Adani-Affäre: Hindenburg attackiert Chefin der Finanzaufsicht in Indien
Bangkok. Vorwürfe des amerikanischen Leerverkäufers Hindenburg Research haben an Indiens Börse neue Zweifel an einem der wichtigsten Industriekonglomerate des Landes ausgelöst. Die Aktienkurse von Unternehmen der Adani-Gruppe, die in Indien unter anderem Häfen, Flughäfen, Autobahnen und den größten privaten Energieversorger betreibt, brachen am Montag zum Teil um mehr als fünf Prozent ein. Die Verluste beliefen sich zeitweise auf mehr als 13 Milliarden Dollar, bevor sich die Kurse zum Handelsschluss größtenteils wieder erholten.
Heftige Kursschwankungen haben Adani-Investoren schon einmal erlebt: Nach den ersten Vorwürfen von Hindenburg zu möglichen Kursmanipulationen bei der Unternehmensgruppe des Multimilliardärs Gautam Adani vor eineinhalb Jahren war deren Börsenwert zeitweise um mehr als 150 Milliarden Dollar eingebrochen – einer der größten Kursstürze der Geschichte.
Inzwischen hätte die indische Wertpapieraufsicht Sebi die dubiosen Finanzkonstrukte rund um das Adani-Reich untersuchen sollen – allerdings liegen bisher keine konkreten Ergebnisse vor. Der erneute Absturz dreht sich nun vor allem um die Frage, weshalb die Untersuchung weitgehend ergebnislos verlaufen ist.
Hindenburg hat nach eigenen Angaben darauf eine Antwort gefunden, die der Shortseller am Wochenende veröffentlichte: Er sieht die für die Untersuchung zuständige Chefin der Wertpapieraufsicht, Madhabi Puri Buch, in einen massiven Interessenkonflikt verwickelt. Buch bestreitet die Anschuldigungen – Indiens Opposition verlangt dennoch ihren Rücktritt.
Adani-Affäre: Investition in fragwürdige Fonds
Im Zentrum der Auseinandersetzung stehen undurchsichtige Fonds auf Mauritius und Bermuda mit Verbindungen zum Adani-Reich. Einer der Fonds wurde von dem Direktor eines Adani-Unternehmens geführt, der darüber stehende Dachfonds von zwei Männern mit Geschäftskontakten zu Gautam Adanis Bruder Vinod.
Dieser Fonds hielt in der Vergangenheit einen erheblichen Anteil des Streubesitzes mehrerer Adani-Unternehmen, wie der internationale Rechercheverbund OCCRP (Organised Crime and Corruption Reporting Project) im vergangenen Jahr berichtete. Die Verflechtungen nährten den Verdacht, dass das Fondskonstrukt heimlich im Auftrag der Adanis gehandelt haben und womöglich zur Kursmanipulation eingesetzt worden sein könnte. Die Adani-Gruppe bestreitet das.
Nun liefert Hindenburg neue Details: Laut Dokumenten, die dem Leerverkäufer zugespielt wurden, war auch Wertpapieraufseherin Buch zusammen mit ihrem Ehemann Dhaval Buch in einem der obskuren Fonds investiert. Das war zwar in den Jahren, bevor sie Chefin der Wertpapieraufsicht Sebi wurde. Hindenburg wittert dennoch einen Skandal: „Wir vermuten, dass die mangelnde Bereitschaft der Sebi, sinnvolle Maßnahmen gegen verdächtige Offshore-Aktionäre der Adani-Gruppe zu ergreifen, darauf zurückzuführen ist, dass die Vorsitzende Madhabi Buch genau die gleichen Fonds verwendet hat.“
Hindenburg zog dabei auch eine Verbindung zum Betrugsskandal um den Zusammenbruch des deutschen Zahlungsdienstleisters Wirecard: Aufgesetzt wurden die umstrittenen Offshore-Fonds demnach von dem gleichen indischen Unternehmen, das einen zwielichtigen Fonds im Wirecard-Fall verantwortet hatte. Dieser hatte 2015 ein indisches Unternehmen für 36 Millionen Euro erworben und es wenige Wochen später für mehr als 300 Millionen Euro an Wirecard verkauft.
Indiens Opposition fürchtet um Ruf des Kapitalmarktes
Die Adani-Gruppe nannte den neuen Hindenburg-Bericht eine „böswillige, boshafte und manipulative“ Auswahl öffentlich zugänglicher Informationen. Buch dementierte das in dem Bericht aufgeführte Investment nicht, bestritt aber jegliches Fehlverhalten. In einer gemeinsamen Stellungnahme mit ihrem Mann sprach sie von einem versuchten Rufmord und sagte, ihre Finanzen seien „ein offenes Buch“. Sie hätten in den Fonds des Adani-Direktors investiert, da dieser ein Kindheitsfreund von Dhaval Buch sei. Der Fonds habe in keine Finanzprodukte der Adani-Gruppe investiert.
Indiens Opposition reichten diese Erklärungen aber nicht. Rahul Gandhi, einer der prominentesten Vertreter der Kongresspartei, teilte mit, die Integrität der Wertpapieraufsichtsbehörde werde durch die Anschuldigungen gegen ihre Vorsitzende ernsthaft infrage gestellt. Anleger würden sich nun fragen, warum Buch noch nicht zurückgetreten sei.
Mahua Moitra, eine Parlamentsabgeordnete der Regionalpartei AITC, sagte: „Indiens Ruf als globaler Investitionsmarkt steht auf dem Spiel.“ Das Land dürfe nicht als intransparent oder undurchsichtig erscheinen. Die Oppositionspolitiker werfen der Regierung von Premierminister Narendra Modi vor, Adani zu schützen.
Vertreter der Regierungspartei BJP hingegen verurteilten die Hindenburg-Vorwürfe am Montag als Teil einer Verschwörung der Opposition, die Indien von den Geldern ausländischer Investoren abschneiden wolle.
Indiens Höchstgericht hatte die Wertpapieraufsicht Sebi im März vergangenen Jahres aufgefordert, innerhalb von zwei Monaten die Untersuchung zu den Vorwürfen im Fall Adani abzuschließen. Sebi kam dem jedoch nicht nach, die Frist wurde mehrfach verlängert.
Als Reaktion auf die Hindenburg-Vorwürfe vom Wochenende teilte die Behörde mit, 23 von 24 Untersuchungen mit Blick auf die Gruppe seien abgeschlossen. In der Mitteilung hieß es weiter, die Behörde sei entschlossen, sich weiter für die Integrität der indischen Kapitalmärkte einzusetzen.