Kommentar: Was die Wirtschaft von Olympia lernen kann

„Man braucht Mut, sich selbst Spitzenleistungen zuzutrauen.“ Das schrieb die deutsche Weitspringerin Malaika Mihambo kürzlich in einem Gastbeitrag fürs Handelsblatt. Ein Auszug aus ihren eigenen Spitzenleistungen: Im Juni hat sie EM-Gold geholt, 2021 siegte sie bei Olympia in Tokio, 2019 und 2022 wurde sie Weltmeisterin. Jetzt tritt sie bei den Spielen in Paris an.
Doch ist es wirklich so einfach? Mut ist eine notwendige, aber noch längst keine hinreichende Bedingung für Erfolg. Sportlerinnen und Sportler wie Mihambo brauchen Disziplin, Resilienz, Hartnäckigkeit. Sie müssen bereit sein, im Training über Jahre an ihre Schmerzgrenzen zu gehen. Solche Entbehrungen nimmt niemand in Kauf, der keine Vision hat.
Und damit wären wir bei einer Fähigkeit, die sich auch Top-Führungskräfte von Olympioniken abschauen sollten: Die Sportler schaffen es, auf Ziele hinzuarbeiten, die die allermeisten Menschen für unerreichbar halten würden. Eine Vision treibt sie an: Sie wollen in ihrer Disziplin zu den Besten der Welt gehören. Oder, wie im Fall Malaika Mihambo, gleich selbst die Weltbeste sein.
Die Vision vom eigenen Unternehmen auf dem Siegertreppchen
Zu diesem Kreis der Weltbesten gehören auch viele deutsche Unternehmen. Weit mehr als tausend Weltmarktführer gibt es hierzulande, gegründet und aufgebaut von Menschen, die in ihrem Segment Weltspitze sein wollten.
Derzeit ist von dieser Unerschrockenheit aber nicht mehr viel zu spüren. Viele Wirtschaftslenker zaudern, halten Investitionen zurück, stellen Schlüsseltalente nicht ein. Eine Studie des Nürnberg-Instituts für Marktforschung zeigt sogar: Topmanager waren zuletzt weniger innovationsfreudig als Durchschnittsbürger ohne Führungsverantwortung.
Das liegt auch daran, dass die Angst umgeht in Deutschlands Chefetagen. Man sorgt sich wegen der Folgen des Fachkräftemangels, der unvorhersehbar gewordenen weltpolitischen Verhältnisse, der technologischen Umwälzungen.
Angst hilft in dieser Problemlage allerdings nicht. Es braucht etwas anderes: ein schillerndes Ziel, für das es sich lohnt, sich diesen Härten jeden Tag zu stellen. Manager müssen sich vorstellen können, wie es aussieht, wenn ihr Unternehmen auf dem wirtschaftlichen Siegertreppchen steht.
Jemand, der das verstanden zu haben scheint, ist Bill Anderson. Der Bayer-Chef hat sich seit seinem Amtsantritt 2023 vorgenommen, radikal die Kunden ins Zentrum seiner Unternehmensstrategie zu stellen, überzeugende Innovationen in Pharma und Pflanzenzucht zu entwickeln und das Problem der Glyphosat-Klagewelle zu lösen. Erreichen lässt sich das nur durch harte Einschnitte. So streicht Bayer Tausende Stellen im Management, um Entscheidungsprozesse zu beschleunigen.
Es ist ein Wagnis, das Anderson eingeht. Genau wie die Sportlerinnen und Sportler, die bei Olympia antreten, kann er mit seiner Vision scheitern. Oder Wirtschaftsgeschichte schreiben.