Dax-Konzern: Siemens Energy meldet Milliarden-Gewinn und erhöht Prognose
München. Der Krisenkonzern Siemens Energy hat im abgelaufenen Geschäftsjahr den Sprung in die Gewinnzone geschafft und erhöht seine Ziele. Auch dank eines Beteiligungsverkaufs erzielte das Dax-Unternehmen 2023/24 unter dem Strich einen Gewinn von 1,3 Milliarden Euro, nach einem Minus von 4,6 Milliarden Euro im Jahr zuvor, wie der Konzern am Dienstagabend mitteilte.
Der Börsenkurs war in den vergangenen Monaten angesichts der Fortschritte bereits stark gestiegen. „Unser Fokus liegt weiterhin auf profitablem Wachstum, das durch äußerst positive Marktbedingungen unterstützt wird“, sagte Vorstandschef Christian Bruch am Dienstagabend. Die neuen, angehobenen Mittelfristziele reflektierten die „führende Rolle bei der Energiewende“.
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Damit fasst der gebeutelte Konzern wieder Tritt. Im vergangenen Jahr hatten schwere Qualitätsprobleme bei Windturbinen das Unternehmen in Turbulenzen gebracht. Auf dem Höhepunkt der Krise musste Siemens Energy um staatliche Rückgarantien in Milliardenhöhe ersuchen.
Noch ist das Kernproblem aber nicht gelöst: Die Erneuerbare-Energien-Tochter Siemens Gamesa musste im Geschäftsjahr 2023/24, das am 30. September endete, erneut einen hohen Verlust von 1,8 Milliarden Euro vor Sonderfaktoren verbuchen. Doch fiel dieser zumindest kleiner aus als im Krisenjahr zuvor, und die übrigen Geschäfte laufen gut.
Bruch hob vor diesem Hintergrund die Renditeziele für die nächsten Jahre teilweise an. Über die Pläne hatte das Handelsblatt exklusiv berichtet.
Konkret will Siemens Energy nun bis zum Geschäftsjahr 2028 ein durchschnittliches jährliches Umsatzwachstum auf vergleichbarer Basis im hohen einstelligen bis niedrigen zweistelligen Prozentbereich erreichen. Die Ergebnismarge soll 2028 bei zehn bis zwölf Prozent liegen. Bislang hatte Siemens Energy acht Prozent oder mehr in Aussicht gestellt.
Auch für das laufende Geschäftsjahr 2024/25 ist Bruch vorsichtig optimistisch. Die Umsätze sollen um acht bis zehn Prozent steigen bei einer Ergebnis-Marge vor Sondereffekten von drei bis fünf Prozent.
An der Börse herrschte in den vergangenen Monaten angesichts der Fortschritte regelrechte Euphorie. Seit dem Tiefststand von weniger als sieben Euro vor einem Jahr hat sich der Kurs mehr als verfünffacht. Intern ist einigen da schon unwohl, sie befürchten einen Kursabsturz nach der nächsten Enttäuschung. Am Mittwoch gab der Kurs vor Verkündung der höheren Ziele mit dem Gesamtmarkt nach.
Im vergangenen Geschäftsjahr steigerte Siemens Energy den Konzernumsatz um knapp 13 Prozent auf 34,5 Milliarden Euro. Das Ergebnis vor Sondereffekten verbesserte sich auf plus 345 Millionen Euro, nach einem Verlust von 2,8 Milliarden Euro im Jahr zuvor.
Auch der große US-Konkurrent hat Probleme im Bereich Windkraft
Im dritten Kalenderquartal steigerte GE Vernova den Umsatz auf vergleichbarer Basis um zehn Prozent auf 8,9 Milliarden Dollar. Der Auftragseingang legte um 17 Prozent auf 9,4 Milliarden Dollar zu. Dabei machte der US-Konkurrent einen kleinen Verlust, die bereinigte operative Marge lag bei 2,5 Prozent.
Zum Vergleich: Siemens Energy steigerte den Umsatz von Juli bis September – also im vierten Geschäftsquartal – um knapp 17 Prozent auf 9,7 Milliarden Euro. Unter dem Strich stand ein Quartalsverlust von 115 Millionen Euro, nach einem Minus von 551 Millionen Euro im Jahr zuvor.
Beide Energietechnikspezialisten verzeichnen eine gute Nachfrage nach Gaskraftwerken. Bei Siemens Energy sind auch Stromnetze wichtige Umsatzbringer. Das große Problem für beide Unternehmen ist die Windkraft. Hier verdient derzeit keiner der Anbieter in der Branche richtig Geld, bei Siemens Energy kamen noch hausgemachte Probleme hinzu.
In den vergangenen Jahren brachten ein harter Preiskampf, Lieferkettenchaos, Coronapandemie, Inflation und steigende Zinsen die Hersteller an ihre Grenzen. Gleichzeitig haben Konkurrenten aus China die Preise auf dem Weltmarkt immer weiter gedrückt und arbeiten mit Macht daran, ihre Marktanteile in Europa auszubauen.
Seit einem Jahr versuchen Europas Weltmarktführer, ihre Preise wieder nach oben zu schrauben. Ende 2023 waren die Kosten für Strom aus neuen Onshore-Windparks laut Daten des Datendiensts Bloomberg New Energy Finance sowohl in den USA als auch in Deutschland dadurch deutlich gestiegen. In den USA um etwa 40 und in Deutschland um 35 Prozent.
Die Finanzmärkte sind optimistisch
Einige Hersteller konnten dadurch zwar ihre Margen verbessern, doch höhere Preise allein reichen nicht aus, um die Fehler der Vergangenheit wettzumachen. Über Jahre hinweg lieferten sich die Windkraftkonzerne nicht nur einen intensiven Preiskampf, sondern überboten sich auch bei der Entwicklung immer größerer und leistungsstärkerer Anlagen – zulasten der Qualität.
Siemens Energy traf es besonders hart: Bei einer neuen Turbinengeneration für Windräder an Land traten deutliche Mängel auf. Die Schäden gingen in die Milliarden. Auch GE Vernova hatte im Windgeschäft mit Rückschlägen zu kämpfen. Weil mehrere Rotorblätter bei Offshore-Anlagen des US-Konzerns ausgefallen waren, verbuchte das Unternehmen im dritten Quartal einen Verlust von mehr als 300 Millionen Dollar.
Trotz dieser Herausforderungen hält die hohe Nachfrage die Aktienkurse der Turbinenhersteller auf erstaunlichem Niveau. Die Papiere von Siemens Energy, GE Vernova und Nordex kletterten im vergangenen Jahr je nach Anbieter um 25 bis 300 Prozent.