Guyana: Ein kleines Land wird für Weltmächte plötzlich wichtig
Georgetown. Guyana ist ein Land im Norden Südamerikas, etwa doppelt so groß wie Deutschland, mit kaum mehr Einwohnern als Luxemburg. Das Parlament besteht aus ehrenamtlichen Abgeordneten, der Staatsgerichtshof tagt in einem Holzhaus. Die wenigsten Menschen in Europa wissen, wo es liegt.
Auch Irfaan Ali, den Präsidenten des Landes, hätte bis vor Kurzem auf einem Gruppenfoto der lateinamerikanischen Staatspräsidenten kaum jemand erkannt. Doch das hat sich geändert: Im vergangenen Jahr lud ihn Chinas Staatspräsident Xi Jinping ein und warb für eine Partnerschaft „auf Augenhöhe“. Und kürzlich war der indische Premierminister Narendra Modi für einen dreitägigen Staatsbesuch in der guyanischen Hauptstadt Georgetown.
Der Grund für die neue Wertschätzung der Weltmächte sind die 15 Milliarden Fass Öl, die vor der Küste des Karibikstaats lagern.
Guyana: In drei Jahren soll der Staat so viel Öl wie Katar exportieren
Seit fünf Jahren fördert der amerikanische Konzern Exxon Mobil dort den Rohstoff. Heute sind es 650.000 Barrel pro Tag, ebenso viel wie Großbritannien zutage befördert. Doch in drei Jahren soll Guyana so viel Öl exportieren wie heute Katar. Nach Brasilien und Mexiko wäre es dann der drittgrößte Erdölproduzent Lateinamerikas. Es ist vielleicht der letzte Aufstieg einer Nation in die Riege der großen Ölförderländer, bevor die Welt die Nachfrage nach dem fossilen Rohstoff zurückfährt.
Daher findet in Guyana derzeit ein Wettkampf um Einfluss statt: Nachbarländer, weit entfernte Staaten mit globalen Ambitionen und die bestehenden Weltmächte wollen Zugang zum Öl haben. Und Guyana will ihr Interesse nutzen, um künftig am großen Tisch der Weltpolitik mitzureden.
Venezuela: Nachbarschaftsstreit zur Ablenkung
Vor einem Jahr nutzte Nicolás Maduro, der Präsident des Nachbarlandes Venezuela, einen regionalen Konflikt aus Kolonialzeiten, um von seiner eigenen miserablen Regierungsbilanz abzulenken. Seit seiner Unabhängigkeit beansprucht Venezuela zwei Drittel des Territoriums Guyanas für sich. Nun hat Maduro die Provinz Essequibo zu einem venezolanischen Bundesstaat erklärt.
Auch in Zukunft dürfte der Diktator nicht zögern, die Guyana-Karte zu ziehen, wenn es ihm politisch opportun erscheint, sagt Mark Kirton, Professor für internationale Beziehungen in Georgetown.
Eine weitere geopolitische Dimension könnte der Nachbarschaftskonflikt bekommen, weil Russland das Regime in Caracas massiv militärisch aufgerüstet hat und in Sicherheitsfragen berät. Auch die vom Iran unterstützte Paramiliz Hisbollah soll dort einen für Lateinamerika wichtigen Stützpunkt unterhalten.
USA: Verlässlicher Partner in strategischer Lage
Für die USA ist das Ölland Guyana ein interessanter Partner: Als politisch verlässlicher, westlicher Öllieferant könnte es die Rolle einnehmen, die Venezuela bis vor rund 20 Jahren für die USA spielte. Venezuela verfügt zwar weiterhin über die größten Ölreserven der Welt. Doch seine Ölindustrie ist wegen Maduros Wahlbetrügereien seit 2017 mit Sanktionen belegt. Wegen Korruption und Misswirtschaft fördert sie zudem nur noch einen Bruchteil der früheren Produktion.
Georgetown wäre auch als US-Militärbasis in der Karibik prädestiniert. Von dort aus könnten die USA die Aktivitäten linker Diktaturen wie Kuba, Venezuela und Nicaragua, den Drogenhandel oder die Flüchtlingsströme aus Lateinamerika in Richtung Norden genauer beobachten. Bei illegalen Aktivitäten würden sie nicht wegschauen, haben die USA deutlich gemacht.
Auf die territorialen Ansprüche von Venezuela gegenüber Guyana reagieren die Vereinigten Staaten sensibel. Im Anschluss an Maduros Drohungen flog ein US-Kampfjet Manöver über Georgetown. Auch die Marine war vor Ort.
Guyanas Militär selbst wäre einem Angriff Venezuelas schutzlos ausgeliefert. Die Regierung in Georgetown will nun in Rüstung investieren. Gemeinsame Manöver mit den US-Streitkräften sind geplant.
Die USA haben harte Sanktionen gegen den reichsten Unternehmer des Landes verhängt. Die Unternehmerfamilie Mohamed ist als Zulieferer und lokaler Partner von Exxon Mobil immens reich geworden. Die USA werfen der Familie Korruption, Goldschmuggel und Geldwäsche vor. Mike Singh, Repräsentant von Transparency International, vermutet, dass auch die finanzielle Unterstützung der Hamas durch die Mohamed-Familie ein Grund für die Sanktionen sein könnte.
Brasilien: Handeln mit dem Nachbarn
Gegenwärtig ist Guyana in Südamerika logistisch weitgehend isoliert. Brasilien plant und finanziert derzeit eine Straßenverbindung durch den Regenwald in die Karibik. Mit ihr hätte Brasilien Zugang zu einem Tiefseehafen in der Karibik. Die Brasilianer könnten künftig für den lokalen Markt und den weltweiten Export Agrarprodukte, Fleisch und Elektroartikel aus der Freihandelszone der Amazonasmetropole Manaus nach Guyana bringen.
Auch die Regierung Guyanas erhofft sich von der Route eine bessere Versorgung und niedrigere Lebensmittelpreise. Zudem hat sie mit Brasilien Joint Ventures im Agrarbereich geschlossen. Brasilien ist auf diesem Gebiet weit fortgeschritten. Die Regierung Guyanas will zudem das dünn besiedelte Landesinnere entwickeln. Denn der Großteil der Bevölkerung lebt an der Küste.
China: Macht mittels Infrastruktur
Wie überall in Lateinamerika baut China auch in Guyana seinen wirtschaftlichen und politischen Einfluss schnell, effizient und weitgehend unbemerkt aus. So ist der staatliche Ölkonzern China National Offshore Oil mit 25 Prozent an dem von Exxon Mobil kontrollierten Ölkonsortium beteiligt. Im Gegensatz zu Exxon wird der chinesische Konzern jedoch kaum wegen Umweltrisiken oder möglicher Korruption kritisiert.
Im Einzelhandel Guyanas findet landesweit ein struktureller Eigentümerwechsel statt, viele Eigentümer haben an Chinesen verkauft. Auch im Bausektor ist China stark. In Georgetown haben chinesische Investoren gerade ein großes Einkaufszentrum mit Hotel und Casino gebaut, das vor allem von Chinesen frequentiert wird.
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Aufgrund ineffizienter Einwanderungskontrollen fehlen verlässliche Daten zur Zuwanderung nach Guyana. Neben Chinesen sollen vor allem Einwanderer aus Brasilien, Venezuela und Kuba ins Land kommen, angelockt durch den Ölboom.
Indien: Einfluss durch ethnische Herkunft
Auch Indien erhofft sich einen politischen und wirtschaftlichen Einfluss in Guyana, den es sonst in Lateinamerika kaum hat. Grund dafür ist das koloniale Erbe. Als Großbritannien die Kolonie 1814 per Vertrag von den Niederlanden übernahm, holten die Engländer Vertragsarbeiter aus Indien ins damalige Britisch-Guayana. Zuvor bestand die Bevölkerung vor allem aus versklavten Afrikanern, die auf den Zuckerplantagen arbeiteten.
Die Kolonialmacht spielte die beiden Volksgruppen gegeneinander aus. Und bis heute bestimmen die Konflikte zwischen Afro-Guyanern und Indo-Guyanern die nationale Politik. Der indischstämmige Präsident Ali gehört der von Indo-Guyanern dominierten People’s Progressive Party an. Der oppositionelle People’s National Congress ist die Partei der Afro-Guyaner.
Indiens Premierminister Modi hat nun Ali versprochen, dass indische Firmen, Banken und Staatsgelder nach Guyana kommen werden. Lange Zeit beachtete Indien die Region kaum, sagt Hari Seshasayee, Lateinamerikaexperte der Vereinten Nationen. Doch das ändere sich jetzt: Denn Lateinamerika ist wichtig geworden für Indien.
In den vergangenen 20 Jahren ist Indiens Handel mit lateinamerikanischen Ländern sprunghaft angestiegen: von 1,6 Milliarden Dollar im Jahr 2000 auf über 43 Milliarden Dollar im Jahr 2024.
Katar: Prestigegewinn dank Vorbildcharakter
Ethnische Präferenzen sind es wohl auch, die Präsident Ali dazu bewogen haben, dem Emirat Katar den roten Teppich auszurollen. Denn Ali ist zwar indischstämmig, aber gleichzeitig ein Muslim in einer von Hindus dominierten Partei.
Zudem will Ali Guyana nach dem Vorbild Katars entwickeln. Tatsächlich gibt es Ähnlichkeiten zwischen den beiden Staaten: Bei einer etwa gleichen hohen Bevölkerungszahl werden sich die Öleinnahmen bald angeglichen haben. Auch Guyana wird wie Katar eine aktive Einwanderungspolitik betreiben müssen, weil Arbeitskräfte fehlen, um die Wirtschaft weg vom Öl zu diversifizieren.
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Für das zunehmend weltpolitisch ambitionierte Katar wäre es indes ein wichtiger Prestigegewinn, wenn es eng mit Guyana kooperierte oder einen Verbündeten auf einem anderen Kontinent erhielte, der seinem Beispiel folgt.
Europa: Umweltschutz mit Anerkennung
Auch Europa hätte gern einen Alliierten und Wertepartner in Südamerika. Guyana bietet sich dafür aus zwei Gründen an: Das Land ist eine Demokratie, und Präsident Ali will es als weltweiten Vorreiter im Regenwaldschutz positionieren.
Bis 2030 will Guyana 30 Prozent seiner Fläche vor Abholzung schützen und hat sich zu Netto-Null-Emissionen verpflichtet. Die Emissionen des geförderten Öls werden bei dieser Rechnung den Verbraucherländern zugerechnet.
Für Europa ist es angesichts der krisenhaften Zustände in vielen Demokratien weltweit und des nachlassenden Einsatzes der Staaten für den Klimaschutz wichtig, ein Land als Partner zu haben, das doch noch hinter diesen Zielen steht. Der Einfluss Europas in Guyana beruht weniger auf Investitionen oder militärischer Stärke als auf der Anerkennung des Landes in Europa.
Doch die hohe Korruption steht den Beziehungen im Wege. Und die Tatsache, dass die Regierung Ali zunehmend autoritäre Züge zeigt. Das könnte Guyana in die Arme von Partnern wie China oder Katar treiben.
Ausblick: Mit Guyana verändert sich Südamerika
Die vielschichtigen Interessen dieser Länder zeigen: Guyana wird zum Einfallstor nach Südamerika für weltpolitische Akteure, die bisher in der Region kaum vertreten waren. Wer von ihnen sich in Guyana durchsetzt, wird die lokale Politik und die Außenwahrnehmung Südamerikas in der Welt verändern.
Bislang ist Europa kulturell, politisch und wirtschaftlich eng mit dem Kontinent verbunden. Je mehr andere Akteure dort aber an Einfluss gewinnen, desto schwächer werden die traditionellen Verbindungen über den Atlantik.