Versicherungen: Politische Unruhen belasten Versicherer und Unternehmen
Frankfurt. Zunehmende Ausschreitungen und zivile Unruhen in vielen Teilen der Welt bereiten Unternehmen und Versicherern immer größere Sorgen. Vor allem Proteste gegen amtierende Regierungen haben zuletzt massiv zugenommen. Allein im vergangenen Jahr kam es weltweit zu 160 solcher Ereignisse, davon dauerten 30 länger als drei Monate an. Das geht aus einem aktuellen Bericht zum Thema „Politische Gewalt und Terrorismus“ der Allianz-Industrieversicherungstochter Allianz Commercial hervor.
„Politische Gewalt wird zu einem immer größeren Risiko für Unternehmen und Versicherer“, sagt Srdjan Todorovic, der den Geschäftsbereich Politische Risiken bei Allianz Commercial leitet. Nach den zahlreichen Wahlen im vergangenen Jahr seien politische Entscheidungen und Richtungswechsel mögliche Auslöser für Unruhen und Proteste. Dasselbe gelte für ökonomische Verwerfungen als Ergebnis von Handelskriegen.
Insbesondere der erratische Regierungsstil von US-Präsident Donald Trump könnte in diesem Jahr zu größeren Protesten im In- oder Ausland führen, ist Todorovic überzeugt. „Typischerweise kommt es nicht direkt nach der Wahl, sondern erst in einigen Monaten zu massiveren Protesten in der Bevölkerung“, erklärt Todorovic. Das sei zuletzt auch in Kenia und Argentinien so gewesen.
In Kenia eskalierten im vergangenen Jahr Demonstrationen gegen geplante Steuererhöhungen auf Lebensmittel und andere Grundprodukte durch Präsident William Ruto, der seit September 2022 im Amt ist. In Argentinien stemmen sich unter anderem die Rentner gegen den harten Sparkurs von Präsident Javier Milei, der seit Dezember 2023 regiert.
Experte rechnet mit Widerstand gegen Trump
Todorovic zufolge könnte sich auch in den Vereinigten Staaten Widerstand in der Bevölkerung regen, sobald sich die negativen Auswirkungen der aktuellen Zollpolitik zeigen – weil Güter, die die USA nicht selbst produzieren können, deutlich teurer werden. Unruhen seien zudem in Ländern möglich, die in starkem Maße abhängig von Exporten in die USA sind.
Seit 2017 zählt Allianz Commercial insgesamt mehr als 800 größere Anti-Regierungs-Proteste in über 150 Ländern. Vor allem das Jahr 2019 war Todorovic zufolge ein Wendepunkt. Bei Protesten gegen die Preiserhöhungen von Metrotickets in Chile hätten erstmals auch private Unternehmen in größerem Umfang Schäden zu verzeichnen gehabt – beispielsweise an Ladengeschäften.
Davor waren vor allem öffentliche Einrichtungen betroffen. Ähnlich sei es ein Jahr später in den USA gewesen, als es nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd zu massiven Protesten kam. Floyd war bei der Festnahme durch einen weißen Polizeibeamten ums Leben gekommen.
„Während es früher alle zehn Jahre einen größeren und lang andauernden Protest gegen eine Regierung gab, treten diese Vorkommnisse inzwischen jedes Jahr in mehreren Ländern auf“, betont Todorovic. In diesem Jahr seien die stärksten Unruhen bislang in der Türkei und auf dem Balkan, vor allem in Serbien, zu spüren gewesen. Auch Frankreich stehe im Fokus, insbesondere nach dem Urteil gegen die rechtsnationale Politikerin Marine Le Pen, die fünf Jahre lang nicht bei Wahlen antreten darf.
Soziale Netzwerke verbreiten Nachrichten schnell
Todorovic führt mehrere Gründe für die zunehmenden Anti-Regierungs-Proteste an: Zum einen verbreiteten sich Nachrichten über die sozialen Netzwerke heute schneller und führten dazu, dass sich lokale Proteste immer weiter ausbreiten. Zum anderen seien die Auswirkungen der Coronapandemie und des Ukrainekriegs deutlich zu spüren, zahlreiche Menschen hätten durch die zeitweise deutlich erhöhte Inflation weniger Geld zur Verfügung. „Viele Regierungen schaffen es nicht, die Lebenshaltungskosten der Menschen wieder zu senken.“
Neben diesen einzelnen gegen Regierungen gerichteten Großprotesten verzeichnen die Experten von Allianz Research auch eine Vielzahl von kleineren Ereignissen. Weltweit zählten die Experten im vergangenen Jahr mehr als 80.000 Vorkommnisse, die meisten davon in Indien und den USA. Auch in Deutschland haben die Proteste zuletzt zugenommen. Darin spiegelt sich laut Todorovic die innenpolitische Polarisierung sowie die zunehmende Unsicherheit und Frustration der Bevölkerung wider.
Dass die Schäden aus Aufständen, Streiks oder Randalen – im Fachjargon die sogenannten SRCC-Risiken (strikes, riots, civil commotion) – zunehmen, berichteten zuletzt auch Rückversicherer wie Swiss Re und Hannover Rück. Ereignisse wie die Unruhen in Chile und Südafrika sowie die „Black Lives Matter“-Unruhen in den USA haben Allianz Commercial zufolge in den vergangenen zehn Jahren zu versicherten Schäden von weit mehr als zehn Milliarden Dollar geführt.