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Transformation der WirtschaftDiese zwölf Chemieparks stehen für 14 Prozent der CO2-Emissionen der Industrie

WWF und Öko-Institut haben die CO2-intensivsten Chemieparks in Deutschland identifiziert und machen Vorschläge, wie der Ausstoß von Treibhausgasen verringert werden könnte.Silke Kersting, Klaus Stratmann 12.03.2024 - 07:19 Uhr
Chemiepark in Leverkusen: Da die Chemieindustrie besonders viele Treibhausgase ausstößt, kommt ihr eine besondere Rolle beim Klimawandel zu. Foto: dpa

Berlin. Die Chemieindustrie gehört zu den energieintensiven Industrien in Deutschland – und damit auch zu den Schwergewichten beim CO2-Ausstoß. Auf dem Weg zur Klimaneutralität bis 2045 ist die Branche also von besonderer Bedeutung.

Der Chemiepark mit den höchsten CO2-Emissionen in Deutschland ist nach Berechnungen der Umweltorganisation WWF und des Öko-Instituts der von BASF in Ludwigshafen, gefolgt von Chemieparks in Köln/Dormagen, Wesseling und Marl. Weitere große Chemieanlagen, auf denen sich in der Regel verschiedene Unternehmen angesiedelt haben, sind über die ganze Bundesrepublik verteilt.

Insgesamt haben WWF und Öko-Institut die zwölf größten Chemieparks identifiziert, die nach Angaben der Institute zusammen für rund 23 Millionen Tonnen CO2 verantwortlich sind. „Das sind ganze drei Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen in Deutschland oder 14 Prozent der Emissionen des Industriesektors“, heißt in der Bestandsaufnahme, die am heutigen Dienstag veröffentlicht werden soll und dem Handelsblatt bereits vorliegt.

Ein klimafreundlicher Umbau der zwölf größten Chemieparks, so die Schlussfolgerung der Untersuchung, würde also einen erheblichen Beitrag zum Klimaschutz in Deutschland leisten.

Bislang ist die Chemieindustrie stark abhängig von Öl und Gas. WWF und Öko-Institut machen deswegen konkrete Handlungsvorschläge, wie die Emissionen verringert werden könnten. 

Elektrifizierung soll CO2-Emissionen verringern

So raten sie dazu, möglichst überall dort, wo Prozesswärme heute noch mittels fossiler Energien bereitgestellt wird, auf eine Elektrifizierung umzustellen. Der Strom für die elektrisch hergestellte Wärme soll dabei aus erneuerbaren Quellen stammen. Um das zu ermöglichen, müsse der Ausbau der erneuerbaren Energien stärker vorangetrieben werden. Dafür müsse sich auch die Industrie selbst einsetzen, fordert die Organisation.

BASF erklärte auf Nachfrage, in Ludwigshafen neben kontinuierlichen Verbesserungsprozessen an bestehenden Anlagen und dem Einsatz biobasierter Rohstoffe verstärkt erneuerbare Energien einzusetzen. Die Entwicklung und der Einsatz CO2-freier Verfahren werde vorangetrieben, um die Emissionen weiter zu reduzieren, hieß es.

Um den künftigen Bedarf an erneuerbarer Energie zu decken, habe sich BASF Zugang zu Energie aus Photovoltaik- und Windkraftanlagen gesichert, etwa durch eine Beteiligung am Offshore-Windpark Hollandse Kust Zuid. Zudem gebe es langfristige Grünstromlieferverträge und auch der Bau eines Solarparks sei in Ludwigshafen geplant.

Laut dem WWF stammen 40 Prozent der Emissionen der zwölf größten Chemieparks nicht aus den eigentlichen Produktionsprozessen, sondern aus Anlagen mit Kraft-Wärme-Kopplung (KWK). Diese werden zum Großteil mit Erdgas betrieben. Deshalb müsse der Betrieb der KWK-Anlagen flexibilisiert und möglichst viel Strom aus erneuerbaren Quellen direkt genutzt werden. Oder die KWK-Anlagen sollten mit grünem Wasserstoff betrieben werden, rät der WWF.

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KWK-Anlagen sind Kraftwerke, in denen Strom und Wärme produziert werden. In der Chemiebranche liegt das Fokus oft auf der Wärme, die für viele Verfahren unverzichtbar ist.

Die Politik müsse dafür sorgen, dass Industrieunternehmen der Abschluss von Direktlieferverträgen für Strom aus erneuerbaren Quellen erleichtert werde. Außerdem bedürfe es einer Reform der Entgelte für die Nutzung der Stromnetze, heißt es in dem Papier von WWF und Öko-Institut. Es müsse einen Anreiz für eine stärkere Flexibilisierung des Verbrauchs geben.

Außerdem empfehlen die Institute, die kostenlose Zuteilung von Emissionszertifikaten für energieintensive Unternehmen, die im globalen Wettbewerb stehen, möglichst schnell zu beenden. Nach den bisherigen Plänen der EU soll dies 2034 geschehen. Es sei ein „deutlich früheres Auslaufen“ erforderlich, um schneller zu einem wirksamen Preissignal zu kommen, das Anreize für einen Ausstieg aus Gas und Öl setze, heißt es.

Schwierige und kostenintensive Umsetzung

Aus Sicht der Branche verdienen viele dieser Empfehlungen zwar grundsätzlich Zustimmung; die Unternehmen stellen jedoch in der Praxis fest, dass eine rasche Realisierung schwer möglich ist oder an hohen Kosten scheitert.

So ist etwa der Betrieb von KWK-Anlagen mit grünem Wasserstoff aus heutiger Sicht nicht viel mehr als ein Luftschloss. Das Wasserstoff-Kernnetz, das die großen industriellen Verbrauchszentren miteinander verbinden soll, wird erst 2032 fertig sein. Ob bis dahin ausreichend Wasserstoff vorhanden ist, ist fraglich. Zwar ist unstrittig, dass Deutschland den größten Teil seines Wasserstoffbedarfs aus dem Ausland decken müssen wird. Belastbare Lieferverträge sind jedoch Mangelware. Außerdem sind die Preisrisiken immens.

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Schon heute zahlen Unternehmen in Deutschland im internationalen Vergleich hohe Preis für Strom und Gas. Wie viel grüner Wasserstoff kosten wird, lässt sich noch nicht sagen. Dass er zunächst deutlich teurer sein wird als Erdgas, gilt aber als sicher.

Welche Unternehmen schließlich von den Klimaschutzverträgen profitieren werden, die das Bundeswirtschaftsministerium jetzt auf den Weg bringen will, ist noch unklar. Bei den Klimaschutzverträgen werden Mehrkosten, die Unternehmen aus energieintensiven Industriebranchen durch Errichtung und Betrieb von klimafreundlicheren Anlagen entstehen, durch den Staat ausgeglichen. Ab diesem Dienstag können sich Unternehmen aus energieintensiven Branchen auf diese neuen Verträge bewerben.

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Überlagert wird das Thema durch die Carbon-Management-Strategie (CMS) der Bundesregierung: Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) will die Abscheidung und Speicherung von CO2 (Carbon Capture and Storage, kurz CCS) ermöglichen. In erster Linie soll die CCS-Technik solchen Branchen helfen, die keine andere Möglichkeit zur CO2-Einsparung haben.

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Zusätzlich will Habeck aber auch den Betrieb von Gaskraftwerken mit CCS zulassen. Für mit Erdgas betriebene KWK-Anlagen wäre das eine Alternative zum Einsatz von grünem Wasserstoff.

Bezahlbarer Strom aus erneuerbaren Quellen ist Mangelware

Die vom WWF empfohlene Elektrifizierung von Prozessen scheitert aber in der Praxis häufig. So fehlt es an Strom aus erneuerbaren Quellen zu akzeptablen Preisen. Erst zu Beginn des nächsten Jahrzehnts, wenn zahlreiche Offshore-Windparks ans Netz gegangen sein sollten, dürfte sich das grundlegend ändern.

Außerdem lassen sich längst nicht alle Prozesse in der Chemieindustrie elektrifizieren. So werden die oft genutzten Steamcracker heute fast ausschließlich mit fossilen Energieträgern auf Temperaturen von etwa 850 Grad gebracht. Elektrische betriebene Steamcracker stehen erst am Anfang der Entwicklung. Diese Anlagen spielen eine zentrale Rolle bei der Herstellung von Basischemikalien. Sie benötigen große Mengen Energie, um Kohlenwasserstoffe aufzuspalten.

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Das von WWF und Öko-Institut geforderte „frühere Auslaufen“ der kostenlosen Zuteilung von Emissionszertifikaten dürfte viele Unternehmen alarmieren. Einerseits fehlt es an grünem Strom, grünem Wasserstoff – und vor allem an Geld, um die Milliardeninvestition zu stemmen. Ein schneller Verzicht auf die kostenlose Zuteilung würde viele Unternehmen schwächen.

Andererseits weist der von der EU beschlossene CO2-Grenzausgleich, der an die Stelle der kostenlosen Zuteilung von Zertifikaten treten soll, noch große Lücken auf. Insbesondere ist unklar, wie Exporteuren geholfen werden soll, die die höheren Kosten CO2-frei hergestellter Produkte auf dem Weltmarkt nicht einfach an ihre Kunden weitergeben können.

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