Energie: 4,6 Milliarden Euro für den Wasserstoff – So startet der Umbau in Deutschland
Düsseldorf. Die Wasserstoffrevolution kommt in Bewegung: Im niedersächsischen Lingen soll eine Anlage zur Herstellung von grünem Wasserstoff entstehen, in Rüdersdorf in Brandenburg soll das nachhaltige Gas unterirdisch gespeichert werden, und in Hamburg werden Leitungen geplant. Es sind drei von insgesamt 33 Projekten, die am Donnerstag nach Jahren der Wartezeit die notwendige Zusage aus Brüssel bekommen haben.
Die sogenannten IPCEI-Projekte (Important Project of Common European Interest) sollen zur Umsetzung der deutschen Wasserstoffstrategie beitragen und werden von Bund und Ländern mit insgesamt 4,6 Milliarden Euro gefördert. Dazu brauchte es die Erlaubnis der Europäischen Union. Wirtschaftsminister Robert Habeck sprach von einem Meilenstein für den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft.
Unter den geförderten Projekten befinden sich gleich drei des norddeutschen Energiekonzerns EWE. Das Unternehmen aus Oldenburg will grünen Wasserstoff nicht nur produzieren, sondern auch verteilen, speichern und handeln: „Wir brauchen einen parallelen Hochlauf von Infrastruktur und nicht hier mal einen Elektrolyseur und da mal einen Wasserstoffbus. Es braucht einen Systemhochlauf“, sagt EWE-Chef Stefan Dohler im Gespräch mit dem Handelsblatt.
Bei Großprojekten gebe es bei der Umsetzung zwar noch Zurückhaltung, auf regionaler Ebene bewege sich aber sehr wohl etwas. Es würden bereits Grundstücke gekauft und Netzanschlüsse reserviert, um mehr Elektrolyseure ans Netz zu bringen. So nennt man die Anlagen, mit denen der grüne Wasserstoff hergestellt wird. Auch die Betreiber der Übertragungsnetze bestätigen, dass die Zahl der Anfragen gestiegen sei.
Nach Jahren theoretischer Ziele und Diskussionen geht es für die Wasserstoffwirtschaft in die Umsetzung. In Summe seien die Anfragen für einen Netzanschluss bei Tennet im vergangenen Jahr deutlich gestiegen, teilte ein Sprecher des Übertragungsnetzbetreibers dem Handelsblatt auf Anfrage mit. Nach Kapazität machten die Wasserstoffprojekte mit Abstand den größten Anteil dieser Anfragen aus. Auch in diesem Jahr gibt es bereits Anfragen.
Grüner Wasserstoff gilt als wichtiger Baustein für die Energiewende. Überall dort, wo Strom keine Lösung ist, soll grüner Wasserstoff der Industrie bei der Energiewende helfen. In manchen Branchen gilt er sogar als die einzige Alternative zu fossilen Brennstoffen, beispielsweise in der Chemie-, Zement- oder Stahlindustrie. Auch im Schwerlastverkehr soll grüner Wasserstoff eingesetzt werden.
Hergestellt wird das nachhaltige Molekül mithilfe des Elektrolyse-Verfahrens aus erneuerbarem Strom. Am Ende wird grüner Wasserstoff entweder direkt eingesetzt oder zu grünem Ammoniak oder grünem Methanol weiterverarbeitet. Der Bedarf ist riesig. Die Bundesregierung will bis 2030 zehn Gigawatt an grünem Wasserstoff hierzulande produzieren. Noch sind die Mengen auf dem Markt allerdings gering.
Dafür sind die Ankündigungen umso üppiger. Wenn alle angekündigten Projekte umgesetzt werden, könnte es bis 2030 knapp 38 Millionen Tonnen emissionsarmen Wasserstoff weltweit geben, analysieren Experten der Internationalen Energieagentur in ihrem aktuellen Wasserstoffreport. Das Problem: Nur für vier Prozent der Mengen wurde bereits eine endgültige Investitionsentscheidung (FID) getroffen.
„Es ist eigentlich alles da. Wir haben eine Produktion, mit der wir bis 2030 die Hälfte des europäischen Bedarfs an Elektrolyseuren decken könnten, wir haben Partnerschaften und eine gut gefüllte Projektpipeline. Aber es fehlen finale Investitionsentscheidungen“, sagte auch Siemens-Energy-Vorständin Anne-Laure de Chammard auf dem Handelsblatt-Energiegipfel Ende Januar. Das Unternehmen produziert Anlagen zur Herstellung von grünem Wasserstoff.
Während die Großprojekte noch auf die richtigen Preissignale warten, gebe es in Deutschland allerdings eine kleine Gegenbewegung des Mittelstands, sagt Katherina Reiche, Chefin der Eon-Tochter Westenergie und Vorsitzende des Nationalen Wasserstoffrates.
„Über 120 Mittelständler gehen mit kleineren Projekten regional voran und treiben auf diese Art und Weise kleine regionale Cluster“, sagte die Managerin auf dem Handelsblatt-Energiegipfel. Das werde zwar in der Masse nicht reichen, aber tatsächlich tue sich auf lokaler Ebene mittlerweile so einiges.
Das ist nicht nur bei EWE in Oldenburg, sondern auch beim Stahlhersteller Salzgitter der Fall. „Alle Anlagen sind bereits bestellt, und die Auftragsbücher für die ersten Chargen grünen Stahl, den wir ab 2026 produzieren wollen, füllen sich“, verkündete Salzgitter-Chef Gunnar Groebler am Donnerstag auf LinkedIn.
Während die finale Investitionsentscheidung in Salzgitter schon gefallen ist, steht sie bei anderen noch aus. Auch bei EWE in Oldenburg muss noch festgelegt werden, wie viel Geld wirklich in den Aufbau der Wasserstoffwirtschaft fließen soll. Der norddeutsche Energiekonzern plant bereits zwei Elektrolyseure in Bremen und Emden, die bei Fertigstellung 40.000 Tonnen Wasserstoff pro Jahr produzieren sollen.
In Rüdersdorf wird außerdem getestet, wie gut sich das Molekül unterirdisch speichern lässt. Insgesamt plant das Unternehmen mit einem Investitionsbedarf von 750 Millionen Euro. „Die Frage ist, ob wir noch mehr investieren. Möglich wäre ein Gigawatt bis 2030“, so Dohler.
Dafür startet das Unternehmen ab Ende Februar erst einmal eine bundesweite Bedarfsabfrage zum Thema Wasserstoff. Die Umfrage richtet sich an Vertreter der Industrie, des Verkehrs, aber auch an Händler. Je nach Ergebnis will EWE seine geplante Erzeugungskapazität für grünen Wasserstoff weiter ausbauen.
Kleinere Projekte haben einen Kostenvorteil
Über die gestiegenen Kosten mit Blick auf hohe Zinsen, Inflation und allgemeine Lieferkettenprobleme macht Dohler sich keine Sorgen. „Wir haben verschiedene Kostensimulationen durchgerechnet und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass sich das Geschäft in unseren Projekten rechnet“, erklärt er. Kleinere Projekte haben aktuell definitiv einen Kostenvorteil, sieht auch Siemens Energy-Managerin de Chammard.
Insgesamt seien Projektkosten im Schnitt um die 50 Prozent gestiegen, erklärt sie. Statt einen Schritt in Richtung industrieller Großprojekte zu machen, gingen deswegen viele erstmal wieder zu kleineren Projekten über.