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BrasilienKlick, Wette, Ruin – der gefährliche Glücksspiel-Boom

Millionen Brasilianer verlieren Geld bei Onlinewetten – und es werden immer mehr. Sie sind auf die Mechanismen der Plattformen nicht vorbereitet. Die Politik reagiert, wirkt aber machtlos.Alexander Busch 06.10.2024 - 13:46 Uhr Artikel anhören
Die zweitgrößte Stadt Brasiliens: Rio de Janeiro im Morgendunst. Foto: imago stock&people

Salvador. In nur sieben Jahren sind Millionen Brasilianer süchtig nach Onlinewetten geworden. 2017 erst wurde der digitale Wettmarkt legalisiert und in diesem Jahr haben bereits 24 Millionen Menschen mindestens einmal digital Geld gesetzt – das entspricht einem Viertel der erwerbstätigen Bevölkerung.

Rund 20 Milliarden Real, umgerechnet 3,7 Milliarden US-Dollar, setzen  Brasilianer nach Angaben der Banco Central derzeit monatlich auf digitalen Wettplattformen. Die meisten Spielerinnen und Spieler sind zwischen 20 und 30 Jahre alt. Und vor allem eins: arm.

Für die Wirtschaft und die Politik ist das ein enormes Problem: Ein Viertel der landesweit ausgezahlten Sozialhilfe Bolsa Familia landet jeden Monat auf den Konten digitaler Wettanbieter. Und dort bleibt es auch laut einer Studie des Forschungsinstituts Locomotiva: Nur ein Drittel der ärmeren Spieler ziehen ihre Gewinne ab und geben sie außerhalb des Wettgeschäfts aus.

Dass es überhaupt so weit kommen konnte, liegt an der Politik selbst: Die Regierungen haben es in den vergangenen Jahren versäumt, den Sektor zu regulieren. Zahlreiche digitale Plattformen sind entstanden und profitieren davon, dass Brasilien ideale Voraussetzungen für ihr Geschäftsmodell bietet. Die Regierung will nun gegensteuern. Doch hat sie überhaupt eine Chance?

2017 erst entstanden, nun ist Brasilien der drittgrößte Markt für Onlinewetten

Laut der Unternehmensberatung PwC ist Brasilien nach den USA und Großbritannien der drittgrößte Online-Wettmarkt der Welt. Der englische Begriff Bets für Onlinewetten ist mittlerweile in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Für das Image der Branche ist das nützlich, denn „Glücksspiel“ wird in Brasilien mit „Pechspiel“ übersetzt.

Dass vor allem Menschen mit weniger Geld von Wetten angezogen werden, hat Locomotiva in seiner Studie gezeigt. Das Institut hat die Konsumgewohnheiten der ärmsten Einkommensschichten des Landes untersucht. Von den Familien, die zwischen 230 und 1600 Dollar im Monat zur Verfügung haben, wettet fast jeder Vierte mindestens einmal im Monat. Rund 86 Prozent sind verschuldet.

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Die Auswirkungen sind groß: Trotz solider Wachstumsraten, hoher Beschäftigung und deutlicher Lohnerhöhungen seit 2022 haben die unteren Einkommensschichten laut PwC noch nicht wieder die relative Kaufkraft erreicht, die sie vor der Pandemie hatten. Einzelhändler, Modehändler, Möbelhersteller, Hersteller persönlicher Konsumgüter, Banken – sie alle kämpfen mit stagnierenden oder einbrechenden Umsätzen, während immer mehr Geld online gewettet wird.

20
Milliarden Real
werden monatlich in Brasilien auf digitale Wetten gesetzt.

Die Höhe der Kosten, die durch die Spielsucht auf die öffentlichen Gesundheitssysteme zukommt, wird dabei erst in naher Zukunft sichtbar. In den Kliniken soll die Zahl der Hilfesuchenden rapide ansteigen. Der Verband der Glücksspiel- und Lotteriebetreiber (ANJL) hat nun angekündigt, in einem freiwilligen Pilotprojekt 21.000 Spielsüchtigen eine Therapie anbieten zu wollen.

Das Geschäftsmodell der Wettplattformen ist genau auf die armen Brasilianer zugeschnitten ist: Ziel ist es, ihnen in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Geld aus der Tasche zu ziehen.

Wetten haben in Brasilien eine lange Tradition

Das geht so einfach, weil die Brasilianer traditionell sehr wettbegeistert sind. Das „Jogo de Bicho“, die landesweite illegale Tierlotterie, gibt es seit 1892. „Rifas“, privat organisierte Nachbarschaftslotterien, bei denen Menschen vom Lebensmittelkorb bis zum Motorrad alles gewinnen können, sind seit jeher beliebt.

Auch die von internationalen Konzernen in Brasilien organisierten „Consórcios“ (etwa „Konsortialkäufe“), also für geschlossene Teilnehmergruppen organisierte Verkaufsmodelle zum Beispiel beim Auto- oder Hauskauf, haben Glücksspielelemente integriert.

Im Gegensatz zu den traditionellen Formen des Glücksspiels sind die digitalen Wetten jedoch intransparent, intensiv und spontan. Fast jeder Brasilianer besitzt ein Smartphone und nutzt es täglich mehrere Stunden.

Algorithmen sorgen dafür, dass potenzielle Spieler immer wieder die Apps und Plattformen öffnen. Und ein entscheidender Unterschied zu traditionellen Wetten: Sie müssen nicht Tage oder Wochen auf das Ergebnis warten. Belohnung und Enttäuschung sind nur einen Klick entfernt und sofort wiederholbar. Experten vergleichen die Wirkung der Wetten gar mit der stark abhängig machenden Droge Crack.

Hinzu kommt: Wegen der hohen Renditen in der Branche sind die Unternehmen bereit, viel Geld ins Marketing zu stecken: Sie engagieren für hohe Summen Popstars, Influencerinnen, Fußballvereine und deren beste Spieler, Rodeo-Stars, die mit ihren vermeintlichen Gewinnen werben. So sind digitale Wetten zu einem Massenphänomen geworden – in nur sieben Jahren.

Brasilianer denken, dass sie „investieren“

Aber auch auf dem Finanzmarkt spielen sie eine immer größere Rolle: Laut einer Umfrage der Associação Brasileira das Entidades dos Mercados Financeiro e de Capitais (ANBIMA) glaubt ein Fünftel der digitalen Wettteilnehmer in Brasilien tatsächlich, dass sie „investieren“ – und nicht hochriskant „spielen“.

Abgeordnete, Senatoren, Gouverneure und hohe Richter werden von Bets-Betreibern und Eigentümern mit luxuriösen Einladungen und möglicherweise illegalen Beteiligungen umworben.

Gerade erst wurde der Musiker Gusttavo Lima, einer der größten Popstars Brasiliens, kurzzeitig festgenommen – unter anderem wegen des Verdachts der Geldwäsche und der Beteiligung an einem Glücksspielunternehmen, das umgerechnet 500 Millionen Dollar umgesetzt haben soll.

Beim Flug zur Geburtstagsfeier auf einer Jacht vor Mykonos waren ein Bundesrichter und ein Gouverneur dabei. Neben einem Glücksspielunternehmer-Ehepaar, das die Mitfluggelegenheit genutzt haben soll, um sich vor der drohenden Festnahme ins Ausland abzusetzen.

Da die meisten Anbieter ihren Sitz im Ausland haben, unterliegen sie nicht den brasilianischen Transparenzvorschriften. Ihre Kontrolle ist schwierig. Das macht den Sektor für das organisierte Verbrechen attraktiv – Geldwäsche ist vergleichsweise leicht möglich.

Die Wettplattformen laden ein zur Geldwäsche

Das gilt auch für legale Anbieter in Brasilien, die ihre Gewinne versteuern. Sie eignen sich zugleich zum Waschen illegaler Einnahmen, etwa aus dem Drogenhandel. Denn einmal versteuert, sind die Gewinne legal. Die Kontrolle ist aufwendig,

Bis vor Kurzem brüstete sich die Wett-Lobby im Kongress, aber auch die Regierung, noch mit den Steuermehreinnahmen, die sie durch das digitale Wetten erzielen würden. Doch der öffentliche Druck ist inzwischen groß. Vor allem die Regierung versucht sich nun in Schadensbegrenzung.

Sie will jetzt gegensteuern, illegale Wettbüros verbieten und schließen. Ab Januar sollen Lizenzen für Anbieter vergeben werden.

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Die Branche dürfte das aber wohl verkraften: Nach einer Prognose des Branchendienstleisters Regulus Partners werden die Umsätze der digitalen Wettindustrie in Brasilien bis 2030 jährlich um 18 Prozent wachsen. Und für die legalen Lizenzen ab Januar haben sich 98 Unternehmen beworben. Sie betreiben 200 Wettplattformen.

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