Reizdarm: So verhindern Sie, dass Ihr Darm rebelliert
Der Darm – ein faszinierendes und sehr komplexes Organ. Er aktiviert etwa unseren Stoffwechsel, reguliert den Wasserhaushalt im Körper und ist wichtig für die Stärke der Immunabwehr, für Muskulatur und Gehirnleistung. Trotz aller Forschungen und neuen Erkenntnissen gilt dieses Organ aber noch weitgehend als Terra incognita.
Seit Langem gehen Forscher zum Beispiel der Frage nach, was einen Reizdarm verursacht. Immerhin leiden heute etwa 30 Prozent der Bevölkerung darunter – Frauen doppelt so häufig wie Männer. Bei einem Reizdarmsyndrom (Colon irritabile) treten in unregelmäßigen Abständen verschiedene Magen-Darm-Beschwerden wie Schmerzen, Krämpfe, Blähungen, Verstopfung oder Durchfall auf.
Das Reizdarmsyndrom gilt nicht als eigenständige Krankheit, sondern ist vielmehr ein Sammelbegriff für unterschiedlichste Ursachen und Beschwerden.
Als mögliche Auslöser vermuten Experten unter anderem eine aus der Balance geratene Darmflora, chronische Mikroentzündungen, Verwachsungen und Gluten- und andere Unverträglichkeiten im Darm-Mikrobiom.
Weiter halten sie es für wahrscheinlich, dass das Bauchhirn (Darm- und Eingeweidenervensystem) bei Reizdarmpatienten überaktiv ist. Zwar ist das Syndrom keine psychische Krankheit, aber Studien zeigen, dass Stress, Sorgen und Ängste einen Reizdarm zusätzlich triggern können. Dazu gehören Belastungen am Arbeitsplatz, Zeit- und Entscheidungsdruck, Ängste um Arbeitsplatz und Karriere sowie familiärer Stress.
Mögliche Therapien gegen Stress im Darm
Als mögliche Therapie ist der Verzicht auf bestimmte Lebensmittel, sogenannte FODMAPs, in den Fokus geraten. FODMAP ist die englische Abkürzung für fermentierbare Oligosaccharide, Disaccharide, Monosaccharide und (and) Polyole. Dabei handelt es sich um bestimmte Kohlenhydrate und Zuckeralkohole, die bei Reizdarmpatienten mitunter schwere Blähungen verursachen.
» Lesen Sie auch: Wie wir richtig fasten – und Körper und Geist wieder fit machen
Deshalb sollten Reizdarmpatienten Zucker und viele industriell hergestellte Lebensmittel bei einer FODMAP-Diät für vier bis acht Wochen meiden. Warum? Diese Stoffe können im Dünndarm nicht ausreichend abgebaut werden und gelangen unverdaut in den Dickdarm, wo sie Probleme bereiten. Deshalb sollten Reizdarmpatienten unter anderem auf Cashewnüsse, Birnen, Joghurt, Blumenkohl und Weizen verzichten. Was außerdem helfen kann: regelmäßige Bewegung.
Wie richtige Ernährung dem Darm hilft
Ungesundes Essen und Bewegungsmangel belasten das komplexe Darmsystem stark. Viele wichtige Darmhelfer, die früher in unserer Ernährung normal waren, kommen heute viel zu kurz. Auch wenn die Lebenserwartung nicht reduziert ist, kann ein Reizdarm die Lebensqualität deutlich beeinträchtigen. Die Behandlung eines Reizdarmsyndroms ist – je nach vorherrschendem Symptom – eine Kombination aus Medikamenten und einer individuellen Anpassung des Lebensstils mitsamt Bewegungsempfehlungen und einer Ernährungsumstellung, zum Beispiel mit Hafer (glutenfrei) oder Kichererbsen (Bio-Hummus mit wenig Zucker und Fett).
Auch Entspannungsverfahren wie autogenes Training, Yoga, Achtsamkeitsübungen und Meditation sowie eine kognitive Verhaltenstherapie im Rahmen einer Psychotherapie sind hilfreiche Maßnahmen, wenn Stress und psychische Beschwerden Reizdarmsymptome auslösen.
In der Phytotherapie finden viele Heilpflanzen Anwendung, die mit einer krampflösenden und blähungsverringernden Wirkung einhergehen. Dazu gehören Pfefferminzöl in Form von Kapseln, Kümmelöl, Kamille und Fenchel oder Sibirischer Ginseng bei krampfartigen Beschwerden, Blähungen und Völlegefühl oder Heilerde und Bananen bei Durchfall. Auch das pflanzliche Abführ- und Arzneimittel Padma Lax aus Tibet lindert Blähungen, Verstopfung und Schmerzen.
Empfehlenswert – besonders zur Prophylaxe – sind auch probiotische Lebensmittel und Nahrungsergänzungsmittel mit enthaltenen Milchsäurebakterien, Bifidobakterien oder Hefen wie fermentierte Sojabohnen (Miso, Tempeh), fermentiertes, vergorenes Gemüse (Sauerkraut, Gurken, Zwiebeln, Kimchi), Joghurt, Kefir, Buttermilch. Sie unterstützen die Darmfunktion, und Kimchi und Joghurt in Bioqualität und mit ausreichend guten Bakterien erhöhen zum Beispiel die Vielfalt der Darmbakterien und stärken das Immunsystem. Durch den natürlichen Fermentationsprozess werden Nährstoffe besser verfügbar gemacht und schädliche Stoffe abgebaut.
Fermentierte Lebensmittel sind seit Jahrhunderten ein fester Bestandteil vieler Kulturen. Sie stärken nicht nur die Verdauung, sondern auch das Immunsystem und das allgemeine Wohlbefinden. Mittlerweile bieten solche darmpflegenden und darmunterstützenden Produkte, die bestimmte Pflanzen- und Kräuterextrakte sowie Stämme wertvoller Darmbakterien kombinieren, Apotheken und Reformhäuser an.
Dietrich Grönemeyer ist Gründer des Grönemeyer-Instituts Bochum und Bestsellerautor. Bis 2012 war er Lehrstuhlinhaber für Radiologie und Mikrotherapie an der Universität Witten/Herdecke. Er schreibt alle 14 Tage im Handelsblatt Wochenende.
Erstpublikation: 23.01.2025, 15:53 Uhr