Kommentar: Nicht jedes Unternehmen kann klimaneutral werden

Interessenkonflikte, fehlende Glaubwürdigkeit, Korruption: das alles werfen Kritiker dem weltweit größten Klimasiegelunternehmen, der Science Based Target Initiative (SBTi) vor. Der Zertifizierer steht schon seit Jahren in der Kritik. Und das zu Recht.
Die SBTi hat eine absolute Monopolstellung auf dem Markt. Ihre Entscheidung darüber, ob sich ein Unternehmen auf dem Weg zum klimaverträglichen 1,5-Grad-Ziel befindet oder nicht, fließt immerhin in die Bewertung der Konzerne auf dem Finanzmarkt ein.
» Lesen Sie auch: Der „Big-Oil-Effekt“ – Immer mehr Unternehmen senken ihre Klimaziele
Seit der Einigung der Weltgemeinschaft, die globale Erderwärmung auf 1,5 Grad zu beschränken, steigt der Druck auf Unternehmen, ihr Geschäft im Einklang mit den Klimabemühungen zu gestalten. Immer mehr Firmen richten ihre Strategie deswegen klimaneutral aus. Oder versuchen es zumindest. Eigentlich eine positive Entwicklung. Wie so oft versuchen manche allerdings auch hier, Schwachstellen im System gezielt auszunutzen.
Kritiker werfen der SBTi schon lange vor, zu lasche Regeln zu haben. Knapp die Hälfte aller Gelder stammt mittlerweile von den Unternehmen, die für ihr Klimasiegel zur Kasse gebeten werden. Die einst unabhängige, von vier Nichtregierungsorganisationen gegründete Initiative gerät in eine ungesunde Abhängigkeit.
Verstärkt wird diese aktuell noch durch einen der Hauptspender: den Bezos Earth Fund. Der hat ganz offen ein Eigeninteresse, die Emissionen der Wirtschaft über CO2-Zertifikate abrechnen zu lassen. Nur so können Unternehmen wie Amazon weitermachen wie bisher und trotzdem klimaneutral werden. Auch viele andere Unternehmen sehen den Kauf der Kompensationsgutscheine als notwendiges Übel an. Aber ist es das wirklich?
Klimaneutral nur auf dem Papier
Klimawissenschaftler sind sich einig: Neu gepflanzte Bäume oder elektrische Kochöfen können den CO2-Ausstoß eines Industriekonzerns nicht kompensieren. Der Nutzen der umstrittenen Projekte gilt als minimal bis nicht vorhanden. Trotzdem warnen Unternehmen: Ohne CO2-Kompensation sei Klimaneutralität nicht möglich.
Das mag auf einige unvermeidbare Emissionen zutreffen, wie in der Zementindustrie. Aber nicht auf das Gros der schädlichen Klimagase. Genau darum geht es bei dem internen Streit der SBTi. Unternehmen sollen einen großen Teil ihrer Emissionen kompensieren dürfen, statt ihn tatsächlich einzusparen, fordern einige Wirtschaftsvertreter. Dagegen stehen die eben erwähnten wissenschaftlichen Fakten.
Knickt die SBTi ein, gibt es zwar zahlreiche Konzerne, die offiziell den 1,5-Grad-Pfad beschreiten - aber eben nur auf dem Papier. Der Nutzen für ein Unternehmen ist auf dem Finanzmarkt messbar, der Nutzen für das Klima geht gen null. Was bringt ein Klimasiegel, wenn es jede Glaubwürdigkeit einbüßt?
Und was bringen zahlreiche Unternehmen, die nur dank Rechentricks auf dem 1,5-Grad-Pfad sind? Die Folgen der zunehmenden Erwärmung der Welt sind real. Daran ändern auch die geschönten Klimabilanzen vieler Unternehmen nichts.
Statt dem Druck der Wirtschaft nachzugeben, sollte sich die SBTi besser ehrlich machen. Wenn ein Unternehmen nicht im Einklang mit dem 1,5-Grad-Ziel agiert, dann ist es vielleicht in Richtung zwei Grad unterwegs. Alles ist besser, als in einer Lüge zu leben, die am Ende ohnehin auffliegt. Dafür werden die milliardenschweren Folgen des Klimawandels schon sorgen.