Morning Briefing Plus: Der alte Mann Europas
Liebe Leserinnen und Leser
willkommen zurück zu unserem Blick auf die wichtigsten Ereignisse der vergangenen Tage, womit wir in Berlin wären. Natürlich war klar, dass sich meine Kolumne für die Freitagausgabe dieser Woche um die Ampel drehen musste: Nach dem Haushaltskompromiss, der eigentlich keiner war. Nach dem immer neuen Streit. Nachdem der Co-Chef der Grünen, Omid Nouripour, die Ampel als „Übergangsregierung“ bezeichnet hatte.
Das Problem ist nur, dass man über die Ampel eigentlich seit einem Jahr den immer gleichen Kommentar schreiben müsste.
„Einblicke in eine zerrüttete Beziehung“ macht der „Spiegel“ zur Titelgeschichte. Wobei man gar nicht mehr sehr tief blicken muss, um zu erkennen, wie zerrüttet die Verhältnisse sind.
Nur auf eins können sich Finanzminister Christian Lindner (FDP) und Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) noch einigen. Ende Juli sagte Lindner in einem Interview sinngemäß, dass er unter einem Kanzler Habeck nicht Finanzminister sein wolle.
Habeck konterte diese Woche, da sei man sich ganz einig: „Sollte ich jemals Bundeskanzler werden, wird Christian Lindner nicht Finanzminister werden.“ Immerhin haben die beiden das jetzt ausgesprochen.
Fazit meiner Kolumne, die Sie hier vollständig lesen können: In dieser Zeit, in der dieses Land in so vielen Bereichen wichtige Entscheidungen treffen muss, ist von der Ampelregierung nichts mehr zu erwarten. Deshalb ist es an der Zeit, dieses Experiment zu beenden.
Neben all dem Streit ist mir in dieser Woche noch ein Satz von ifo-Chef Clemens Fuest in Erinnerung geblieben: Ein Satz, der zunächst etwas kompliziert klingt, der aber die aktuelle Lage ziemlich gut auf den Punkt bringt: „Wir sind nach der Wiedervereinigung von einer veränderungsorientierten Gesellschaft zu einer Status-quo-Macht geworden.“ Nicht der kranke, aber der „alte Mann Europas“. Das lesenswerte Gespräch finden Sie hier.
Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:
1. Zur besten Sendezeit hielt die Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris die Rede ihres Lebens, schreibt unsere Washington-Korrespondentin Annett Meiritz, die den Parteitag vor Ort verfolgte. „Ich wurde immer unterschätzt, aber ich habe nie aufgegeben. Denn für die Zukunft lohnt es sich immer zu kämpfen“, rief Harris durch die Parteitagsarena in Chicago. Doch es gab mehr als Emotionen, analysiert Annett, in der Rede wurden fünf Strategien erkennbar, wie sie Donald Trump schlagen will.
2. Was viele nicht wussten: Harris hat früher einmal bei McDonald’s gejobbt. Das schlachtet sie nun aus, baut es in fast jede Rede ein. McDonald’s wiederum ist das gar nicht unrecht. Die Kette ist auf einmal politisch ungewöhnlich aktiv – und sucht die Nähe zu der Demokratin. Annett Meiritz hat auch dazu die Hintergründe.
3. Wenn Sie sich für die Zukunft der deutschen Wirtschaft interessieren, dann sollten Sie diese Zahlen des Handelsblatt Research Institute (HRI) kennen: Meine Kollegen zeigen mit aktuellen Daten, wie die chinesischen Exporteure die deutschen Hersteller in immer mehr Branchen verdrängen. Denn während die deutschen Exporte stagnieren oder sogar abnehmen, nehmen die chinesischen deutlich zu. Dana Heide analysiert die Ursachen dafür – und erklärt, welche Branchen es als Nächstes treffen wird.
4. Mein Kollege Martin Murphy war zuletzt viel unterwegs. In den vergangenen Tagen reiste er sogar in die Ukraine. Der Grund: Er hat einen Manager begleitet, der so große Wachstumspläne hat wie kein zweiter, der dafür aber auch einen so hohen Preis zahlt, wie kein anderer: Rheinmetall-CEO Armin Papperger. Wie er seinen Konzern zu einem globalen Player machen will, welche konkreten Ziele er hat – und was ihn persönlich bewegt, all das lesen Sie in unserem großen Report zum Wochenende.
5. Eigentlich war alles wie immer. Wieder einmal stand die Deutsche Bahn in der Kritik. „Fahrpläne werden nicht mehr gerechnet, sondern nur noch geschätzt“, sagt ein anonym zitiertes Mitglied des Aufsichtsrats der „Süddeutschen Zeitung“. Das sei ein „Riesenproblem“ und führe zu einem „Kontrollverlust“ bei den Fahrplänen. Doch dieses Mal ist etwas anders: Mittlerweile gerät der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn, Richard Lutz, unter Druck, wie unsere Recherchen zeigen. Die Sanierung eines wichtigen Schienenkorridors muss jetzt gelingen, sonst dürfte es eng für ihn werden.
6. Auch eine andere Meldung sorgte für Aufsehen: Das deutsche Flugtaxi-Start-up Lilium prüft laut unseren Recherchen einen Verkauf an ausländische Investoren – und einen möglichen Umzug ins Ausland. Der Grund? Fehlende staatliche Unterstützung. Welche Investoren bereits Interesse bekundet haben, lesen Sie im Report meines Kollegen Jens Koenen.
7. Viele Verbraucher klagen über erhöhte Lebensmittelpreise in Supermärkten. Und tatsächlich sind die Preise in Supermärkten seit Ausbruch des Ukrainekriegs um fast 26 Prozent gestiegen. Vergleicht man diese Daten aber mit anderen Ländern, fällt auf, dass deutsche Verbraucher noch ziemlich gut wegkommen. Unser Konsumteam hat die Daten für Sie analysiert.
8. Dividenden bescheren Aktionären ein hübsches Zusatzeinkommen. Das geht auch mit einer riesigen Auswahl an ETFs. Mein Kollege Andreas Neuhaus hat deshalb ausgewertet, welche Dividenden-ETFs für deutsche Anleger auf Sicht von fünf Jahren die höchste Rendite erzielt haben. So viel sei verraten: Mit der Nummer eins haben Anleger schon nach vier Jahren 25 Prozent ihres Investments wieder drin.
9. Vor einigen Wochen packte meine Kollegin Kathrin Witsch ihre Koffer, frischte ihre Impfungen auf – und flog nach Afrika. Genauer gesagt nach Kenia. Von dort aus wird sie nun drei Monate lang für das Handelsblatt über eine Region berichten, die in westlichen Medien eine viel zu kleine Rolle spielt. Sie schreibt über die boomende Start-up-Szene, über massive Proteste gegen die Regierung, eine kaum beachtete Schuldenkrise – und den zunehmenden Einfluss Chinas auf die Region. Der Boom einerseits, die politische Instabilität und die immer neuen Ausschreitungen andererseits: „Kenia ist ein Land mit zwei Gesichtern“, schrieb mir Kathrin gerade. Und so kommt es, dass sie nach dem Besuch eines Start-up-Hubs eine Demonstration covern muss, bei der Polizisten mit Tränengas auf die Presse schießen und Reporter vor laufender Kamera brutal zusammengeschlagen werden, bis sich Kollegen dazwischenwerfen und die Beamten anflehen, endlich aufzuhören. Die Einschüchterung der Medien ist hier an der Tagesordnung. Umso wichtiger, dass wir hinschauen. Das ist unsere Aufgabe als Journalisten.
Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.
Ihr
Sebastian Matthes