Zinsen: Das Fed-Rätselraten geht in die nächste Runde
Frankfurt. Die Euphorie rund um KI-Aktien war nach dem besser als erwartet ausgefallenen Ergebnis des US-Grafikchipherstellers Nvidia am Donnerstag groß, doch am breiten Markt war die Stimmung nicht berauschend. Der breite US-Aktienindex S&P 500 lag im frühen Handel nur 0,2 Prozent nur im Plus, und in Deutschland schloss der Leitindex Dax mit 18.691 Punkten gerade mal knapp 0,1 Prozent über dem Niveau des Vortags.
Dafür gibt es einen guten Grund: Das Rätselraten um die künftige Geldpolitik der US-Notenbank Fed geht in eine neue Runde. Anfang des Monats hatte Fed-Chef Jerome Powell die Märkte noch etwas beruhigt. Es sei unwahrscheinlich, dass der nächste Zinsschritt eine Zinserhöhung sein werde, sagte Powell nach der letzten Zinssitzung. Eine Zinserhöhung hatten einige Investoren zuvor befürchtet.
Aus dem am späten Mittwoch vorgelegten Protokoll ebendieser Zinssitzung geht aber hervor, dass einige Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses eine Zinserhöhung doch für nötig halten. Außerdem waren sich die Währungshüter einig, dass es wohl noch eine Weile dauert, bis die Inflationsrate wieder so niedrig ist, dass sie Zinssenkungen erlaubt.
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Doch wann wird es so weit sein? David Salomon, Chef der US-Investmentbank Goldman Sachs, hat darauf eine überraschende Antwort. Er erwarte in diesem Jahr „null Zinssenkungen“, sagte Salomon während einer Veranstaltung der Privatuniversität Boston College. Er sehe jedenfalls keine überzeugenden Daten, die auf Zinssenkungen hindeuteten.
Dass die Fed in diesem Jahr darauf verzichtet, die Leitzinsen herabzusetzen, ist an den Märkten noch nicht eingepreist. Die Zinsterminmärkte spiegeln spätestens im November niedrigere US-Zinsen wider.
Auch Gilles Moëc, Chefvolkswirt bei Axa Investment Managers, betont, dass die Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung durch die Fed noch in diesem Jahr nach den jüngsten Inflationsdaten wieder gestiegen sei. Steven Bell, Chefvolkswirt bei Columbia Threadneedle Investments, meint sogar, dass die Märkte das Ausmaß der Zinssenkungen in den USA unterschätzen könnten.
Im April stieg die US-Inflationsrate im Vergleich zum Vorjahr noch um 3,4 Prozent. Der Wert liegt zwar immer noch deutlich über dem Fed-Ziel von zwei Prozent, aber die Inflation erhöhte sich zumindest weniger deutlich als noch im März.
Gegenläufige Einschätzungen zur Fed-Zinspolitik
Bells Hoffnung auf Zinssenkungen basiert auf einer deutlichen Konjunkturabschwächung, die auch die Inflationsraten drücken dürfte. Sein Argument: „Die US-Verbraucher haben mehr ausgegeben, als sie eingenommen haben, und gehen jetzt vorerst in den Sparmodus.“
Darüber hinaus lasse auch das starke Verbrauchervertrauen nach. Von daher dürften die für die US-Wirtschaft so wichtigen Konsumenten weniger ausgeben. Genau dies sollte das Wachstum weiter bremsen und Abwärtsdruck auf die Preise ausüben.
Anders sehen es die Investoren von Jupiter Asset Management: Sie betonen, dass die geringe Arbeitslosigkeit das Verbrauchervertrauen stärke und zu höheren Konsumausgaben führe. Dies erschwere die Bemühungen der Fed, die Inflation in Richtung zwei Prozent zu drücken.
Die unterschiedlichen Einschätzungen zeigen: Wie es mit den US-Zinsen weitergeht, ist alles andere als klar. Dabei dürfte es die Märkte deutlich belasten, wenn sich die Einschätzung von Goldman-Sachs-Chef Salomon durchsetzt und die Märkte US-Leitzinssenkungen in diesem Jahr komplett auspreisen.
Doch auch schon das allgemein als „hawkish“ – also auf eine eher straffere Geldpolitik deutende – eingestufte Protokoll der Fed könnte noch nachwirken. Die Anlagestrategen der DWS betonen jedenfalls: Bis die Märkte Aussagen der Fed verarbeiten, könne es einige Tage dauern.