1. Startseite
  2. Politik
  3. International
  4. Regenwald: Präsident Lula ist gescheitert – Brasilien brennt wie nie zuvor

RegenwaldPräsident Lula ist gescheitert – Brasilien brennt wie nie zuvor

Zwei Drittel von Brasilien liegen unter Rauchschleiern. Hunderttausende Brände wüten in dem Land. Es beginnt meist gleich: Erst kommen kriminelle Profis, dann Viehzüchter und Bauern.Alexander Busch 17.09.2024 - 13:41 Uhr Artikel anhören
Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva – Brandrodungen machen seine ersten Erfolge zunichte. Foto: Getty Images, Imago [M]

Salvador. Brasiliens Landwirtschaftsminister wollte der Welt zeigen, wie nachhaltig die Agrarbranche seiner Nation produziert. Carlos Fávaro nutzte den aktuellen G20-Vorsitz und lud vergangene Woche die Amtskollegen der führenden Industrieländer der Welt in den Bundesstaat Mato Grosso. Dort bauen die Farmer reichlich Mais und Soja für den Export an.

Doch Fávaros Plan misslang: In der Region brennen derzeit so viele Felder und Flächen, dass das Treffen wegen der extremen Luftverschmutzung kurzfristig in den nahe gelegenen Nationalpark Chapada dos Guimarães verlegt werden musste. Und selbst der Nationalpark war für reguläre Besucher wegen der Feuer gesperrt.

„Nachhaltigkeit und Landwirtschaft sind möglich“, rief der Minister, selbst Großfarmer, den Delegierten zu. „Es ist nicht an uns, mit dem Finger auf die Schuldigen zu zeigen.“ Kein Wunder: Umweltschützer sehen die Bauern als Mitschuldige, wenn nicht gar Hauptverursacher der schlimmsten Brände im Land seit Jahrzehnten. Denn Busch- und Waldbrände werden in Brasilien fast ausschließlich von Menschen verursacht.

Zwei Drittel Brasiliens bedeckt von Rauchwolken

Zwei Drittel der brasilianischen Landfläche liegen derzeit unter einem Rauchschleier. Auch in den Nachbarländern Bolivien, Paraguay und Argentinien ist der Himmel mit Rußwolken bedeckt. In Peru und Bolivien brennt es ebenfalls so wie selten zuvor. 350.000 Brände in 13 Ländern Südamerikas hat das brasilianische Weltraumforschungsinstitut INPE Anfang September registriert. Das gab es zuletzt vor 26 Jahren.

Für Präsident Luiz Inácio Lula da Silva ist die Brandkatastrophe ein herber Rückschlag in seinem Bestreben, sich als globaler Regenwaldschützer zu positionieren. Denn nach dem Wahlsieg gegen seinen Vorgänger Jair Bolsonaro, der vom Regenwaldschutz nichts hielt und sich für Farmer und Goldgräber einsetzte, wollte Lula in seiner dritten Amtszeit ab Januar 2023 mit einer vorbildlichen Umweltpolitik glänzen. Im Amazonasgebiet gelang es der Regierung im ersten Jahr, die Abholzung zu reduzieren. Doch die ersten Erfolge werden nun durch Brandrodungen zunichte gemacht.

Zum einen brennt der Amazonas-Regenwald an seiner Südflanke. Dort verläuft die Agrargrenze, die kriminelle Landbesetzer und Farmer weiter nach Norden verschieben wollen. Die Brände im Amazonasgebiet haben im August so viel Kohlendioxid in die Atmosphäre geblasen wie zuletzt 2003 – damals noch weitgehend unreguliert.

Satellitenbild des Gebiets über Paraguay, Bolivien, Argentinien und Brasilien: Der Rauch der Feuer bedeckt ganze Landstriche. Foto: via REUTERS

Auch in der Trockensavanne des Cerrado brennen derzeit Waldflächen, um Platz für Baumwoll-, Soja- und Maisfelder zu schaffen. In diesem Biotop von der Größe Mexikos ereignen sich derzeit fast die Hälfte aller Brände. Im Überschwemmungsgebiet des Pantanal an der Grenze zu Bolivien brennt es ebenfalls heftig – wie inzwischen fast jedes Jahr. Immer stärker werden dort die Brände und verwüsteten Flächen. Schon wird darüber spekuliert, wann es dieses Naturgebiet mit einer Fläche halb so groß wie Deutschland nicht mehr geben wird.

Der trockenste Winter seit 70 Jahren

Selbst in den Zuckerrohranbaugebieten um São Paulo im Südosten Brasiliens wird mit Feuer gerodet, was dort seit 20 Jahren verboten ist. São Paulo war laut dem Schweizer Luftqualitätsinstitut IQAir in der vergangenen Woche wiederholt die Metropole mit der weltweit höchsten Luftverschmutzung. In dem Bundesstaat haben die Unfälle mit Toten auf Fernstraßen stark zugenommen, weil Autofahrer in den Rauchwolken die Orientierung verlieren.

Die Umweltkatastrophe dürfte sich in den kommenden Wochen noch verschärfen: Denn im Juli beginnt zwar meist die Trockenzeit. Doch normalerweise sind die Pflanzen und Böden erst Mitte August so trocken, dass sie brennen können. „Der Höhepunkt der Brände steht uns im September und Oktober noch bevor“, sagt Mark Parrington vom Copernicus Atmosphere Monitoring Service (CAMS). Normalerweise endet die Feuersaison Anfang Dezember mit dem Einsetzen tropischer Regenfälle.

Doch in diesem Jahr haben eine frühe Trockenzeit und eine Hitzewelle die Feuersaison vorverlegt. Der Juni war in Brasilien der heißeste, trockenste und windigste Monat seit 70 Jahren, so die World Weather Attribution (WWA), ein Zusammenschluss von Forschungsinstituten, die extreme Wetterereignisse untersuchen. Seitdem hat es in Brasilien kaum noch geregnet.

Die Brandstifter verlassen sich auf Amnestien

Die extreme Trockenheit wurde von Brandstiftern genutzt. Dabei kann es sich einerseits um legale Brandrodungen handeln, um Weideland oder Felder für die landwirtschaftliche Nutzung vorzubereiten. Diese müssen den Behörden gemeldet werden. „Die allermeisten Brandrodungen sind jedoch kriminell“, sagt Carlos Nobre, einer der führenden Klimaexperten Brasiliens.

Sie lösen eine Kettenreaktion aus: Erst brennen Grileiros, professionelle kriminelle Landbesetzer, Waldflächen ab, um sie in Weideland zu verwandeln und an kleine Viehzüchter zu verkaufen. Wenn die Weiden keinen Ertrag mehr bringen, werden sie an Farmer verkauft, die sie in Plantagen verwandeln, die mit modernster Agrartechnik bewirtschaftet werden.

Durch Satellitenüberwachung können die brasilianischen Behörden die illegalen Brände ziemlich genau lokalisieren und verfolgen. Dann wird das Land für den Weiterverkauf gesperrt und die Besitzer erhalten keine staatlichen Kredite mehr. Aber das ist den illegal wirtschaftenden Kleinbauern egal: Die Großbauern verlassen sich darauf, dass eine Amnestie für Brandrodung kommt – was in der Vergangenheit regelmäßig geschah. Die Agrarlobby im Kongress ist eine der mächtigsten Interessengruppen in der Legislative.

Bei der massiven Häufung von Bränden kommen die Behörden aber ohnehin nicht mehr hinterher. „Wir können nicht auf jedem Feld und auf jeder Weide einen Beamten postieren“, kapitulierte Rodrigo Agostinho, Chef der Umweltbehörde Ibama.

Lula ohne Plan gegen die Brände

Nächstes Jahr wird Brasilien Gastgeber des UN-Umweltgipfels sein. Bei der UN-Generalversammlung in zwei Wochen wollte Lula seine traditionelle Eröffnungsrede mit Fortschritten im Kampf gegen den Klimawandel untermauern – und die Welt zum Handeln auffordern.

Doch das wird nicht gelingen, wenn die Regierung nicht einmal die Situation im eigenen Land in den Griff bekommt. Obwohl die Regierung seit Anfang des Jahres vor den drohenden Dürren und Bränden gewarnt wird, hat sie keinen Plan vorgelegt, wie sie darauf reagieren will.

Verwandte Themen
Brasilien
Argentinien
Landwirtschaft

Jetzt hat Präsident Lula die Idee eines Klimasuperministeriums wieder hervorgeholt, die er bereits im Wahlkampf angedeutet hatte. Doch wie diese Behörde ohne eigenes Budget und ohne Weisungsmacht die Klimaaktivitäten zwischen den Ministerien steuern soll, bleibt ein Rätsel.

Unter Umweltschützern wächst die Kritik an der Regierung, die tatenlos zusieht, wie immer mehr Wälder in Flammen aufgehen. Sergio Leitão, Direktor des Umweltinstituts Escolhas, fordert von der Regierung viel umfassendere Maßnahmen zur Brandbekämpfung. „Wenn sich nichts ändert, wird das Feuer nicht nur den Wald verbrennen, sondern auch die Glaubwürdigkeit der Regierung“, warnt er.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt