Globale Trends: Das Recht auf Abschalten und die neue Arbeitswelt
Viele Regierungen weltweit haben in den vergangenen Jahren ein gesetzliches Recht eingeführt, sich digital auszuklinken. Unternehmen müssen Ruhezeiten berücksichtigen, in denen sie ihre Beschäftigten nicht ansprechen dürfen.
Den Anfang machte 2017 Frankreich, als jüngster Staat kam Ende August Australien dazu. Deutschland hat kein entsprechendes Gesetz. Hier gilt allgemein, dass nach Ende der regulären Arbeitszeit kein Einsatz mehr verlangt werden kann. Doch gibt es zahlreiche Ausnahmen.
So gilt trotz wohlmeinender Gesetze für viele Beschäftigte gleichwohl das Mantra ständiger Erreichbarkeit. Welche Auswirkungen hat diese neue Arbeitswelt tatsächlich?
In Deutschland kam eine wissenschaftliche Studie der Krankenkassen zu dem Ergebnis, dass über 70 Prozent der Befragten aus Unternehmen der Versorgungs- und der IT-Branche in ihrer Freizeit Informationen weitergeben mussten, über 60 Prozent telefonisch Kunden beraten und fast 40 Prozent konzeptionell arbeiten oder Verwaltungstätigkeiten erledigen mussten.
Partner und Familien klagten deshalb über Einschränkungen während der Freizeit und im Urlaub. Doch die Betroffenen selbst empfanden ihre Erreichbarkeit überwiegend nicht als belastend und sahen sie als sinnvoll an. Finanzielle oder Karrierevorteile versprach sich nur eine kleine Minderheit davon.
Beim Vergleich mit einer Kontrollgruppe hatten die Erreichbaren zwar mehr Probleme mit der Erholung. Doch gab es keine deutlichen Unterschiede bei den Punkten Erschöpfung, Schlafqualität, Depressivität, Angst und Panik.
Man kann die Frage auch anders angehen und fragen, ob Berufsgruppen, von denen in besonderem Maß die ständige Verfügbarkeit erwartet wird, eher durch Burn-out auffallen und wie sich dies in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Insgesamt haben sich die Arbeitsunfähigkeitstage durch Burn-out in Deutschland zwischen 2013 und 2022 (neuere Zahlen gibt es noch nicht) nahezu verdoppelt.
Belastung im medizinischen Bereich besonders hoch
Medizinische Kräfte müssen besonders häufig erreichbar und verfügbar sein. Journalisten gehören einer anderen der Berufsgruppen an, in denen ständige Erreichbarkeit zu einer fast selbstverständlichen Anforderung geworden ist – nicht nur seitens der Redaktionen, sondern auch durch Kontaktpersonen und Informanten.
Medizinische und Pflegekräfte in leitenden Positionen führen die Statistik der Fehltage durch Burn-out an: über 517 pro 1000 AOK-Mitglieder im Jahr 2022. An zweiter Stelle folgen Arbeitnehmer im Dialogmarketing.
Menschen aus dem Medienbetrieb dagegen fallen durch wenige Burn-out-Fälle auf. Offenbar spielt also nicht nur die Erreichbarkeit eine Rolle, sondern auch die Frage, ob man sich verschlissen fühlt oder nicht.
Interessant ist zudem das Abschneiden der Generation Z, also grob der Jahrgänge 1995 bis 2010. Ihnen wird von manchen Beobachtern vorgeworfen, besonders wenig belastbar zu sein.
Sie fallen aber durch die wenigsten Fehltage wegen Burn-out auf: 67 Tage bei Männern, 142 Tage bei Frauen zwischen 20 und 24 Jahren (je 1000 AOK-Mitglieder). Eine hohe Zahl von Ausfalltagen wegen Burn-out weisen dagegen ältere Arbeitnehmer auf, vor allem die zwischen 60 und 65 Jahren.
Nicht zu vernachlässigen ist die Tatsache, dass Stress durch die berüchtigte Angst, etwas zu verpassen (FOMO, fear of missing out) nicht nur durch die Arbeit, sondern auch durch private Nutzung von digitalen Geräten entsteht.
Viele Menschen sind am Smartphone oder Tablet im ständigen Bereitschaftsmodus, um ihre sozialen Netzwerke zu checken. Das geht zulasten des Familienlebens, der Ruhephasen und sozialer Kontakte.
Vieles muss noch länger erforscht werden, auch die Wirkung der schon beschlossenen Gesetze über das „Right to disconnect“. Vielleicht werden die negativen Auswirkungen der ständigen Erreichbarkeit überschätzt. Möglicherweise sind andere Faktoren wie die Verdichtung von Arbeit, der Erfolgsdruck, die persönliche Zuordnung von Erfolg oder Misserfolg des Unternehmens weitaus schlimmere Stressfaktoren.