Bertelsmann: Medienkonzern macht 40 Prozent seines Gewinns in den USA
Düsseldorf. Bertelsmann hat 2024 erstmals in seiner Geschichte mehr Umsatz in den USA erzielt als im Heimatmarkt. Der Umsatzanteil in Nordamerika stieg auf 29 Prozent – das ist mehr als doppelt so hoch wie 2011. Deutschland ist mit 27 Prozent der zweitwichtigste Markt.
„Nordamerika hat für uns eine überragende Bedeutung, der Anteil am Gewinn liegt bei rund 40 Prozent“, sagte Konzernchef Thomas Rabe am Montag nach Bekanntgabe der Jahreszahlen im Gespräch mit dem Handelsblatt. Rabe rechnet damit, dass der Umsatzanteil der USA in den kommenden Jahren auf mehr als 30 Prozent steigt. „Die USA sind der größte und innovativste Medien-, Dienstleistungs- und Bildungsmarkt.“
Das Familienunternehmen, zu dem die TV-Gruppe RTL, das Buchgeschäft Penguin Random House, das Musikgeschäft BMG und der Logistikdienstleister Arvato gehören, erzielte 2024 einen Umsatz von knapp 19 Milliarden Euro – im Vergleich zum Vorjahr ein Minus von etwa sechs Prozent.
Der Rückgang erklärt sich durch den Verkauf der Beteiligung am französischen Callcenter-Betreiber Majorel im Herbst 2023, die gut 311 Millionen Euro des Gewinns ausmachte. Rechnet man den Verkauf heraus, betrug das organische Umsatzwachstum 3,3 Prozent. Der bereinigte Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) lag mit 3,1 Milliarden Euro leicht unter dem Vorjahresniveau.
„Erratische Politik“ von Trump könnte Geschäft bremsen
Rabe ist seit 2012 Chef von Bertelsmann und hat das Unternehmen der Eigentümerfamilie Mohn stärker auf Wachstum, Internationalität, Digitalisierung und Diversifikation ausgerichtet. Rabe will damit die Abhängigkeit des Konzerns vom konjunkturell schwankenden Werbegeschäft der RTL-Gruppe verringern.
Dass die USA für Bertelsmann der wichtigste Markt sind, ist auch das Ergebnis der Investitionen der vergangenen Jahre. Etwa die Hälfte der Investitionen fließt in die USA. Im Februar hatte Arvato zwei US-Logistikfirmen für einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag gekauft. In den USA ist Penguin Random House das größte Geschäft, gefolgt von dem Videoproduktionsanbieter Fremantle und BMG.
Trotz der angespannten politischen Lage zwischen den USA und Europa plant Rabe, weiter überdurchschnittlich viel in den USA zu investieren. „Dieser Investitionsschwerpunkt wird bleiben, denn wir schauen immer langfristig auf die Märkte.“ Bertelsmann verkauft seine Produkte und Dienstleistungen wie ein lokaler Anbieter.
Die Politik von US-Präsident Donald Trump kritisierte Rabe: „Das wirtschaftliche Umfeld in den USA trübt sich auch aufgrund der erratischen Politik der neuen US-Administration ein.“ Das werde die Konsumentennachfrage und damit das Geschäft von Bertelsmann in den USA beeinflussen.
Viele US-Konzerne haben wegen der Trump-Politik zuletzt ihre Diversitätsbemühungen reduziert, da er seit seinem Amtsantritt gegen Initiativen zur Förderung von Gleichberechtigung und Vielfalt in Behörden und in der Wirtschaft vorgeht. Die US-Regierung hat nun auch europäische Unternehmen mit starkem Amerikageschäft aufgefordert, ähnliche Maßnahmen zu ergreifen. Bertelsmann habe bislang keine solche Aufforderung erhalten, so Rabe.
„Wir haben schon immer einen pragmatischen Ansatz verfolgt: Die Förderung von Kolleginnen und Kollegen ist bei Bertelsmann leistungsorientiert und folgt nicht starren Quoten.“ Wegen Trump wolle Bertelsmann seine Haltung zum Thema Diversität nicht ändern, betonte Rabe. „Vielfalt ist der Treiber von Kreativität und Unternehmertum.“
Standortbedingungen verhindern weitere Investments in Deutschland
Bertelsmann investierte 2024 insgesamt 2,1 Milliarden Euro – eine Summe, die zuletzt vor 20 Jahren erreicht wurde. Allein 500 Millionen Euro gab der Konzern vergangenes Jahr für Musikrechte von BMG aus. Für den Streamingdienst RTL+ investierte der Konzern 137 Millionen Euro.
„Wir wären bereit, noch mehr Geld in Deutschland zu investieren“, sagte Rabe. „Doch gerade im Bereich Logistik geben das die Standortbedingungen in einigen Geschäften nicht her. Das ist eine Realität, der wir uns stellen müssen.“ Viele Kunden bevorzugen es, aus anderen europäischen Ländern wie Polen oder den Niederlanden beliefert zu werden.
Die neue Regierung solle nicht die Lohnkosten auf polnisches Niveau senken, so der 59-Jährige. „Doch es wäre schon eine Menge erreicht, wenn Deutschland die Zahl der Arbeitsstunden erhöht und Genehmigungsverfahren deutlich beschleunigt.“
Rabe hofft auf eine politische Wende in Deutschland. „Ich bin heilfroh, dass sich die Parteien der Mitte zusammengerauft haben und eine gesetzliche Grundlage für Investitionen geschaffen haben.“ Vor wenigen Tagen hatte der alte Bundestag milliardenschwere Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur beschlossen. Wenn diese richtig umgesetzt werden, könne Deutschland dadurch vorankommen, sagte Rabe.
Rabe will für ein weiteres Jahr als Adidas-Aufsichtsrat antreten
Rabe hatte vor einem Jahr angekündigt, seinen Vertrag, der bis Ende 2026 läuft, nicht verlängern zu wollen, um sich anderen Aufgaben zu widmen. Der Plan stehe unverändert, bekräftigte er am Montag. „Ende 2026 ist Schluss – nicht früher und nicht später.“ Das sei eine Lebensentscheidung. Seit 2019 ist Rabe auch Chef der RTL-Gruppe.
Der Manager, der zudem Aufsichtsratschef von Adidas ist, hatte für Irritationen gesorgt, als er im vergangenen Jahr ankündigte, den Posten als Chefkontrolleur in diesem Jahr aufgeben zu wollen. Nun bestätigte er im Gespräch einen Handelsblatt-Bericht, wonach er noch einmal für ein letztes Jahr als Adidas-Aufsichtsratschef antreten will.
Bei Bertelsmann gelten mit Carsten und Thomas Coesfeld zwei Enkel des früheren und 2009 verstorbenen Firmenpatriarchen Reinhard Mohn als mögliche Nachfolger von Rabe. Beide sind mittlerweile im Vorstand. Die Gesellschafter dürften in den kommenden zwölf Monaten eine Entscheidung über die Nachfolge bekannt geben, sagte Rabe. „Dann beginnt die Phase des Übergangs.“
Rabe hat vor allem in margenstarke Zukunftsgeschäfte wie digitale Gesundheit investiert. Im Rahmen der nach seinen Adidas-Laufschuhen benannten Strategie „Boost“ plant Bertelsmann zwischen 2021 und Ende 2026 Investitionen von etwa acht Milliarden Euro. Davon sind 5,4 Milliarden ausgegeben.
Das spiegelt sich in der Bilanz wider: Das Musikgeschäft BMG erhöhte 2024 seinen Umsatz organisch um 8,1 Prozent auf 963 Millionen Euro. Das Bildungsgeschäft, bezeichnet als Education Group, wuchs um fast zehn Prozent auf 924 Millionen Euro. Die Marge von BMG betrug 27,5 Prozent, die der Education Group lag bei 37,5 Prozent.
Allerdings schwächelt die wichtigste Konzerntochter RTL mit einem Umsatz von 6,8 Milliarden Euro aufgrund der Konjunkturflaute. Die TV-Gruppe verzeichnete 2024 den dritten Gewinnrückgang in Folge. Die Marge von RTL sank auf 16,8 Prozent.
Für das neue Jahr rechnet Rabe konzernweit mit einem Umsatzwachstum von vier bis fünf Prozent, auch der Gewinn soll steigen. Rabe kündigte kleine und mittelgroße Zukäufe an. Zudem will er das Geschäft in Mexiko und Indien ausbauen.