Energiewende: Energiepolitik vertreibt Industrieunternehmen aus Deutschland
Berlin. Eine Mehrheit der Industrieunternehmen in Deutschland erwägt, Aktivitäten ins Ausland zu verlagern. In einer Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Baker Tilly sagten 73 Prozent der befragten Unternehmen, eine Verlagerung von Geschäftsaktivitäten ins Ausland sei „sehr wahrscheinlich“ oder „eher wahrscheinlich“. 23 Prozent der Befragten nannten eine Verlagerung „weniger wahrscheinlich“ und nur vier Prozent „unwahrscheinlich“.
Hartmut Müller, Partner bei Baker Tilly, sagte dem Handelsblatt, die Unternehmen sähen die Gefahr, dass Deutschland als Industriestandort dauerhaft verliere. „Die Zahl der Unternehmen, die sich mit dem Gedanken tragen, Produktion ins Ausland zu verlagern, ist beträchtlich“, sagte Müller.
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Auf die Frage, was sich kurzfristig ändern müsste, um Unternehmen in Deutschland zu halten, nannten die Industrieunternehmen an erster Stelle niedrigere Strompreise (45 Prozent), auf den Plätzen zwei, drei und vier folgten Forderungen nach einer Vereinheitlichung der EU-Energiepolitik, nach geringeren Energiesteuern und Abgaben sowie nach geringeren Netzentgelten. Erst auf Rang fünf folgte die Forderung nach Bürokratieabbau.
Das hohe Strompreisniveau in Deutschland ist für viele Industrieunternehmen seit Jahren ein Problem. Zwar hat sich das Strompreisniveau im Großhandel nach der Energieversorgungskrise des Jahres 2022 wieder beruhigt. Doch im europäischen Vergleich bleibt das Strompreisniveau in Deutschland für Haushalte und auch für Industriekunden hoch.
Zahlen des Statistischen Bundesamts zufolge zahlten Industrieunternehmen in Deutschland in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres die dritthöchsten Strompreise in der EU. Höher waren sie demnach nur in Zypern und in Irland.
Auch das Ende der Ampel-Koalition verunsichert
Das liegt insbesondere an hohen Steuern und Abgaben, die in Deutschland auf den Großhandelspreis aufgeschlagen werden. Zwar hat die Streichung der Umlage zur Förderung der erneuerbaren Energien in dieser Legislaturperiode eine Entlastung gebracht. Zugleich steigen aber die Netzentgelte.
Außerdem will die Bundesnetzagentur Privilegien bei den Netzentgelten für die Industrie neu regeln. Viele Unternehmen befürchten hohe Belastungen. Das Problem des hohen Strompreisniveaus ist nicht gelöst.
Die Studie belege, dass die Industrie mehrheitlich bereit sei, die Energiewende mitzugestalten und die entsprechenden Investitionen zu tätigen. „Doch das Wollen ist das eine, das Können ist das andere. Am Ende darf die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen nicht gefährdet werden“, warnte Müller.
78 der befragten Industrieunternehmen und 82 Prozent der Energieversorger geben an, ihr Investitionsbedarf habe sich durch die Energie- und Klimapolitik der Ampelkoalition in den vergangenen drei Jahren erhöht. 86 Prozent der Industrieunternehmen sagen, sie seien durch den Koalitionsbruch verunsichert über die zukünftige Gesetzgebung und deren mögliche Auswirkungen auf ihre Investitionen.
Laut Müller steht die künftige Bundesregierung vor der Herausforderung, für langfristig verlässliche und attraktive Rahmenbedingungen zu sorgen. „Entscheidend ist aus Sicht der Industrie, dass die Lücke zu einem wettbewerbsfähigen Strompreis geschlossen wird.“
Baker Tilly hat für die Studie Entscheider aus 200 Unternehmen der Branchen Industrie und Energie befragt.