Siemens Gamesa: Auch externe Experten sollen Milliardendebakel aufklären
Der spanisch-deutsche Anbieter hat mit schweren Qualitätsproblemen zu kämpfen.
Foto: ReutersMünchen. Siemens Energy will das Milliardendebakel um die Windkrafttochter Siemens Gamesa auch mit externer Hilfe aufklären. „Man muss das sauber aufarbeiten“, hieß es in Aufsichtsratskreisen. Dabei müsse auch geprüft werden: „Wer wusste was wann?“ So müsse geklärt werden, warum die Qualitätsprobleme im Zuge der Komplettübernahme der spanischen Tochter nicht entdeckt worden seien.
Ende Juni hatte Gamesa die Zentrale in München und die Investoren mit neuen Hiobsbotschaften geschockt: Massive Qualitätsprobleme an einigen Turbinen können in den kommenden Jahren mehr als eine Milliarde Euro kosten. Der Siemens-Energy-Aktienkurs brach darauf um mehr als ein Drittel ein.
Siemens Gamesa: Möglicherweise sind die Turbinen falsch designt
Siemens Energy hatte Gamesa komplett übernommen, um besseren Durchgriff bei dem seit Jahren verlustreichen Unternehmen zu bekommen. Im Rahmen des Deals gab es eine sogenannte Due Dilligence, also eine genaue Prüfung der Bücher und der wirtschaftlichen und rechtlichen Risiken.
„Das ist eine sehr ernste Situation“, hieß es in Aufsichtsratskreisen. Problematisch sei insbesondere, dass man die möglichen Belastungen habe veröffentlichen müssen, ohne die Ursache und den maximalen Schaden genau benennen zu können. So sei noch eine entscheidende Frage, ob das Design der betroffenen Turbinen fehlerhaft sei oder es nur ein Umsetzungsproblem sei.
Der Siemens-Energy-Aufsichtsrat hat inzwischen einen Sonderausschuss eingesetzt. Das Gremium solle von Aufsichtsratsvize Hubert Lienhard geleitet werden. Zudem gibt es im Unternehmen eine Taskforce, in die auch erfahrene Sanierer aus anderen Konzernsparten einbezogen werden. Zudem sollen technische Experten im Stile des Tüv dazugeholt werden.
Die Problematik betrifft die Windkraft-Modellreihen 5x und 4x. Von der X5 sind demnach bislang rund 800 hergestellt worden, 100 davon sind bereits ausgeliefert. Bei der X4, die noch vor Gründung des Joint Ventures von Gamesa entwickelt wurde, geht es um mehr Windräder, dort sei aber die erwartete Ausfallrate niedriger, hieß es.
Hinzu kommt ein größerer Auftragsbestand. Bei diesen noch nicht gebauten Turbinen ist nun unklar, ob man zum Beispiel das Design oder an den Komponenten etwas ändern muss und bei wie vielen mit Problemen zu rechnen sein wird.
Niemand weiß, wie viele Turbinen betroffen sein werden
In Aufsichtsratskreisen wurde einerseits betont, dass damit nur ein sehr kleiner Teil der installierten Flotte von 63.000 Windrädern betroffen sei. Und auch unter den Modellen der 4x- und 5x-Reihen laufen die meisten Räder störungsfrei. Doch fehlt dem Konzern eine ausreichende Datenbasis, um abschätzen zu können, wie viele Anlagen in der Zukunft Probleme bereiten können.
Das Management um Siemens-Energy-Chef Christian Bruch und Gamesa-CEO Jochen Eickholt genießt bislang weiterhin das Vertrauen des Aufsichtsrats. Man habe Personalfragen geprüft, hieß es im Umfeld des Kontrollgremiums und sei zu dem Schluss gekommen: „Bruch und Eickholt sind die Richtigen, das Problem zu lösen.“ Natürlich müsse man aber abwarten, was die Untersuchungen noch ergeben.
Erstpublikation: 07.07.2023, 08:26 Uhr.