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Morning Briefing PlusAkku leer

Die Lage Europas ist schwierig, doch es gibt zahlreiche Gründe zur Zuversicht. Was vergangene Woche sonst noch wichtig war: Der ganz persönliche Rückblick des Chefredakteurs.Sebastian Matthes 29.03.2025 - 08:12 Uhr Artikel anhören
Handelsblatt-Chefredakteur Sebastian Matthes. Foto: Handelsblatt

Liebe Leserinnen und Leser,

die Stimmung in Deutschland, das muss ich leider so offen sagen, geht mir ziemlich auf die Nerven. Eben noch, im Wahlkampf, riefen alle nach Zuversicht, nach Mut, nach Aufbruch. Alle wollten ihren Beitrag dazu leisten.

Jetzt, wenige Wochen nach der Bundestagswahl, die neue Regierung steht noch nicht einmal, scheint all das vergessen. Die Verbände und Unternehmer äußern sich – in vertraulichen Gesprächen – vernichtend über das, was aus den Koalitionsgesprächen nach außen sickert. Die wirtschaftliche Lage bewerten sie kaum besser: Nur 77 Prozent der Unternehmenslenker glauben laut KPMG noch an ihre eigenen Wachstumspläne.

Deutschland wirkt dieser Tage wie ein Laptop mit leerem Akku: Alles wird langsamer, das Display dunkler, die Programme stürzen öfter ab.

Natürlich ist die Lage Europas schwierig. Aber irgendwie machen wir gerade auch alle den Eindruck, als warteten wir darauf, dass jemand anderes aufsteht, um das Ladegerät zu holen. Dabei gibt es zahlreiche Gründe für Zuversicht.

Die Spectrum-Rakete von Isar Aerospace steht kurz vor dem Start. Foto: Brady Kenniston/Isar Aerospace, Photo Wingmen Media/AP/dpa
  • Überhaupt entwickeln sich die europäischen Börsen schon seit Jahresbeginn besser als die in den USA. Seit Beginn des Jahres ist der Dax mit einem Plus von rund zwölf Prozent deutlich besser gelaufen als der S&P 500, der rund fünf Prozent verloren hat.

Natürlich gibt es Probleme: Bürokratie, hohe Abgabenlast, Demografie, ineffiziente Verwaltungen. Wir haben schon lange kein Erkenntnisproblem mehr.

Wir haben ein Mindset-Problem. Denn wenn wir uns gegenseitig immer aufs Neue die Aussichtslosigkeit der Lage vor Augen halten, werden wir blind für die Chancen, die trotz allem existieren.

Es ist auch eine Frage der Haltung – ein Mindestmaß an Zuversicht, an Neugier, an Gestaltungswillen. Stattdessen zelebrieren wir den Zweifel als intellektuelle Überlegenheit und verwechseln Skepsis mit Zukunft.

Die große Kunst besteht nicht darin, Risiken zu benennen, sondern Aufbruch auch trotz Risiken zu wagen. Foto: Moment/Getty Images

Klar, es ist nicht alles gut – aber wann war es das je? Die große Kunst besteht nicht darin, Risiken zu benennen, sondern Aufbruch auch trotz Risiken zu wagen. Fortschritt beginnt nicht mit perfekten Bedingungen, sondern mit der Entscheidung, es trotzdem zu versuchen.

In einer Zeit, in der Pessimismus zum guten Ton gehört, wollen wir als Handelsblatt bewusst anders klingen: neutral, kritisch – aber immer mit dem Blick nach vorn. Das verspreche ich Ihnen.

Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:

1. Er ist nicht nur ein international anerkannter Finanzmarktexperte, er weiß auch, wie man ein großes Ministerium führt. Dennoch steht Finanzminister Jörg Kukies vor dem Aus. Jan Hildebrand und Martin Greive erklären, warum die Karriere des Ex-Goldman-Sachs-Deutschlandchefs bald endet – und was das über politische Karrieren in Deutschland verrät.

Jörg Kukies bei der EU-Finanzministerrunde. Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

2. Es ist ein besorgniserregendes Szenario, das Airbus-Chefkontrolleur René Obermann da zeichnet. Der Ex-Telekom-Chef und heutige Airbus-Chefkontrolleur warnt im Handelsblatt-Interview vor einem Angriff Russlands auf die Nato noch vor 2029. „Ich bin überzeugt, dass die Nato-Staaten viel näher an einer militärischen Auseinandersetzung mit Russland stehen, als viele Verantwortliche derzeit glauben.“ Wo? Im Suwalki-Korridor zwischen Polen und Litauen. Hier lesen Sie, warum dieser Landstrich strategisch so wichtig ist.

3. Natürlich war mit der Ankündigung der Autozölle in Höhe von 25 Prozent zu rechnen, und sie sorgte für große Wellen auf den Finanzmärkten. Wie aber sollte Europa darauf reagieren? Diese Frage hat Felix Holtermann mit einem ehemaligen Trump-Intimus diskutiert: mit Wilbur Ross, der in Trumps erster Amtszeit Handelsminister war. Er sagt in dem Interview auch, wie die CEOs der deutschen Autohersteller nun reagieren sollten.

4. Bislang führen Peking und Shanghai das Feld der chinesischen Tech-Metropolen an. Doch Hangzhou, eine Stadt mit neun Millionen Einwohnern und nur eine Schnellzugstunde von Shanghai entfernt, holt auf. Hangzhou will zur Hauptstadt der Künstlichen Intelligenz werden. Die Voraussetzungen dafür sind gar nicht einmal schlecht, wie der höchst lesenswerte Report unseres Korrespondenten Martin Benninghoff zeigt, nicht nur, weil dort auch Chinas KI-Wunder Deepseek gegründet wurde.

Alibaba-Gründer Jack Ma: Mit Deepseek sorgt ein weiteres Unternehmen aus Hangzhou für weltweite Aufmerksamkeit. Foto: Getty Images, Alibaba, Bloomberg, Imago [M]

5. Diese Zahlen werden in der Autoindustrie genau studiert: Gebrauchte Luxus-E-Autos verlieren viel schneller an Wert als geplant. Der Restwert dreijähriger Premium-Stromer sank von knapp 70 Prozent Anfang 2023 auf 49 Prozent Ende 2024. Das hat weitreichende Folgen für die gesamte Industrie. Lazar Backovic hat die Details.

6. Die Suche nach dem möglichst langen und gesunden Leben galt bis vor Kurzem als obskures Hobby der Superreichen und Fitness-Gurus. Nun wird es von einem Lifestyle-Thema zum wichtigsten Trend der Biotech-Branche: Überall auf der Welt arbeiten Forscher und Start-ups an Wegen, das Altern aufzuhalten. Was schon möglich ist und wo gerade die spannendsten Firmen entstehen, lesen Sie in unserem großen Report zum Wochenende.

Überall auf der Welt arbeiten Forscher und Start-ups an Wegen, das Altern aufzuhalten. Foto: Mona Eing & Michael Meissner

7. Nach einer Rechercheanfrage des Handelsblatts verließ der Gründer des Vergleichsportals Idealo das Unternehmen ganz plötzlich. Hintergrund sind Vorwürfe von Sexismus und Aufruf zur Rechtsbeugung. Ein Team aus Reportern war mehrere Wochen an der Geschichte dran. Als sie das Unternehmen konfrontierten, zog man dort offenbar schnell Konsequenzen. Dazu muss man wissen: Martin Sinner war Internetunternehmer der ersten Stunde, er gründete das erfolgreiche Portal 2000. Sechs Jahre später stieg der Axel-Springer-Verlag ein. Nun geht es ohne ihn weiter.

8. Dieses Interview hat in den vergangenen Tagen besonders viele Menschen bewegt: Die EU-Krisenkommissarin Hadja Lahbib sprach darin ganz offen über einen möglichen militärischen Angriff auf die EU und wie sich alle Haushalte konkret darauf vorbereiten sollten – mit Wasser, Lebensmitteln, Radio und einem Notfallrucksack. Das sei keine Panikmache, meint Lahbib: Angst und Unsicherheit entstünden, wenn Menschen sich unvorbereitet fühlten.

9. Sie haben die Hotellerie in Deutschland revolutioniert: Nun haben die beiden Motel-One-Gründer Ursula Schelle-Müller und Dieter Müller  am Chiemsee ein neues Luxushotel eröffnet. Thorsten Firlus spricht mit den beiden über die Gemeinsamkeiten von Budget- und Luxushotels, die Zukunft von Motel One – und das perfekte Rührei.

Motel-One-Gründer Ursula Schelle-Müller und Dieter Müller. Foto: Agency People Image/Michael Tinnefeld, Elias Hassos

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende

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Herzlich,

Ihr Sebastian Matthes

P.S. Falls Sie noch Zeit für einen Podcast haben, dann empfehle ich Ihnen das neue Format Trump Watch meiner Kollegin Nicole Bastian. In diesem Podcast analysiert sie zusammen mit Christian Lammert, Nordamerika-Professor an der FU Berlin, jede Woche die neuesten Nachrichten aus den USA. Diese Woche ordnen die beiden den Signalgate-Skandal ein und diskutieren, ob die USA schon in einer Verfassungskrise stecken.

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