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  4. Seit fünf Jahrzehnten ist Hans Gummersbach auf der Jagd nach Fotografien des 19. Jahrhunderts

Fotografie des 19. JahrhundertsSammler Hans Gummersbach: Der Jäger des vergessenen Schatzes

Hans Gummersbach ist einer der wenigen Sammler, die sich in Deutschland mit der Frühzeit der Fotografie befassen. Das Kunstmuseum Ahlen zeigt seine fulminante Kollektion.Christiane Fricke 24.02.2022 - 07:40 Uhr Artikel anhören

Auf dem perfekt kolorierten Bildnispaar lässt eine spezielle Ritztechnik die Perlen im Haar nur so funkeln.

Foto: Sammlung Hans Gummersbach

Als Hans Gummersbach im Kunstmuseum seiner Geburtsstadt Ahlen die Ausstellung über seine Sammlung zur Frühgeschichte der Fotografie eröffnet, hängt das Publikum gebannt an seinen Lippen. „Heute werden 350 Millionen Fotos auf Facebook täglich gepostet, pro Sekunde 4050 Bilder“, führt der eloquente 67-Jährige vor Augen. Und nun möge man sich einmal vorstellen, wie es war, als das Pariser Publikum im Jahr 1839 zum ersten Mal überhaupt technisch hergestellte und nicht wieder verschwindende Bilder von etwas zu sehen bekamen, was real existierte.

Und diese nach ihrem Erfinder Louis Daguerre benannten „Daguerreotypien“ waren allesamt Unikate! Langwierig sowie gesundheitsschädigend in der Herstellung, und irritierend anzuschauen, weil die silberne Bildoberfläche so merkwürdig spiegelte. Erst aus dem richtigen Winkel betrachtet, ließ so eine Fotografie den Bildgegenstand sichtbar werden; aber dann in sensationeller, geradezu erschreckender Schärfe.

Gemessen daran, welche dramatischen Impulse die Erfindung der Fotografie bis heute setzte, von der abstrakten Kunst über Film- und Medienkünste bis hin zu allgegenwärtigen Social Media-Anwendungen, ist das Interesse an ihren Anfängen erschreckend gering in Deutschland. Die Zahl der Sammler, die sich hierzulande mit dem Spektrum früher fotografischer Bildproduktion vertieft beschäftigt, kann man an den Fingern einer Hand abzählen. Dasselbe gilt für entsprechend spezialisierte Museumskuratoren.

Und so ist es nicht erstaunlich, dass die in fünf Jahrzehnten gewachsene Privatsammlung erst heute öffentlich gezeigt wird. Dafür wurden keine Kosten und Mühen gescheut.

Es gibt in Ahlen, der zweiten Station nach Schweinfurth, allein sechs speziell konstruierte Wandvitrinen mit indirekter LED-Beleuchtung für die kleinformatigen Daguerreotypien. Es gibt freistehende Vitrinen für die hintereinander gestaffelten Kulissenbilder und für die vielfältigen Gerätschaften zur Bildherstellung und Betrachtung. Und es gibt Bildträger für Grafiken, die der Betrachter über einen Schalter von vorne und hinten illuminieren kann. So verwandelt sich etwa eine Ruinenlandschaft in eine von Gespenstern bevölkerte Nachtszene.

Das Interesse des Sammlers beschränkt sich nicht auf die Bildproduktion, sondern umfasst den gesamten kulturhistorischen Kontext der Frühzeit der Fotografie. Dazu gehören Gerätschaften, Reproduktionsgrafiken, Dokumente, zeitgenössische Bücher, frühe Karikaturen zur Fotografie, Schmuckobjekte mit Daguerreotypien und alte Werbematerialien.

Foto: privat

„Mich hat das kulturgeschichtliche Phänomen immer als Ganzes interessiert und fasziniert“, beantwortet Gummersbach die Frage, warum es in seiner Sammlung so viele Dinge rund um das Bildprodukt herum gibt. Deshalb gab es für ihn auch kein Halten mehr, als er bei seinen Streifzügen durch den Handel auf ein Lotterielos von 1852 stieß, bei dem es eine „machine Daguerreotype“, eine Kamera, zu gewinnen gab.

Die Begeisterung des promovierten Historikers geht so weit, dass er jüngst sogar eine vom Schwager Daguerres signierte Kaminuhr erstand. Auf den ersten Blick scheint dieses Objekt nichts mit der Fotografie zu tun zu haben.

Doch für den Sammler hat es beispielhaften Charakter. Erzählt es doch die Geschichte eines Unternehmers, der einen Laden für dekorative Accessoires führte, als er nach der Anleitung Daguerres die erste Kamera der Welt baute und damit – wie so viele in Europa und Amerika – ein neues, interessantes Geschäftsfeld entdeckte.

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Der vergessene Foto-Pionier

Gummersbach ist weltweit bestens vernetzt. Das spiegelt auch die Geschichte von so manchem Stück. Im Raum für die Stereo-Daguerreotypien fällt ein Rückenakt à la Ingres ins Auge, den vermutlich Bruno Braquehais fotografierte. Es ist ein perfekt koloriertes Bildnispaar, auf dem eine spezielle Ritztechnik die Perlen im Haar nur so funkeln lässt. Bevor es in die Kollektion Gummersbach gelangte, befand es sich in den Sammlungen von Uwe Scheid und Serge Nazarieff.

Eine Daguerreotypie mit zwei Schach spielenden Damen erstand der Sammler bei dem Fotogaleristen Hans P. Kraus Jr. in New York. Das ungewöhnliche Bildnis ist mit einem nach Renaissancevorbildern gestalteten Hintergrundbild ausgestattet und stammt aus jenem kleinen Teil der Rubel Collection, der nicht ans Metropolitan Museum ging.

Auf diesem sorgsam kolorierten Selbstporträt überreicht der chic gekleidete Chemiker und Fotoamateur seinem Töchterchen ein Gänseblümchen.

Foto: Sammlung Hans Gummersbach

„Ich und mein Luischen“ betitelte der Hamburger Chemiker und Fotoamateur Carl Eduard Biewend das 1851 datierte Selbstporträt, auf dem zu sehen ist, wie er seinem Töchterchen ein Gänseblümchen überreicht. Diese erstaunlich intime Szenerie erstand Gummersbach über einen süddeutschen Händler.

Eine Variante im gleichen Passepartout nebst weiteren Familienbildern, die in die kanadische Nationalgalerie gelangten, befand sich einst in der Sammlung Werner Bokelberg. Das Selbstporträt mit dem Töchterchen ist eines von Hans Gummersbachs Lieblingsbildern.

Ungewöhnlich an dieser sensationell erotischen, halben Stereo-Daguerreotypie aus dem Jahr 1855 ist nicht nur das gelöste Haar.

Foto: Sammlung Hans Gummersbach

Es gibt allerdings sehr viele Lieblingsbilder in dieser inzwischen auf über 2000 Objekte angewachsenen Sammlung. Zu ihnen gehört ein 1842 aufgenommenes „Memento Mori“. Ein Selbstporträt von Alphonse Bertrand, der einen Blick auf seine Taschenuhr wirft. Stolz ist Gummersbach auch auf eine um 1850 entstandene Ambrotypie im „Mammut“-Format von 50 mal 50 Zentimetern. Entdeckt hat er die original gerahmte, auf Glas belichtete Rarität in England.

Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts entstand die von verschiedenen Fotografen aufgenommene Porträtfolge zeitgenössischer Berühmtheiten wie Charles Baudelaire oder Georges Sand. Gummersbach besitzt ca. 190 Blätter dieser 243-teiligen Serie. Zur Entstehungszeit herrschte eine so heftige Nachfrage, dass sie nur dank der Erfindung der hochwertigen Drucktechnik Woodburytypie zu bedienen war.

Auf ein bürgerliches Publikum zielte auch die in zwölf Lieferungen und mit begleitenden Texten veröffentlichte Bildserie über das Leben der Ärmsten. „London Nomades“ gehört zu den frühesten Beispielen sozialpolitischer Straßenfotografie, die dann im 20. Jahrhundert Aufschwung nehmen sollte.

Mit diesen, bereits auf ein sammelndes Publikum zielenden Bildserien ist die Ausstellung ans Ende gelangt; nicht jedoch Hans Gummersbach. Zwar quält ihn die Vorstellung ein wenig, die Sammlung könnte einst auseinandergerissen und unter Wert verstreut werden. Doch noch lässt er sie wachsen, und das verfolgt ihn sogar im Schlaf.

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Einmal träumte er, dass ihm ein befreundeter US-Sammler seine spektakuläre Sammlung überlassen wollte. „Du kannst alles haben“, sagte er ihm. „Aber nur für einen Monat. Welch ein Albtraum!“

Die Ausstellung „Neue Wahrheit? Kleine Wunder! Die frühen Jahre der Fotografie“ läuft im Kunstmuseum Ahlen, bis 29.5.; Kunstsammlung Jena, 2.7. bis 6.11.2022. Der Katalog kostet 29 Euro, 33 Euro im Buchhandel.

Mehr: Sammlerporträt: Dem Surrealismus auf der Spur

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