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Interview„Viele indische IT-Jobs werden verschwinden“

Der Ökonom Bhaskar Chakravorti warnt vor der Krise eines zentralen indischen Wirtschaftssektors – und spricht darüber, woher nach den Wahlen neues Wachstum kommen könnte.Nicole Bastian 04.06.2024 - 03:51 Uhr
IT-Fachkräfte in Indien: Die Branche gerät unter Druck. Foto: imago/Science Photo Library

Indien ist der Wachstumsstar der Weltwirtschaft, was Premierminister Narendra Modi eine dritte Amtszeit einbringen dürfte. An diesem Dienstag soll die Auszählung der Stimmen enden.

Die Wirtschaftsbilanz Modis sei allerdings längst nicht so überragend, wie es den Anschein habe, sagt der Ökonom Bhaskar Chakravorti: Der für Indien so wichtige IT-Sektor schrumpfe erstmals seit 25 Jahren. Viele Jobs gingen durch Künstliche Intelligenz verloren.

Chakravorti, der an der Tufts University in Massachusetts lehrt, sieht eine neue Form des Outsourcings als größte Chance für Indien. Modis Wirtschaftsstrategie stellt er in Teilen infrage. Ratschläge nehme der Premier kaum an.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Chakravorti, Indien ist derzeit der Wachstumsstar unter den größeren Volkswirtschaften. Profitiert das Land von den Spannungen Chinas mit den USA und Europa?
Viele Unternehmen wollen bei künftigen Investitionen die Risiken in der Lieferkette senken. Und da ist Indien eine natürliche Alternative zu China, über die sie nachdenken. Auch in Indien gibt es eine große Bevölkerung und genügend Arbeitskräfte.

Bisher gelten allerdings vor allem Mexiko oder südostasiatische Staaten wie Vietnam oder Malaysia als Profiteure des Deriskings.
Indien muss die Gelegenheit nutzen, jetzt von der „China plus one“-Strategie vieler Unternehmen zu profitieren. Wenn nicht, wird das Vakuum von anderen Ländern wie Vietnam, Bangladesch oder Mexiko gefüllt. Diese Länder haben in der Vergangenheit signifikante Fertigungsbranchen aufgebaut – Bangladesch im Textilbereich, Vietnam in mehreren Branchen. Sie folgten dem klassischen asiatischen Entwicklungsmodell: Bring die Leute von den Feldern in die Fabriken und lass sie Dinge herstellen, die du im Ausland verkaufen kannst.

Und Indien?
Indien hat dieses Modell ausgelassen. Indiens Produktionssektor ist mit 13 Prozent der Wirtschaftskraft immer noch winzig verglichen mit anderen Entwicklungs- und Schwellenländern. Anfangs waren die Gründe dafür schlechte Infrastruktur, schlechte Logistik und relativ schlecht ausgebildete Arbeitskräfte. Außerdem waren die Gesetze und Vorschriften in Indien für viele Unternehmen zu verrückt, um dort zu investieren. So hat Indien direkt auf Dienstleistungen gesetzt – und hat dann versucht, ein verarbeitendes Gewerbe aufzubauen, aber ohne viel Erfolg. Ohne einen Sprung im verarbeitenden Sektor wird das Land nicht genug Jobs schaffen können für seine junge Bevölkerung.

Apple oder Tesla können nicht 950 Millionen Menschen in Indien Arbeit geben.

Ist Apples Ankündigung, iPhones in Indien zu fertigen, Teil einer Wende?
In letzter Zeit haben einige große Namen wie Apple oder Tesla Produktionen in Indien angekündigt oder erwägen dies. Dafür hat die indische Regierung viel Energie und Anreize investiert. Aber Apple oder Tesla können nicht 950 Millionen Menschen in Indien Arbeit geben. Auch mit hochwertigen Dienstleistungen funktioniert das nicht. In der indischen IT-Branche gibt es rund fünf Millionen Arbeitsplätze – und die Zahl geht zurück wegen Fortschritten in der Automation und der Künstlichen Intelligenz. Viele der indischen IT-Jobs werden verschwinden.

Indiens Outsourcing-Modell funktioniert nicht mehr?
Indien hat seine IT-Industrie seit den 1990er-Jahren bemerkenswert ausgebaut. Das Problem ist, dass mit der größeren Verbreitung von Automatisierung und Künstlicher Intelligenz viele der einfachen IT-Arbeiten wegfallen werden. Selbst die niedrigen Lohnkosten in Indien sind teurer als ein generatives KI-Modell. Die Entlassungen passieren in relativ kleinen Chargen, damit die Presse sie nicht zum Thema macht. Aber der indische IT-Sektor ist erstmals seit 25 Jahren geschrumpft, obwohl die Unternehmen KI noch gar nicht voll einsetzen. Der Sektor muss sein Geschäftsmodell komplett überdenken.

Premier Narendra Modi: Am Dienstag dürfte das Wahlergebnis feststehen. Foto: REUTERS

Andererseits sehen Sie für Indien große Potenziale im KI-Sektor, oder?
Definitiv. Das Land hat die drittmeisten Arbeitskräfte für Künstliche Intelligenz auf der Welt – und mit Investitionen in Bildung kann das Land diesen Pool stark vergrößern. Außerdem lagern nirgendwo sonst so viele Daten, mit denen KI trainiert werden kann. Die indische Regierung erlaubt bei vielen der Daten nicht, dass sie Indien verlassen. Das ist ein wichtiges Asset. Auch die Diversität der Sprachen im Land sollte ein Vorteil sein. Das Geld wird von Anwendungen im Gesundheits- und Finanzbereich kommen. Und auch hier hat Indien Vorteile: Der Bereich der globalen Kompetenzzentren wächst stark.

Das sind Zentren, die innerhalb eines multinationalen Unternehmens standortübergreifende Aufgaben übernehmen wie technische Dienstleistungen, IT-Support, aber auch Forschung und Entwicklung.
Wenn KI in diesen globalen Kompetenzzentren eingesetzt wird, steigert dies die Produktivität stark. Dieser Sektor kann sehr wichtig für Indien werden, weil dort Fachleute für Recht, Marketing, Optik, Cybersicherheit und so weiter arbeiten können. Das wird einen Teil der IT-Jobs ersetzen. Die globalen Kompetenzzentren könnten Indiens größter Dienstleistungsexport werden und fünf Millionen Jobs bieten.

Ökonom Bhaskar Chakravorti: „Die Hälfte der indischen Arbeitskräfte ist nicht auf den Arbeitsmarkt vorbereitet.“ Foto: Alonso Nichols/Tufts University

Was ist das größte Risiko für Indiens Wirtschaftsentwicklung?
Wir haben in Indien 950 Millionen Menschen im berufsfähigen Alter. Nur 46,6 Prozent davon arbeiten derzeit – und die meisten in gering bis quasi gar nicht bezahlten Jobs im informellen Sektor. Das verschärft die ohnehin großen Ungleichheiten. Die Schwäche beim Pro-Kopf-Einkommen könnte auch das Gesamtwachstum behindern. Und soziale Ungleichheiten könnten zu politischer Instabilität führen. Es gibt auch Rückschritte bei der Entwicklung: In der Pandemie sind viele Menschen aus den Städten zurück aufs Land gegangen. Die Landwirtschaft beschäftigt heute 60 Millionen Menschen mehr als vor ein paar Jahren, die Produktivität dort ist gesunken.

Die Hälfte der indischen Arbeitskräfte ist nicht auf den Arbeitsmarkt vorbereitet.

Macht es das große Aufholpotenzial im verarbeitenden Sektor für Indien leichter oder schwieriger?
Indien beseitigt gerade einige der Barrieren, die einen typisch asiatischen Aufstieg bisher verhindert haben: Es wird in Autobahnen und Flughäfen investiert, die Regulierung hat sich verbessert. Aber um das kritische Maß an Produktionskapazität zu erreichen, braucht es mehr. Die Hälfte der indischen Arbeitskräfte ist nicht auf den Arbeitsmarkt vorbereitet. Regierung und Privatinstitutionen haben nicht genug in Bildung investiert. Ein Riesenproblem.

Wobei es doch sehr wettbewerbsfähige Technikunternehmen in Indien gibt.
Ja, das scheint paradox. Aber auch die Tech-Arbeitskräfte in Indien sind nicht sehr stark. Im Moment wird der große Arbeitspool verschwendet.

Vita Bhaskar Chakravorti
Bhaskar Chakravorti ist seit 2011 Dekan für globale Wirtschaft an der Fletcher School der Tufts University. Geboren in Indien machte er seinen Master in Wirtschaftswissenschaften in Delhi und promovierte anschließend an der University of Rochester. Unter anderem arbeitete er an der Harvard Business School.
Von 2006 bis 2011 arbeitete Chakravorti als Partner bei der Wirtschaftsberatung McKinsey. Heute berät er unter anderem Mastercard.

Was würden Sie Präsident Modi für seine dritte Amtszeit empfehlen?
Es ist sehr schwer, ihn dazu zu bekommen, auf irgendeinen Rat zu hören. Er hat sehr klare Ideen davon, was er will, und wenn seine Berater damit nicht übereinstimmen, findet er andere Berater. Modi versucht, das Modell des Staats Gujarat in Westindien, in dem er als Chief Minister eine Produktionsbasis aufgebaut hat, auf das ganze Land zu übertragen. Aber das funktioniert nicht.

Straßenszene in Delhi: Die Arbeitslosigkeit ist hoch, nur 46,6 Prozent der Menschen im berufsfähigen Alter haben derzeit einen Job.  Foto: NurPhoto/Getty Images

Warum nicht?

Gujarat ist ein besonders weltoffener, unternehmerisch denkender Staat. Was dort funktioniert, klappt nicht einfach auch woanders.

Wie hat die Modi-Regierung reagiert?

Modi hat daraufhin einigen großen Industrieunternehmen große Zugeständnisse gemacht. Gautam Adani und Mukesh Ambani fallen einem da mit ihren Konglomeraten ein, die von Energie bis Telekom in allen möglichen Feldern aktiv sind. Modi steht ihnen sehr nah und hat sie als Industriechampions aufgebaut, indem er sie zum Beispiel Flughäfen hat bauen lassen. Zum Teil wurden andere Technologie- und Infrastrukturunternehmen durch Änderungen in letzter Minute zugunsten der Adanis und Ambanis verunsichert. Aber solche abrupten Änderungen kommen zum Teil auch durch die Bundesstaaten.

Inwiefern?

Die am schnellsten wachsenden Staaten vor allem im Süden des Landes werden auch nicht von Modis Partei BJP regiert. Sie stehen in einem ständigen Machtkampf mit der Zentralregierung. Das führt zu einer Spaltung. Auch der religiöse Fundamentalismus Modis spaltet das Land. Und die Meinungsfreiheit hat einen massiven Schlag erlitten. Ich würde Modis Führungsstil nicht autoritär nennen, aber doch quasi autoritär.

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Herr Chakravorti, vielen Dank für das Interview.

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