Nahost-Krieg: Schwächt oder stärkt die Bodenoffensive die Hisbollah-Miliz?
München, Berlin. Israelische Truppen sind im Südlibanon gegen Stellungen der schiitischen Hisbollah-Miliz vorgegangen. Der Vorstoß israelischer Bodentruppen ist eine weitere Eskalation im Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah.
Die sich zuspitzende Situation in der Region beunruhigt internationale Regierungen weltweit – und schürt die Angst vor einer weiteren Ausweitung des Konflikts.
Am Dienstag griff der Iran Israel mit Raketen an. Dabei seien fast 200 Raketen abgefeuert worden, hieß es im israelischen Militärradio. Am Abend gab die israelische Armee Entwarnung.
Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) verurteilte den Angriff des Iran am Dienstagabend scharf. „Israel wird in diesen Stunden von Iran mit Raketen angegriffen“, schrieb sie zur Zeit des Angriffes auf Twitter. „Den laufenden Angriff verurteile ich auf das Allerschärfste. Wir haben Iran vor dieser gefährlichen Eskalation eindringlich gewarnt.“ Der Angriff führe die Region weiter an den Abgrund.
Baerbock hatte nach der Tötung von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah auch vor einer drohenden Destabilisierung des gesamten Libanons gewarnt. Ähnlich wie die USA hat die Grünen-Politikerin in den vergangenen Monaten zwar immer wieder das Selbstverteidigungsrecht Israels betont, aber gleichzeitig die israelische Regierung für ihr Vorgehen unter anderem in Gaza kritisiert.
Mitarbeiter der Botschaft ausgeflogen
In Zusammenarbeit mit dem Bundesverteidigungsministerium flog das Auswärtige Amt am Montagabend mit einem Airbus A321 der Luftwaffe rund 110 Mitarbeiter der deutschen Botschaft, Ortskräfte und deren Angehörige sowie gesundheitlich gefährdete weitere deutsche Staatsbürger von Beirut aus, um sie in Sicherheit zu bringen.
Aus Washington hieß es, es handle sich um einen „begrenzten“ Militäreinsatz. Israel will aber offensichtlich ein Gebiet von mehreren Hundert Quadratkilometern unter seine Kontrolle bringen.
Die israelische Armee forderte die Bewohner von fast dreißig Dörfern im Libanon am Dienstag auf, diese umgehend zu verlassen. Sie müssten in ein Gebiet nördlich des Awali-Flusses gehen, teilte der arabische Sprecher der Armee, Oberst Avichay Adraee, mit. „Rettet euer Leben“, sagte er.
Die mächtige, vom Iran unterstützte Hisbollah ist massiv geschwächt. Sie musste in den letzten Wochen schwere Schläge hinnehmen: zuerst die Pager-Attacken, dann die Tötungen ihres Chefs Hassan Nasrallah und einer ganzen Reihe ihrer Kommandanten sowie die schweren Luftangriffe auf ihre Machtzentralen, die auch am Dienstag fortgesetzt wurden. Besiegt ist sie aus Sicht von Nahostexperten jedoch noch nicht.
„Sicherlich ist die militärische Stärke und Kommunikationsfähigkeit der Hisbollah durch die Angriffe der letzten zwei bis drei Wochen massiv eingeschränkt“, sagt der Libanon-Experte Jan Altaner, derzeit Stipendiat am Orient-Institut in Beirut. Ihre stärksten Waffen hat die Miliz aus Sicht von Experten bisher aber kaum oder gar nicht eingesetzt.
Das könnte sich nun ändern. Die Miliz feuerte am Dienstag Dutzende Raketen auf Israel ab. Diese richteten sich auch auf den Großraum Tel Aviv und weitere Gebiete tief in Israel. Nach eigenen‧ Angaben feuerten die Milizionäre „Fadi 4“-‧Raketen ab, die eine größere Sprengladung als ihre Vorgängermodelle tragen. Laut einem Hisbollah-Sprecher richtete sich der Angriff gegen den israelischen Geheimdienst und das Hauptquartier einer Aufklärungseinheit.
Darüber hinaus verfügt die Miliz weiterhin über mehrere Zehntausend Kämpfer, die sich in den vergangenen Jahren auf das jetzige Szenario, den Einmarsch israelischer Truppen, vorbereitet haben. Die Armee selbst sprach von schweren Kämpfen in der Grenzregion.
Das umkämpfte Gebiet ist größer als der Gazastreifen, wo Israel seit einem knappen Jahr gegen die weitaus weniger schlagkräftige Hamas kämpft. Und es ist eine Hügellandschaft mit Tälern und dichten Wäldern.
Die vergangenen militärischen Konflikte zeigten, dass die Hisbollah dieses Terrain bestens zu nutzen wisse, sagt Nahostexperte Altaner. Laut der Armee plante die Miliz von hier aus einen Überfall auf Israel ähnlich wie die Hamas im Oktober vergangenen Jahres.
Die libanesische Regierung, die nur geschäftsführend im Amt ist, äußerte sich zunächst nicht zum Einmarsch der israelischen Armee. Im Gegensatz zu früher, als die Hisbollah für ihren Widerstand gegen das verfeindete Nachbarland von vielen Libanesen gefeiert wurde, gibt es heute auch heftige Kritik.
„Angst, Wut, Hilflosigkeit – aber auch der Wunsch zum Widerstand“
Viele Libanesen warfen der Miliz in den vergangenen Monaten vor, ihr ökonomisch darniederliegendes Land in einen unnötigen Krieg zu ziehen. Die schweren Luftangriffe sorgen jedoch vor allem für Angst und Schrecken, viele sorgen sich um ihre Angehörigen. „Angst, Wut, Hilflosigkeit – aber in Teilen der Bevölkerung auch der Wunsch zum Widerstand“ bestimmten die Reaktion, sagt Altaner. Die Missachtung des Völkerrechts sorge in der gut ausgebildeten Zivilbevölkerung zudem für Ernüchterung, was den Blick auf den Westen angehe.
Insofern könnte der Einmarsch – fast alle Libanesen lehnen eine Besetzung ihres Landes ab – der Hisbollah nutzen. Sie könnte dadurch ihr angeschlagenes Image wieder aufpolieren. Viel werde vom Kriegsverlauf abhängen, so Altaner.
Allerdings sei es fraglich, ob es wie nach früheren Einmärschen der Israelis auch diesmal zu einer Solidaritätswelle mit der Hisbollah komme. Vielmehr würden sich viele hinter den Libanon als Staat stellen. Sie äußern die Hoffnung, die „Krise nutzen zu können, um den Staat nun endlich wiederaufzubauen und gerecht zu gestalten“.
Die Situation in Nahost, insbesondere die anhaltende militärische Auseinandersetzung zwischen Israel und der Hamas, war in der vergangenen Woche auch großes Thema bei der UN-Vollversammlung. Außenministerin Baerbock schließt mit Blick auf eine mögliche künftige Friedensordnung im Nahen Osten eine Beteiligung deutscher Soldaten an einer möglichen internationalen Schutztruppe für den Gazastreifen nicht aus.
„Frieden braucht internationale Sicherheitsgarantien, dass von Gaza nie wieder Terror gegen Israel ausgeht. Und dass die Palästinenser sicher in einem eigenen Staat leben können“, sagte die Grünen-Politikerin dem Magazin „Stern“. Zu einer solchen internationalen Sicherheitsgarantie solle Deutschland seinen Beitrag leisten.
Die Wehrbeauftragte des Bundestags, Eva Högl (SPD), erteilte Baerbocks Überlegungen umgehend eine Absage. „Unsere Bundeswehr ist echt am Rande dessen, was überhaupt noch zu leisten ist“, sagte Högl im Rahmen eines Treffens militärischer Ombudsleute in Berlin.