Braindrain: Macron will Forscher aus Amerika in die EU locken
Paris. Emmanuel Macron sieht den Umgang von US-Präsident Donald Trump mit der Wissenschaft als strategische Chance für die Europäische Union: Auf einer Konferenz in Paris startet der französische Präsident am Montag gemeinsam mit EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen die Initiative „Choose Europe for Science“. Es ist mehr als nur ein Appell an internationale Spitzenforscher, eine Entscheidung für den Standort Europa zu treffen.
Macron will den Trump-Moment für eine europäische Offensive im globalen Wettbewerb um die klügsten Köpfe nutzen. Ihm schwebt eine breite Anwerbestrategie vor, zu der auch neue Fördergelder gehören sollen. Da die europäischen Universitäten finanziell nicht mit Amerika konkurrieren können, sollen Talente nun vor allem mit einem ideellen Wert geködert werden: Europa als Bastion der Wissenschaftsfreiheit, in der es keine akademischen Tabus gibt.
Trump lässt Forscher am Standort USA zweifeln
Trump hat die Wissenschaft in den USA erschüttert: Seine Regierung hat die Fördermittel für Universitäten und die Budgets von Behörden gekürzt. Daneben ging er mit einem Dekret gegen Programme vor, die Vielfalt an Hochschulen fördern sollen. Der Präsident wähnt Akademiker in Amerika unter dem Einfluss einer linken politischen Agenda.
Von den Attacken sind vornehmlich Geistes- und Sozialwissenschaftler betroffen, aber auch die Gesundheits-, Klima- und Energieforschung. Laut einer Erhebung des Fachblatts „Nature“ ziehen bereits 75 Prozent der befragten Wissenschaftler einen Wegzug in Betracht.
Anfang April hatte der geschäftsführende Bundesbildungsminister Cem Özdemir die Aufnahme von US-Forschern in Deutschland und Europa gefordert. Zusammen mit dem französischen Kollegen Philippe Baptiste und Ministern weiterer Mitgliedstaaten bat er die in Brüssel zuständige Kommissarin Ekaterina Zaharieva in einem Brief, das europäische Vorgehen zu koordinieren. Die EU müsse den „historischen Moment“ nutzen und „brillante Talente aus dem Ausland willkommen heißen“.
In Deutschland äußern einige Vertreter aus dem Forschungsbereich allerdings auch Einwände gegen eine gezielte Abwerbung und fürchten um die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit den Topuniversitäten in den USA. Die scheidende Bundesregierung packte das Thema nicht mehr konkret an. In Frankreich hat es dagegen politische Priorität.
Forschung zu Zukunftstechnologien hat Vorrang
Macron kündigte vergangenen Monat die Initiative „Choose France for Science“ an, die man in Paris als Vorbild für die Anstrengungen auf europäischer Ebene sieht. Wissenschaftler können sich auf einer neuen Internetplattform für den Umzug nach Frankreich bewerben. Die von den Universitäten ausgewählten Forschungsvorhaben will der Staat dann bis zu 50 Prozent mitfinanzieren.
Das Interesse gilt aber weniger den Geistes- und Sozialwissenschaften, die in den USA besonders unter Druck stehen. Priorität haben Projekte zu Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz, ebenso Bereiche wie Klima und Dekarbonisierung sowie Pharma- und Gesundheitsforschung.
„Hier in Frankreich hat Forschung Vorrang, Innovationen gehören zur Kultur, und die Wissenschaft ist ein unendlicher Horizont“, sagte Macron über die neue Plattform. Der Präsident verzichtete in dem Aufruf an ausländische Forscher aber darauf, ausdrücklich die USA zu erwähnen. Auch in der offiziellen Ankündigung des Élysée-Palasts zu der Konferenz am Montag ist von Amerika und Trump keine Rede.
Paris will den Eindruck vermeiden, die schwierige Lage der US-Wissenschaft auszunutzen, um an amerikanischen Universitäten zu wildern. Intern ist im Élysée aber zu hören, dass es natürlich einen besonderen Bezug zu Trumps Politik gebe. An der Konferenz am Montag würden auch Wissenschaftler aus den USA teilnehmen.
Von der Leyen sagte vergangene Woche bei einem Kongress der Europäischen Volkspartei (EVP) in Valencia, dass die EU vermehrt Wissenschaftler aus dem Ausland anwerben wolle. Die Freiheit von Wissenschaft und Forschung sei einer der wichtigsten europäischen Werte. „Deshalb ist Europa für die besten und klügsten Köpfe offen.“
Details zu den Plänen der EU waren zunächst nicht bekannt. Aus dem Élysée war aber zu hören, dass die europäische Initiative den Schwerpunkt ebenfalls auf bestimmte Forschungsfelder legen werde, die für die wirtschaftliche und technologische Souveränität wichtig seien.
Bessere Bedingungen für Forscher in der EU
Neben dem „universellen Wert“ der Wissenschaftsfreiheit gehe es auch um europäische Interessen, sagte ein Macron-Berater. „Das Thema Forschung ist im Kern der großen technologischen Schlacht, die sich in diesem Moment zwischen dem chinesischen, dem amerikanischen und dem europäischen Block abspielt.“
Die Konferenz findet an der Sorbonne in Paris statt, einer der ältesten Universitäten Europas, deren Wurzeln im 13. Jahrhundert liegen. Neben Macron und von der Leyen nehmen auch die für Fachkräfte zuständige Kommissarin Roxana Minzatu, Industriekommissar Stéphane Séjourné sowie Forschungskommissarin Zaharieva teil.
Zu ranghohen politischen Vertretern aus anderen EU-Staaten machte das Élysée zunächst keine Angaben. Am Rande sei ein Treffen des französischen Forschungsministers Baptiste mit seinen europäischen Kollegen geplant, hieß es lediglich. Auf der Konferenz werde es sowohl Ankündigungen von französischer Seite aus als von der EU geben.
An den Diskussionen würden Hochschulrektoren und Vertreter von Forschungseinrichtungen aus allen 27 Mitgliedstaaten sowie aus der Schweiz, Norwegen und Großbritannien teilnehmen. Auf der Agenda der Konferenz stünden Themen wie der Schutz der freien Wissenschaft und die Verbesserung der Rahmenbedingungen für Forscher in Europa.