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Hannover Messe„Technologisch keine Hindernisse mehr“ für Serieneinsatz humanoider Roboter

Fortschritte bei Künstlicher Intelligenz und bessere Sensoren haben einen regelrechten Hype um die menschenähnlichen Maschinen entfacht. Doch Experten warnen vor allzu großer Euphorie. Axel Höpner 23.04.2024 - 14:28 Uhr
Humanoide Roboter von 1X Technologies sollen bald im Lager arbeiten können.  Foto: 1X Technologies

München. Die Vision vom humanoiden Roboter, der kaum vom Menschen zu unterscheiden ist, gibt es schon seit Jahrzehnten. Zwar sind Videos von tanzenden oder Tischtennis spielenden Robotern Youtube-Hits. Doch in Fabriken werden sie noch kaum eingesetzt.

Das könnte sich dank Fortschritten bei der Sensorik und dem Einsatz Künstlicher Intelligenz jetzt ändern. Pionier Boston Dynamics hat gerade eine neue, deutlich beweglichere Version seines Modells Atlas vorgestellt, das der Autobauer Hyundai testweise einsetzen will. BMW will humanoide Roboter vom Modell Figure 01 in seinem Werk in Spartanburg in den USA erproben.

„Wir sind da mitten im Hype“, sagte Susanne Bieller dem Handelsblatt, Generalsekretärin des Weltbranchenverbands für Robotik IFR. Die humanoiden Roboter hätten viel Sichtbarkeit, und es fließe Kapital in den Sektor. Gerade in den USA sei das Interesse bei Investoren und potenziellen Anwendern groß. Dort fehlten Arbeitskräfte jeder Art, auch wenn zum Beispiel nur Kisten in der Fertigung oder einem Lager von A nach B getragen werden müssten. Diese Aufgabe könne man auch menschenähnlichen Maschinen übertragen. 

Doch Hype, das bedeutet auch, dass man nicht genau weiß, wie schnell der Durchbruch wirklich kommt.

Tobias Bock von der Unternehmensberatung Horváth hat den Markt in einer neuen Studie analysiert. „Schon 2025 werden menschenähnliche Roboter für den industriellen Einsatz in Serie produziert“, sagt er mit Blick auf die Ankündigungen der Unternehmen. Bis 2030 werde es hochflexible Roboter geben, die dem Menschen in der Feinmotorik überlegen seien. Modelle mit geringeren Fähigkeiten, die mit ihrer Geschwindigkeit Menschen aber übertreffen, werde es bereits früher geben.

Roboter in der Fertigung von BMW: Weil die Automobilfertigung schon sehr standardisiert und automatisiert ist, sehen Experten hier gute Voraussetzungen für den Einsatz von humanoiden Maschinen. Foto: dpa

Mittelfristig könnten die Maschinen mehr als 50 Prozent der manuellen Tätigkeiten übernehmen, meint Bock. „Technologisch sehe ich keine Hindernisse mehr.“ Die größte Herausforderung werde der Aufbau einer industriellen Serienproduktion von größeren Stückzahlen in hoher Qualität sein.

Als Erstes dürften sie in der Automobilindustrie eingesetzt werden, meint Bock, denn dort seien viele Prozesse standardisiert und die Fertigung bereits hochautomatisiert. Weitere Branchen würden dann folgen. 

Die Integration sei oft einfacher als bei traditionellen Robotern. „Die Welt, in der wir leben, ist für den Menschen designt.“ Es sei daher viel einfacher, wenn sich die Roboter anpassten, als wenn man eine passende Welt um die Maschinen herum schaffen müsse. Auch IFR-Generalsekretärin Bieller weist darauf hin, dass humanoide Roboter leichter in eine bestehende Fertigung integriert werden könnten als herkömmliche Industrieroboter.

Der durchschnittliche Preis der Roboter werde 2030 bei etwa 48.000 Euro liegen, so die Studie. Die Modelle, die zuvor auf dem Markt kommen, würden im Schnitt etwa 80.000 Euro kosten – und sich trotzdem nach weniger als anderthalb Jahren Einsatz rechnen.

Deutsche Forschung, chinesische Anwendung

Auf der Hannover Messe stehen noch die kollaborierenden Roboter, die sogenannten Cobots, und klassische Industrieroboter im Mittelpunkt. Doch zeigt auch zum Beispiel Rainbow Robotics aus Korea seine neuesten Entwicklungen. Das Unternehmen hatte schon zu den Olympischen Winterspielen 2018 einen humanoiden Roboter präsentiert. Im Portfolio sind inzwischen auch die vierbeinigen Roboter RBQ-3 und RBQ-10, die etwa Sicherheitspatrouillen übernehmen können. Seit vergangenem Jahr ist Samsung Gesellschafter bei Rainbow Robotics.

Zudem sehen Messebesucher im Application Park des Deutschen Robotik Verbands viele Neuentwicklungen rund um Bilderkennung, taktiles Greifen und autonome Bewegung. Dies sind elementare Voraussetzungen für die Funktionalität humanoider Roboter. Das Start-up Artiminds Robotics aus Karlsruhe zeigt eine Lösung zur Montage von Kabeln, die mit Künstlicher Intelligenz (KI) läuft. Eingesetzt werden Laserlinienscanner, 2D-Kameras und eine Kraft-Momenten-Messung. Bislang hatten sich Roboter schwergetan, mit weichen Objekten wie Kabeln umzugehen.

„In der Grundlagenforschung – zum Beispiel bei der Feinmotorik – sind deutsche Institute sehr weit vorne“, sagt Experte Bock. In der Anwendung hingegen dominierten Hersteller aus dem Silicon Valley und China. „Dort ist man deutlich schneller unterwegs.“

Deutschland ist der optimale Standort für kognitive Robotik.
David Reger
Gründer von Neura Robotics

Auch die Investoren im Sektor kämen vor allem aus den USA: So sammelte Figure AI bei der jüngsten Finanzierungsrunde 675 Millionen Dollar ein, das Unternehmen wurde mit 2,6 Milliarden Dollar bewertet. Zu den Geldgebern gehörten Amazon-Gründer Jeff Bezos, Microsoft und Nvidia. Der ChatGPT-Erfinder Open AI investierte ebenfalls in Figure AI und stieg gleichzeitig bei 1X Technologies ein. Dessen Roboter Eve und Neo können zum Beispiel Kisten aus dem Regal heben und Türen öffnen.

ABB-Robotikchef: Herausforderungen sind weiterhin hochkomplex

Der humanoide Roboter 4NE-1 des deutschen Entwicklers Neura Robotics soll ebenfalls für Hilfsaufgaben in Fabrik und Alltag einsetzbar sein. Zudem soll er in der Lage sein, menschliche Stimmen und Emotionen zu erkennen. Die Berater von Horváth rechnen damit, dass die Produktion 2026 beginnt.

Neura Robotics hatte Anfang des Jahres angekündigt, die Fertigung seiner Maschinen bis Ende des Jahres aus China nach Deutschland zu holen. „Mit dieser strategischen Entscheidung wollen wir demonstrieren, dass Deutschland der optimale Standort für kognitive Robotik ist“, sagte Gründer David Reger. Das nährt die Erwartungen an die humanoide Technologie und deren Einsatz.

Doch warnt IFR-Generalsekretärin Susanne Bieller vor allzu großer Euphorie. Sie spreche auch von einem Hype, weil es womöglich noch länger dauern werde, als viele denken, bis die Maschinen zum Alltag gehören. Bis dahin würden sich viele Industrieunternehmen fragen: „Rechnet sich das wirklich oder ist ein traditioneller Knickarm-Roboter doch die bessere Lösung?“

Pepper war einer der ersten humanoiden Roboter. Er ist vor allem im Service im Einsatz. Foto: Axel Heimken/dpa
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Auch bei ABB, einem der weltgrößten Anbieter von Robotern und Automatisierungstechnik, sieht man ein Stück weit einen Hype. Die Herausforderungen seien weiterhin hochkomplex, sagt Robotik-Chef Sami Atiya. Im Pflegebereich und in Restaurants würden sich menschenähnliche Roboter für einfachere Tätigkeiten aber sicherlich durchsetzen.

Doch derweil profitiere in jedem Fall die gesamte Branche von der Begeisterung bei Investoren, ist IFR-Generalsekretärin Bieller überzeugt. Es sei leichter, Kapital für humanoide Roboter anzuwerben als für unspektakuläre Komponenten und Software. Diese Bereiche würden immerhin indirekt gestärkt. Ob humanoide Roboter wirklich bald in vielen Fabriken anzutreffen sind, muss sich dagegen erst noch erweisen. 

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