Globale Trends: Weist KI bald darauf hin, gesünder einzukaufen?
London. Wer gesund isst, lebt nicht nur länger, sondern ist auch produktiver. Das ist die Botschaft, mit der eine Gruppe von britischen Unternehmen und Investoren die Regierung in London auffordert, mehr dagegen zu tun, dass viele Briten übergewichtig sind.
Die jüngsten Zahlen zeigen, dass etwa zwei Drittel der Inselbewohner mehr wiegen, als für sie und die Wirtschaft gut ist. Eine bessere Aufklärung soll nun den Verbrauchern den Weg zu einer gesünderen Ernährung weisen. Geht es nach Tesco, könnte Künstliche Intelligenz (KI) eine wichtige Rolle spielen.
Die größte britische Supermarktkette gehört zu den Unternehmen, die sich um die Volksgesundheit sorgen. Tesco will seine Kunden mithilfe von intelligenten Maschinen dazu animieren, gesündere Lebensmittel einzukaufen.
Dabei setzt Tesco auf das Prinzip „Nudging“, auf Deutsch: anstupsen. Der Chef der Kette, Ken Murphy, sagte kürzlich: „Ich kann mir vorstellen, dass KI mit der Zeit sagt: ,Ich habe in Ihrem Einkaufskorb festgestellt, dass Ihr Natriumsalzgehalt 250 Prozent der empfohlenen Tagesdosis beträgt. Ich empfehle Ihnen, dies, dies und dies zu ersetzen.'“
„Nudging“ hat in Großbritannien eine lange Tradition. Die Regierung in London beschäftigt seit 2010 ein „Behavioural Insight Team“ von Verhaltensökonomen und Psychologen, das versucht, das Verhalten der Bürger in die von der politischen Führung gewünschte Richtung zu lenken. Die staatlichen „Anstupser“ setzen auf die Überredungskünste eines geschickten Marketings, moralischen Druck und finanzielle Anreize.
KI hebt das „Nudging“ auf eine neue Stufe
Die Fähigkeit von KI, riesige Datenmengen schnell zu verarbeiten und im digitalisierten Alltag nutzbar zu machen, hebt das „Nudging“ auf eine neue Stufe. Doch wie soll die KI eingesetzt werden? Tesco will dafür die „Clubcard“, eine Kundenkarte, verwenden. In Großbritannien scannen mit ihr rund 22 Millionen Verbraucher ihren Einkauf, um damit unter anderem Treuerabatte zu bekommen.
Über die Karte lassen sich aber auch sämtliche Einkaufsdaten sammeln. Tesco nutzt KI bereits in einem Pilotversuch, um das Einkaufsverhalten ausgewählter Kunden mit Treuepunkten zu belohnen. Dabei spielen allerdings nicht nur Gesundheitsaspekte eine Rolle, sondern auch kommerzielle Interessen.
Um das „Nudging“ beim Einkauf so weit zu personalisieren, dass die „Clubcard“ Einkaufstipps gibt, müsste Tesco nach den Worten Murphys jedoch generative Künstliche Intelligenz „umfassend einsetzen“. Für die Verbraucher stellt sich dann die Frage: Ist der Einsatz der KI damit positiv zu bewerten – oder aber ein Problem, weil Daten abgegriffen werden?
KI könnte das Einkaufen im Supermarkt revolutionieren – online ist das längst der Fall
„Die Erkenntnis ist gut, dass ernährungsbedingte Krankheiten, wenn wir sie nicht in den Griff bekommen, unsere Gesundheit, das staatliche Gesundheitssystem NHS und die Wirtschaft zerstören werden“, sagte Henry Dimbleby, Regierungsberater für Ernährungsfragen, der BBC.
Zugleich wies er aber auf Pilotversuche hin, die gezeigt hätten, dass das Anstupsen durch KI zum gesünderen Einkauf die Profitabilität der Supermärkte verringern könne. Damit es keine Nachteile im Wettbewerb gebe, müssten folglich alle Einzelhändler mitmachen, nicht nur Tesco.
Murphy prophezeit derweil, KI „wird die Art und Weise, wie Kunden mit Einzelhändlern interagieren, vollständig revolutionieren“. Auch deutsche Lebensmitteleinzelhändler wollen KI intensiver nutzen, denken dabei aber bislang vor allem an die Planung von Lieferungen.
Wenn smarte Maschinen den Verbrauchern beim Einkauf kluge Tipps geben sollen, müssen die künstlichen Diener außerdem möglichst viel über ihre menschlichen Gebieter wissen. KI werde sehen, „wie man einkauft, und leitet daraus ab, für wen man einkauft. Es kennt wahrscheinlich das Alter und Geschlecht ihrer Kinder“, sagt Murphy voraus.
Gesundheitsexperte Dimbleby sagt: „Unsere Arbeit zeigt, dass die Menschen durchaus bereit sind, sich helfen zu lassen, gesünder zu leben.“
„Big Brother“ im Supermarkt
Was in Tescos Supermärkten bald Realität werden könnte, ist online längst der Fall – das Kaufverhalten wird beispielsweise durch Algorithmen in sozialen Netzwerken beeinflusst. Der Onlinehändler Amazon beispielsweise kennt seine Kunden in- und auswendig.
Es dürfe aber nicht sein, dass „Big Brother“ bald bei jedem Supermarktbesuch dabei ist. Susan Michie, Verhaltensforscherin am University College London, fordert: „Die Menschen müssen darüber informiert werden, welche Technologie auf welche Weise und für welche Zwecke eingesetzt wird.“
Neben mehr Transparenz sei es wichtig, dass Menschen selbst entscheiden könnten, ob sie ihre persönlichen Gesundheitsdaten mit einer Supermarktkette teilen wollten.