien über hundert neue KI-Bildgeneratoren auf den Markt gekommen, meldet der Blogger und Online-Unternehmer Finn Hillebrandt am 24. Mai. In seinem Blog stellt er die 14 besten KI-Bildgeneratoren vor, die er auf ihre Bildqualität, Bedienbarkeit und ihren Funktionsumfang für ein breites Publikum getestet hat.
Nach wenigen Jahren ist die Technik bereits so weit, dass sie die Sehnsucht nach dem eigenen Porträt befriedigen kann. Abgebildet ist ein Ausschnitt aus einer kolorierten Daguerreotypie aus dem Jahre 1855 im Format viertel Platte.
Foto: Sammlung Hans GummersbachWird also die KI dereinst den Tod der Kunst auf dem Gewissen haben? Davon ist nicht auszugehen. Jedenfalls nicht, wenn man sich anschaut, wie die von Charles Baudelaire so gegeißelte Fotografie langfristig Wirkung auf die Kunst entfaltete. Die Fotografie sei der Todfeind der Malerei, wetterte der französische Schriftsteller 1859 in seiner Streitschrift über „Die Fotografie und das moderne Publikum“. „Sie ist die Zuflucht aller gescheiterten Maler, der Unbegabten und der Faulen.“
Und doch ist die Malerei 164 Jahre nach diesen Worten immer noch am Leben. Und sie ist noch immer die Königsdisziplin der Bildenden Kunst – in Museen, Galerien und auf Messen. Das verdankt sie der intensiven und lang andauernden Auseinandersetzung mit der Fotografie.
Das ganze Feld der bildenden Kunst profitierte am Ende von diesem Wettstreit, wenn auch unter Druck. So nutzen die Maler fotografische Porträts als Vorlagen für ihre Bilder. Die Porträtfotografen versuchen umgekehrt die Bildnismalerei zu imitieren. Zu diesem Zeitpunkt beginnt die Malerzunft zu ahnen, dass sie Neuland betreten muss. Denn was bislang ihre vornehmste Aufgabe war – die Dinge genau wiederzugeben – kann die Fotografie so viel besser.
Wettbewerb und Innovationsdruck führen am Ende zu einer ungeheuren Befreiung von ästhetischen Normen. In diesem Klima verlassen die Impressionisten ihre Ateliers, um unter freiem Himmel zu malen. Expressionisten, Futuristen und Dadaisten folgen ihren rebellischen Impulsen.
Der Fotografie hingegen wird in diesem Diskurs bis in die 1960er-Jahre hinein oft nur eine Rolle am Rand der Kunstwelt zugebilligt. Einzelne sprechen ihr die Fähigkeit zur abstrakten Darstellung ab. Viele andere sehen das Konzept der Originalität durch ihre Reproduktionsfähigkeit unterhöhlt.
Gemessen an ihrer Wirkung hat es am Ende lange, über 130 Jahre gedauert, bis die Fotografie ihren anerkannten Platz in der Kunstgeschichte gefunden hat. Bei KI-generierten Werken geht es schneller. Das hat etwa die Ausstellung „Expect the Unexpected“ in diesem Frühjahr im Kunstmuseum Bonn gezeigt. Sie geht mit einem aufklärerischen Impuls auf ihr Publikum zu.
Dieses Bild entstand mithilfe eines Text-to-Image-Bildgenerators. Als Prompt gab Leitinger ein: „incredible digital artwork of a female god in space, colorful fairy waves, vivid, cinematic, synthwave, dreamy, 4k“.
Foto: https://robert-leitinger.com/ki-bilder/Das hat viel mit der Verunsicherung zu tun. Wie geht man etwa mit Kreationen um, die ahnungslosen Laien unter dem Label „KI-Kunst“ präsentiert werden? Mehr als 50 Bildbeispiele mitsamt ihren Prompts listet etwa der Web-Designer Robert Leitinger in seinem Blog „Diese Bilder habe ich mit künstlicher Intelligenz generiert“. Das Spektrum deckt alle möglichen Bildwelten ab, vom „unglaublichen digitalen Kunstwerk einer weiblichen Gottheit im Weltraum“ bis zu den Beatles im Stil von Gustav Klimt.
Zunächst einmal lässt sich ganz nüchtern feststellen, dass hier die Tür zu einer neuen Welt von Bildern aufgestoßen wird. Zu sehen ist, wie sich ein ästhetisches Urteil nach eigenen Maßstäben bildet und Erfahrungen im Umgang mit dem Werkzeug KI gesammelt werden.
Bildung gegen die Angst
Heutige Betrachter sind oft gleichzeitig Anwender und keinesfalls mehr so unbedarft wie die ostwestfälische Bäuerin vor 180 Jahren, die sich nicht fotografieren lassen wollte, weil sie annahm, das Foto würde ihre Seele rauben. Sie war eben ungebildet auf diesem Gebiet.
„Diese Bildung aber brauchen wir heute, um das Thema KI verstehen und durchschauen zu können“, betont der Sammler Hans Gummersbach. Ja, er habe etwas Angst vor der Künstlichen Intelligenz: „Es ist ein hoch manipulatives Medium. Es geht über das manipulative Potenzial von Google weit hinaus.“
An dieser Stelle kommt die Kunst wieder ins Spiel. Was leistet sie in diesem Frühstadium der KI-Entwicklungen? Welche Rolle können Künstlerinnen und Künstler spielen? Und wie unterscheidet sich ihr Tun von dem des KI-Bilder generierenden Laien?
„Neue (Bild-) Techniken im User Bereich werden oft entwickelt, um den Absatz der Endgeräte zu erhöhen“, erklärt die Künstlerin Beate Gütschow in dem Buch „noPublication“ der Künstlergruppe „darktaxa-project“. Für die Kunst formuliert sie vorsichtig: „Könnte die Rolle von Künstlerinnen und Künstlern bei technischen Neuerungen ein praktisches Reflektieren sein“, fragt Gütschow.
Könnte sie darin bestehen, dass sie – im übertragenen Sinne – zurücktreten, „um die Neuerung, möglicherweise eine vermeintliche Verbesserung, außerhalb eines wirtschaftlichen Zusammenhangs zu betrachten?“ Genau das macht das darktaxa-project, wohlwissend, dass in diesem Pionierstadium der Auseinandersetzung mit der Künstlichen Intelligenz noch so viele Fragen offen sind.
Produktivität einer kritischen Distanz
Was Gütschow und ihre Mitstreiter von dem bildgenerierenden Laien unterscheidet, ist eben diese kritische Distanz und ein daraus erwachsenes künstlerisches Konzept. Tools werden ausprobiert, auf ihre Funktionsweise durchleuchtet und gegen ihre Bestimmung angewendet. „Ich versuche, den Einsatzzweck der Programme zu verkehren, sie gegen sich selbst einzusetzen, so erhält man Einblick in ihre Substruktur, in ihre Wirkweisen“, heißt im darktaxa-Manifest.
Künstler leisten sich ein nachhaltiges „Misstrauen“ gegenüber den von uns eingesetzten, aber „nicht zur Gänze verstehbaren und durchdrungenen Werkzeugen“. So formuliert es darktaxa-Mitglied Michael Reisch. Sich selbst sieht Reisch in der Verantwortung, ein grundlegendes Verständnis zu ermöglichen. „Ich lege meine oft sehr komplexen Arbeitsprozesse offen und erkläre sehr genau, was, wie mit welchen Tools gemacht ist“, erläutert der Künstler im Gespräch mit dem Handelsblatt.
Die Zusammenstellung der Videostills vermittelt eine Vorstellumg vom Zusammenspiel von Mensch und Maschine. Der Künstler beschreibt es als fortgesetzte Interaktion, in die er steuernd eingreift.
Foto: Michael ReischFür die Kunst sind KI-Tools so etwas wie eine Erweiterung. Sie werden die herkömmlichen Medien und Techniken nicht verdrängen, sondern neben und mit ihnen existieren. Dabei übernimmt KI für den Künstler kreative Prozesse. Reisch beschreibt das Zusammenspiel als fortgesetzte Interaktion, in die er steuernd eingreift.
Er lässt „die Maschine“ nicht einfach machen. Er inspiriert sie, reagiert auf ihre Ergebnisse, wenn sie ihm interessant erscheinen, er provoziert sie. Aus Sicht des Künstlers können KI-generierte Bilder daher selbstverständlich Kunst sein und sollten urheberrechtlich auch geschützt werden können.
Charles Baudelaire konnte sich Fantasie im Zusammenhang mit der technischen Fotoapparatur nicht vorstellen. Sein Zeitgenosse, der Erfinder Joseph Nicéphore Niépce dagegen erklärte völlig begeistert: „Ich stehe am Tor einer neuen Welt“. Da ungefähr stehen auch jene Künstlerinnen und Künstler, die sich heute auf das Abenteuer der Künstlichen Intelligenz einlassen.