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LeserforumHaben Sie noch Verständnis für die Streiks? – Eine Debatte

Verdi und GDL legen den Verkehr für zwei Tage lahm. Wie blickt die Leserschaft auf die erneuten Streiks? Lesen Sie hier eine Auswahl der Kommentare.Johanna Müller 07.03.2024 - 11:02 Uhr
GDL-Chef Weselsky: Er fordert die Reduzierung der Arbeitszeit von 38 auf 35 Stunden pro Woche bei vollem Lohnausgleich. Foto: REUTERS

Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) und das Lufthansa-Bodenpersonal streiken diesen Donnerstag und Freitag erneut. Solange die Bahn nicht auf die Forderungen eingeht, droht die GDL mit weiteren, auch unangekündigten Streiks.

Wir haben in der Leserschaft nachgefragt, ob sie Verständnis für die Streikenden hat.

Das Stimmungsbild ist recht eindeutig: Den meisten gehen die Streiks, wie es ein Leser ausdrückt, „total auf die Nerven“. Viele finden die Forderungen „teils deutlich überzogen“. Ein Leser nennt den Kampf der Gewerkschaften um „Arbeitszeitverkürzung und mehr Lohn“ bei gleichzeitigem „Mangel an Fachkräften“ einen „Traum vom Schlaraffenland“, ein anderer bezeichnet das Vorgehen der Gewerkschaften als fern der „wirtschaftlichen Realitäten“.

Einige Leser bemängeln auch die Gewerkschaftsstruktur in Deutschland. In jeder Branche sollte es „nur eine Gewerkschaft geben“, schreibt ein Leser und erhält Zustimmung: „Mehrere Gewerkschaften pro Verkehrssparte mit internem Konkurrenzkampf“ würden die deutsche „Reiseverkehrsindustrie“ lahmlegen. Reisen seien dadurch „praktisch nicht mehr planbar“, argumentiert ein Leser weiter und fordert „strukturelle Änderungen“.

Deutlicher drückt es ein anderer Leser aus: „Es ist Zeit, das Streikrecht einzuschränken.“

Andere haben hingegen Verständnis für die Streikenden und „volles Unverständnis für die Zögerlichkeit der Arbeitgeber“, die ja selbst „in der Vergangenheit für einen Fachkräftemangel gesorgt“ hätten, so ein Leser. Eine andere Leserin argumentiert, es sei wichtig, „dass die Angestellten der Bahn so gut bezahlt werden, dass genügend Menschen diesen Beruf reizvoll finden“. Denn wenn der Zugverkehr gut klappt, müssten weniger Menschen auf Auto und Lkw zurückgreifen, und die „Straßen und die Luft“ würden weniger belastet.

Für unser Leserforum haben wir aus den Zuschriften eine Auswahl für Sie zusammengestellt.

Wer, bitte, arbeitet 35 Stunden?

„Gefühlt sind Bus-, Bahn- und Flugverkehr im Dauerstreik, und mir persönlich geht das total auf die Nerven. Herr Weselsky tut dabei so, als ob eine 35-Stunden-Woche quasi ein Naturgesetz ist, gegen das sich die Bahn (bei Arbeitskräftemangel) unverschämterweise sträube.

Wer, bitte, arbeitet denn in Deutschland alles 35 Stunden? Ich nicht.

Mehrere Gewerkschaften pro Verkehrssparte mit internem Konkurrenzkampf legen die deutsche Reiseverkehrsindustrie lahm und sorgen dafür, dass Reisen praktisch nicht mehr planbar sind – und das auch noch bei sowieso sehr hohen Kosten und Unzuverlässigkeit bei der Bahn in einem ‚führenden Industrieland‛. Geht’s noch?

Hier müssen meiner Meinung nach dringend strukturelle Änderungen passieren.“
Hans Jörg Schütz

Ich habe volles Verständnis für die Streiks

„Ich habe volles Verständnis für die Streiks der Gewerkschaften. Und volles Unverständnis für die Zögerlichkeit der Arbeitgeber.

Die Arbeitnehmer sind in der besseren Verhandlungsposition, da ja arbeitgeberseitig in der Vergangenheit für einen Fachkräftemangel gesorgt wurde und höhere Löhne nicht gezahlt wurden.

Gegen bessere Arbeitsbedingungen ist sowieso nichts einzuwenden. Das sollten Arbeitgeber langsam verstehen.

Lufthansa hat zumindest begriffen, dass deren Service Schrott ist.“
Klaus Fuchs

Ein Leser findet es „unglaublich, dass nach vier, fünf Streikrunden keine Ergebnisse erzielt werden“. Foto: IMAGO/HEN-FOTO

Die Rechnung wird nicht aufgehen

„Das Vorgehen der Gewerkschaft zeigt, dass immer mehr Menschen in unserem Land der Sinn für wirtschaftliche Realitäten abhandengekommen ist. Während allenthalben der Mangel an Fachkräften beklagt wird, kämpft man um Arbeitszeitverkürzung und mehr Lohn.

Diese Rechnung wird auf Dauer nicht aufgehen. Wie lange stehen wir diesen Traum vom Schlaraffenland noch durch?
Das Erwachen wird eines Tages bitter sein.“
Klaus Brodbeck

Dafür sind Gewerkschaften ja da, aber ...

„Die Gewerkschaften möchten mehr für ihre Mitglieder tun, ja, dafür sind sie da. Aber alle Fahrgäste und letztendlich der Steuerzahler dürfen das mit höheren Preisen und Abgaben bezahlen.

Hier werden die Fahrgäste geschädigt und als Druckmittel gegenüber der Politik genutzt.

Ich habe kein Verständnis mehr für den Streik.“
Wolf Heering

Wie wäre es, Fahrgäste kostenlos zu transportieren?

„Ich kann kein Verständnis dafür haben. Erstens bin ich auf Bahn, Flugzeug und Auto angewiesen. Marode Brücken und Sperrungen derselben in NRW und Streiks sorgen für noch mehr Staus als normalerweise.

Die Streiks schaden nur den Fahrgästen. Was wäre, wenn Fahrgäste kostenlos transportiert würden?“
Sylvia Türr

Ich bin eigentlich ein großer Fan der öffentlichen Verkehrsmittel

„Ich betrachte die Streiks vieler Gewerkschaften hierzulande mittlerweile sehr kritisch. Das Recht auf Streik ist wichtig, aber angesichts der aktuellen gesamtwirtschaftlichen Lage halte ich viele Forderungen der Gewerkschaften für teils deutlich überzogen.

Mir persönlich wäre eine Interessengemeinschaft, die sich für regelmäßige Erhöhungen des Mindestlohns in Deutschland einsetzt, deutlich lieber als die nächste Einmalzahlung für Lokführer, Piloten und Co.

Ganz nebenbei fehlen selbst mir als großem Fan öffentlicher Verkehrsmittel bei Diskussionen um die Verkehrswende langsam die Argumente pro Bahn …“
Kai Globig

Auch die Gewerkschaft Verdi fordert für das Lufthansa-Bodenpersonal bessere Arbeitsbedingungen: 12,5 Prozent mehr Gehalt und einen Inflationsausgleich von einmalig 3000 Euro. Foto: dpa

Streikrecht einschränken

„Warnstreiks in Deutschland – mein Verständnis ist am Ende, wenn durch massive Einschränkungen im öffentlichen Leben und der Wirtschaft die Allgemeinheit in Mitleidenschaft gezogen wird.
Die Freiheit der Streikenden endet, wo meine beginnt.

Unsere Volkswirtschaft, ihr Ansehen und ihre Attraktivität nehmen durch die häufigen und langen Warnstreiks massiven Schaden.
Es ist Zeit, das Streikrecht einzuschränken, um die negativen Auswirkungen zu minimieren.“
Ralf Drauz

Die ewigen Streiks gehen mir nur noch auf den Geist

„Mir gehen die ewigen Streiks nur noch auf den Geist. Trotz massiv drohendem Fachkräftemangel soll die Arbeitszeit verkürzt werden. Wie wäre es, wenn die Beschäftigten dafür streiken würden, dass endlich die Voraussetzungen für pünktliche Züge und ein insgesamt besseres Bild der Bahn geschaffen würden?

Sollen wir nicht langsam mal alle daran denken, das Land wieder nach vorn zu bringen?

Warum gibt es weder bei der Bahn noch bei den Gewerkschaften fähige Leute, die wirklich verhandeln können?“
Stephan Dalemans

Der Beruf muss reizvoll sein

„Es wäre doch wichtig zu wissen, wie in der Schweiz solche Dinge geregelt sind: Sind dort die Zugführer Beamte ? Dort klappt der Zugverkehr so wie früher auch bei uns.

Da es so wichtig ist, dass weniger Autos und endlich weniger Lkw die Straßen und die Luft belasten, wäre es unbedingt wichtig, dass die Angestellten der Bahn so gut bezahlt werden, dass genügend Menschen diesen Beruf reizvoll finden, dass es nicht immer wieder vorkommt – wie hier in Hamburg Altona –, dass Züge morgens nicht losfahren können, weil der Zugführer von der letzten Schicht noch zu müde war, um rechtzeitig den morgendlichen Zug in den Süden zu starten.“
Bettina Bielefeld

Die GDL verkauft die Ziele nicht optimal

„Erkennbar versteht die GDL mehr von gutem Management als der Bahn-Vorstand: Wie mache ich die Jobs attraktiv und sorge dafür, dass genug Personal zur Verfügung ist, damit auch in die Zukunft gedacht, ein ordentlicher Betrieb möglich ist/wird?

Die GDL verkauft ihre Ziele nicht optimal, weil sie nicht kundenorientiert argumentiert und die Themen Personalakquise und gesicherter, sprich pünktlicher Bahnbetrieb nicht in den Fokus stellt.

Die 35-Stunden-Woche und die damit verbundenen Lohnforderungen sollten nach meinem Verständnis nur das Mittel zum Zweck und kein egoistischer Selbstzweck sein, oder?“
Rolf Rimbach

Das alles hinterlässt Schäden

„Es ist unfassbar wie die Gewerkschaften argumentieren und die Unternehmen, also die Arbeitgeber, belasten.

Unzufriedene Kunden und Reputationsschäden hinterlassen dauerhafte Schäden. Abgesehen davon geht von den extremen Forderungen (zehn Prozent mehr Vergütung bei weniger Arbeitszeit) eine Strahlwirkung auf den übrigen Arbeitsmarkt aus, die in Zeiten von Personalmangel die vielen kleinen und mittleren Unternehmen an die Leistungsgrenze bringen.

Die Gesamtstimmung in der Gesellschaft wird dadurch nicht verbessert, und es ist unglaublich, dass nach vier, fünf Streikrunden keine Ergebnisse erzielt werden.“
Wolfgang Preuß

„35 Stunden streikt die GDL, damit jeder in der Republik merkt, worum es uns geht: nämlich um die 35-Stunden-Woche“, so Weselsky. Foto: dpa

Ich hoffe auf autonome Züge

„Ich habe keinerlei Verständnis für Streiks bei einem Angebot für eine prozentual zweistellige Lohnerhöhung. Mit diesen Ansprüchen haben die Streikenden den falschen Beruf gewählt. Die wollen bezahlt werden wie Piloten und fahren nur auf Schienen. Ich hoffe auf baldiges autonomes Fahren von Zügen.

Ein Unding ist schließlich diese Spartengewerkschaft neben der EVG; grundsätzlich sollte es in jeder Branche nur eine Gewerkschaft geben, bitte endlich Zwangsfusion.

Vom Gesetzgeber fordere ich eine Begrenzung dieses Streikrechts oder die Wiedereinsetzung von Beamten in der kritischen Infrastruktur.“
Stefan Giebisch

Der Scharfmacher Weselsky

„Verständnis für Streikende als überzeugter Demokrat ja – Verständnis für unverantwortliche Gewerkschaftsbosse nein. Das zunehmend vergiftete Klima in Deutschland, das auch ein wichtiger Treiber der neuen Streikwut ist, geht erheblich auf das Konto dieser gnadenlosen Selbstdarsteller.

Der Lokführerstreik betrifft seit Donnerstagmorgen erneut Millionen von Fahrgästen. GDL-Chef Claus Weselsky rechtfertigte den andauernden Arbeitskampf damit, dass die Deutsche Bahn zu stur sei, sich auf die Forderungen der Gewerkschaft einzulassen.

An ihrer Spitze steht GDL-Scharfmacher Weselsky mit seiner vulgären, nur auf Eskalation zielenden Rhetorik.

Streiks künftig nicht mehr früh genug anzukündigen passt dazu und ist eine bewusste pure Provokation.

Hoffentlich erkennen die Gewerkschaftsmitglieder bald, dass ihnen solche ichbezogenen ‚Interessenvertreter‛ letztlich üble Bärendienste erweisen.

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Die Arbeitgeberseite befreit das aber nicht von ihrer Pflicht, an der Lösung von Tarifkonflikten durch faire Kompromisse aktiv mitzuwirken. Wer will, mag das ‚einlenken‛ nennen.“
Frank Linnig

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