Führung: Warum die Zeit der Bescheidenheit vorbei ist
Eine Coachee, mit der ich kürzlich zusammengearbeitet habe, hatte sich immer dem Prinzip verschrieben, dass gute Arbeit für sich selbst spricht – sie wollte nicht „laut“ sein, sondern durch ihr Engagement und ihre Expertise überzeugen. Über Jahre hinweg war sie die unbesungene Heldin in ihrem Team. Sie erledigte ihre Aufgaben zuverlässig, löste komplexe Probleme und unterstützte ihre Kollegen.
Doch mit der Zeit bemerkte sie eine ernüchternde Wahrheit: Ihre Leistung blieb weitgehend unbeachtet. Die Anerkennung, die sie sich erhofft hatte, blieb aus – und mit ihr die beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten.
Ihre Enttäuschung war nachvollziehbar. Wie konnte es sein, dass ihre harte Arbeit nicht zur verdienten Sichtbarkeit führte? Die Antwort liegt in den veränderten Anforderungen der modernen Arbeitswelt: Sichtbarkeit ist heute entscheidend, um wahrgenommen zu werden. In Zeiten von Social Media und Netzwerken reicht es nicht mehr, gut zu sein – man muss auch zeigen, was man kann.
Die Zeiten, in denen „Hinter-den-Kulissen-Rackern“ zur Karriere führte, sind vorbei. Heute müssen Fachkräfte und Führungskräfte ihre Leistungen nicht nur erbringen, sondern sie auch aktiv ins Gespräch bringen.
Das wird auch durch den sogenannten Matthew-Effekt unterstützt, der im beruflichen Kontext zeigt, wie wichtig frühe Anerkennung und Sichtbarkeit für den Karriereerfolg sind. Studien belegen, dass Menschen, deren Leistungen sichtbar gemacht werden, häufiger mit größeren Aufgaben betraut werden. Ein Erfolg führt zu weiteren Chancen, während unsichtbare Erfolge häufig ungenutzt bleiben. Wer seine Leistung nicht aktiv kommuniziert, wird leicht von einem Kollegen überholt, der zwar ebenso kompetent ist, aber besser darin ist, sich selbst zu präsentieren.
Sichtbarkeit als Schlüssel zur Karriere
Diese Erkenntnisse decken sich mit den Erfahrungen meiner Coachee. Sie lernte schnell, dass Sichtbarkeit der Schlüssel war, um ihre Karriere voranzutreiben. Doch sie musste auch lernen, dass Sichtbarkeit nicht einfach „mehr“ bedeutet. Sie musste erkennen, dass es darauf ankommt, strategisch sichtbar zu werden – also in einer Art und Weise, die im Einklang mit ihren langfristigen Zielen steht.
Ein anderes Phänomen, das wir bei Sichtbarkeit im Beruf oft beobachten, ist die Überflutung mit zusätzlichen Aufgaben. Wenn jemand zu sichtbar wird, kann dies zu einer Überlastung führen, da man oft mit zusätzlichen Aufgaben betraut wird, die nicht unbedingt den eigenen beruflichen Interessen oder Zielen entsprechen.
Bei meiner Coachee führte dies zu einem Dilemma: Einerseits öffnete ihre Sichtbarkeit neue Türen, andererseits wurde sie mit immer mehr Aufgaben überschüttet, die sie nicht alle übernehmen wollte. Es wurde klar, dass man nicht jede Gelegenheit nutzen sollte, nur weil sie sich bietet – sondern dass es entscheidend ist, die richtigen Aufgaben auszuwählen, die die eigene Karriere voranbringen.
Die Lektion aus dieser Erfahrung lautet: Sichtbarkeit muss strategisch eingesetzt werden. Wer seine Karriere aktiv steuern möchte, sollte sich bewusst sein, dass nicht jede Möglichkeit der Sichtbarkeit automatisch zu einem Vorteil wird. Es geht nicht darum, sich überall zu zeigen oder immer zu helfen. Vielmehr sollte man gezielt Aufgaben übernehmen und sich an Projekten beteiligen, die mit den eigenen beruflichen Zielen und Interessen übereinstimmen. Nur so kann man sicherstellen, dass die eigene Sichtbarkeit nicht zu einer Falle wird.
Um diese Strategie in die Praxis umzusetzen, könnten folgende Fragen helfen, die eigene Sichtbarkeit gezielt und sinnvoll zu steuern:
Welche Ziele können durch mehr Sichtbarkeit erreicht werden?
Es ist entscheidend, klar zu definieren, welche Ziele durch erhöhte Sichtbarkeit verfolgt werden sollen. Ob es um eine Beförderung, den Ausbau des Netzwerks oder den Aufbau einer persönlichen Marke geht – eine präzise Zielsetzung stellt sicher, dass Aktivitäten gezielt eingesetzt werden, um diese Ziele zu unterstützen.
- Welche Ziele können durch mehr Sichtbarkeit erreicht werden? Eine klare Zielsetzung hilft, Aktivitäten gezielt auszuwählen, die diese Ziele unterstützen, sei es für eine Beförderung oder den Ausbau des Netzwerks.
- Welche Aufgaben und Projekte fördern die Erreichung dieser Ziele und passen zu den eigenen Werten und Interessen? Aufgaben sollten sowohl die Sichtbarkeit erhöhen als auch langfristige Karriereziele und persönliche Werte fördern, ohne sich zu verzetteln.
- Wie lassen sich Erfolge sichtbar machen, ohne übertrieben oder aufdringlich zu wirken? Erfolge sollten authentisch und respektvoll kommuniziert werden, um sowohl den eigenen Beitrag zu zeigen als auch Rücksicht auf andere zu nehmen.
Diese Fragen helfen dabei, Sichtbarkeit nicht nur als Selbstvermarktung, sondern als gezielten, strategischen Schritt in der eigenen Karriere zu betrachten.
In der heutigen Arbeitswelt zählt nicht nur die Qualität der Arbeit, sondern auch die Fähigkeit, sich selbst und seine Erfolge sichtbar zu machen – und das mit Bedacht. Die Zeit der Hidden Champions mag ablaufen, doch die Möglichkeit, sich authentisch und sichtbar zu zeigen, bleibt eine wertvolle Ressource für den beruflichen Erfolg, solange sie strategisch eingesetzt wird.
Nese Oktay-Gür ist Psychologin, schreibt über arbeitspsychologische Themen und berät zahlreiche Unternehmen. Im Handelsblatt-Wochenende schreibt sie alle zwei Wochen über Themen aus ihrer Praxis.
Erstpublikation: 07.02.2025, 11:20 Uhr.