Erdgas-Werbung: Eon riskiert Klage der Deutschen Umwelthilfe
Düsseldorf. Wer nachhaltiges Erdgas beziehen will, wird bei vielen Energieversorgern mit sogenannten Ökogas-Tarifen gelockt. Auch Marktführer Eon bewirbt sein Produkt „Neogas“ als „vollständig klimakompensiert“ und spricht auf seiner Webseite von einer „echten Alternative auf dem Weg in eine fossilfreie Energiezukunft“.
Das sieht der Verein Deutsche Umwelthilfe (DUH) anders. Er wirft dem Essener Konzern Eon unter anderem Verbrauchertäuschung vor. Weil das Unternehmen sich weigert, die Werbung einzustellen, droht die Naturschutzorganisation jetzt mit einer Unterlassungsklage. Zuerst hatte der Fachdienst Energate darüber berichtet.
Eine Eon-Sprecherin sagte auf Anfrage des Handelsblatts: „Die Voraussetzungen für die Abgabe einer Unterlassungserklärung waren für uns nicht gegeben.“ Die DUH habe nicht mitgeteilt, was genau Eon unterlassen solle.
Eon spricht von "klimakompensiertem“ Erdgas
Schon vor Monaten habe man den Prozess einer neuen Produktbezeichnung für das frühere „Ökogas“ angestoßen, das so in „Neogas“ umbenannt wurde. Außerdem nutze man „den Begriff „klimaneutral“ für die eigenen Produkte bereits seit geraumer Zeit nicht mehr“, so die Sprecherin. Stattdessen spricht Eon jetzt von „vollständig klimakompensiertem“ Erdgas.
„Ganz gleich, ob das Produkt als ‚klimaneutral‛ oder ‚klimakompensiert‛ beworben wird, den Verbraucherinnen und Verbrauchern werden wesentliche Informationen vorenthalten, die ihnen erlauben würden, die Glaubwürdigkeit der Werbeaussage zu bewerten“, kritisierte DUH-Expertin Agnes Sauter im Gespräch mit dem Handelsblatt.
» Lesen Sie auch: FDP will CO2-Grenzwerte für die Autohersteller komplett streichen
Der Vorwurf: Die Maßnahmen, mit denen Anbieter wie Eon den CO2-Ausstoß ihrer Ökogas-Kunden kompensierten, seien in ihrer Wirksamkeit höchst zweifelhaft. Das war das Ergebnis einer Recherche des Medienhauses Correctiv, unter anderem in Zusammenarbeit mit der DUH. Unter dem Begriff „Ökogas“ versteht man in der Regel zwar fossiles Erdgas. Die Klimagas-Zertifikate sollen den CO2-Ausstoß aber kompensieren – so das Werbeversprechen.
Experten stellen CO2-Kompensation durch Zertifikate infrage
Das Geld für den Kauf der Zertifikate soll in klimafreundliche Projekte wie das Pflanzen von Bäumen oder die Verbreitung elektrischer Kochöfen fließen, meist in südamerikanischen oder afrikanischen Ländern. Wie nachhaltig solche Initiativen zur versprochenen Kompensation von CO2-Emissionen wirklich sind, stellen Expertinnen und Experten allerdings infrage.
Die Kritik: Es werde suggeriert, dass der Klimaschaden durch Treibhausgasemissionen ausgeglichen werden könne. Für solche Aussagen gebe es bislang allerdings keine wissenschaftliche Basis.
15 Gasversorger hatte die Umweltorganisation DUH im April deswegen aufgefordert, die Werbung für klimaneutrales Erdgas zu beenden und entsprechende Unterlassungserklärungen zu unterzeichnen. 13 folgten der Aufforderung. Ein Unternehmen wies nach, dass es derzeit keine Neukunden aufnimmt oder Bestandskunden führt.
Einzig Eon weigert sich und stellte bislang weder die Werbung ein, noch will der Konzern eine Unterlassungserklärung unterzeichnen. Klimakompensiertes Erdgas gibt es für einen Vier-Personen-Haushalt bei dem Konzern aus Essen aktuell ab 138 Euro im Monat. „Die CO2-Belastung ist bereits im Preis enthalten“, verspricht der Versorger auf seiner Webseite.
Social Impact Unternehmen: Wie nachhaltig sind Share, Lemonaid und Co.?
Wer Erdgas, das als nachhaltig beworben wird, kauft, hat das Gefühl, er tue etwas Gutes. Schließlich geht das Geld für die gekauften CO2-Zertifikate in Projekte wie Wasseraufbereitung in Kenia oder Wasserfilter in Uganda. Um Wasser abzukochen, wird in Uganda meist Holz verbrannt. Mit Geld für mechanische Wasserfilter soll die Abholzung verringert werden, was wiederum Treibhausgasemissionen einspart. So zumindest die Argumentation.
„Für das Klima bringt Kompensation von CO2 wirklich gar nichts“, kritisiert DUH-Vertreterin Sauter. Kompensation schade dem Klima sogar, solange millionenfach Phantomgutschriften im Umlauf seien, betont Sauter.
Eon: Internen Mindestqualitätsstandard für Zertifikate
Oft wird ein Zertifikat gleich mehrfach verkauft. Das belegen mehrere Studien. Der Markt sorgt auch für extrem niedrige Preise. Wo die Tonne CO2 im europäischen Emissionshandel aktuell 74 Euro kostet, ist sie auf dem Markt für freiwilligen Ausgleich für ein bis fünf Euro zu bekommen. Für die Unternehmen ein geringer Preis, um ihrem Produkt das Label klimaneutral oder klimakompensiert zu verpassen.
Selbstverständlich entwickle man die Qualitätsstandards für Klimakompensationsprojekte kontinuierlich weiter, betont Eon. „Unabhängig von der aktuellen Recherche überarbeiten wir aktuell unseren Auswahlprozess der Projekte. Zukünftig werden wir mit einer spezialisierten Ratingagentur zusammenarbeiten, die die Kompensationsprojekte nach festgelegten und anerkannten Qualitätskriterien unabhängig bewertet“, sagt eine Sprecherin.
Darüber hinaus habe man bereits 2022 einen internen Mindestqualitätsstandard für die Nutzung von Kompensationszertifikaten definiert. Wie diese Standards genau aussehen, will das Unternehmen aber nicht verraten.
Erstpublikation: 29.05.2024, 17:49 Uhr.