
Wochenend-Newsletter: Das eine Problem, das uns Digitalisierungsverlierer werden lässt
Liebe Leserin, lieber Leser,
ich habe mich wirklich gefreut, als meine VW-Werkstatt mir – natürlich per Brief – schrieb, dass ich fortan auch über ein Web-Tool Termine buchen könne. Ich halte das für eine echte Erleichterung. Es mag Jobs geben, in denen ein Anruf während der Arbeitszeit zur Terminvereinbarung mit Ärzten, Handwerkern oder anderen Digitalisierungsverweigerern eine willkommene Abwechslung bietet. Meiner zählt nicht dazu.
Ich buchte also flugs den nächsten Werkstatttermin über jenes wirklich sehr praktische Tool. Als ich wie vereinbart meinen Schlüssel vor Ort abgeben wollte, begrüßte der Servicemensch mich mit dem Satz: „Sind Sie die Onlinebuchung?“ Schon etwas eingeschüchtert bejahte ich. Nur, um dann zu lernen: „Das machen Sie bitte nicht noch mal.“
Wie sich herausstellte, hatte das Tool zwar meinen Termin richtig im Werkstattkalender geblockt. Aber keinerlei Name oder Fahrzeugtyp überliefert, weswegen man vor Ort den Mehrwert des neuen Tools als gering empfand.
Vielleicht ist das mit ein Grund, warum die Deutschen laut einer Studie der Beratungsagentur Edelmann zu etwas mehr als der Hälfte digitale Innovationen skeptisch sehen. Da das aber natürlich im 21. Jahrhundert kein Zustand ist, habe ich mich etwas näher mit diesem Phänomen beschäftigt.
Die Ethnologin Ursula Rao von der Universität Halle etwa erforscht, wie man Gesellschaften vom Segen digitaler Innovationen überzeugen kann. Sie hat mir – neben einigen komplizierteren Erkenntnissen (siehe unten) – etwas ziemlich einfaches erklärt: Jede und jeder einzelne muss sofort den Mehrwert von neuer Technik für sich persönlich verstehen, sonst blockt er ab – selbst wenn das neue Teil noch so atemberaubend toll ist.
Wir beim Handelsblatt glauben: Diesen Mehrwert gibt es fast immer. Wir in Deutschland und Europa sind nur nicht so gut darin, das zu vermitteln. Deswegen haben wir zusammen mit den führenden Tech-Köpfen dieser Welt in den vergangenen Wochen an einem Handelsblatt-Programm gearbeitet, das sich ausschließlich mit der digitalen Zukunft Europas beschäftigt.
Die soll einerseits zeigen, wie viel der Kontinent auf diesem Gebiet noch immer gewinnen kann. Und andererseits auf eine der größten Handelsblatt-Veranstaltungen jemals hinweisen: Die TECH 2025, die am Sonntag in Heilbronn beginnt. Deswegen sieht dieser Newsletter etwas anders aus als sonst – und empfiehlt Ihnen zehn Stücke aus Europas Zukunft.
Ich hoffe, Sie begegnen der Zukunft zuversichtlich.
Herzlich
Sven Prange
Ressortleiter Wochenende
Kann ich alle US-Anwendungen aus meinem Leben streichen?
Ich hätte nie gedacht, dass ich mir diese Frage mal stelle. Dann trat Donald Trump zum zweiten Mal als US-Präsident an und nahezu alle US-Tech-Bosse fügten sich rückgratlos seinen Wünschen. Es gibt also gute Gründe, Google, Meta oder Amazon zu boykottieren – aber gibt es auch gute Alternativen? Sebastian Dalkowski hat sie gesucht. Ich sag mal so: Was richtig ist, muss nicht unbedingt komfortabel sein.
„Wenn sich ein KI-Agent zwischen uns und unsere Kunden schiebt, haben wir ein Problem“
Anna und Rene Ruhland habe als klassisches Start-up angefangen, das unter dem Namen Myposter allerlei individuelle Fotoprodukte vertreibt. Eine softwaregetriebene Firma, wie sie in den vergangenen Jahren in Berlin oder München viele entstanden. Und doch sind sie ganz anders, nicht nur weil die Ruhlands das alles als Ehepaar führen. Sie verzichten auf Investoren, haben echte Produktionskapazitäten in ihrer Firma und gleichen so immer mehr einem klassischen Familienunternehmen. Wie man als solches neue Technologien für sich nutzt, in KI investiert und trotzdem seinen Werten treu bleibt, haben sie mir im Interview erzählt.
„Die Digital-Oligarchen haben Angst vor Europa“
Shoshana Zuboff ist vielleicht die beeindruckendste Kritikerin der großen Tech-Oligarchen, die ich kenne. Um so mehr freut es mich, dass meine Kollegen Jakob Hanke y Vela und Moritz Koch mit ihr über Europas Zukunft sprechen konnten. Und Zuboff liefert den Klartext, den ich von der Politik in dieser Debatte oft vermisse.
Der mit dem Urzeit-Wolf tanzt
Ben Lamm hat eine Idee, die gleichermaßen faszinierend wie unheimlich ist. Er will mithilfe modernster Technologie Lebewesen, die früher auf dem Planeten lebten und dann ausstarben, neu auferstehen lassen. Ich versuche mal neutral zu klingen: Diese interessante Idee hat sich mein Kollege Laurin Meyer erklären lassen.
Was, wenn wir nicht allein sind?
Was gibt es Faszinierenderes, als einen klaren Sternenhimmel in einer ruhigen Nacht zu beobachten? In genau diesem Himmel nach Leben zu suchen, zum Beispiel. Das macht die Astrophysikerin Lisa Kaltenegger. Meiner Kollegin Kirsten Ludowig hat sie erzählt, was genau sie dort sucht – und wie außerirdisches Leben vermutlich aussieht.
Mission Warnschild
Sollten auf diesem Planeten in einer Millionen Jahren noch Menschen leben, hätten die vermutlich einiges mit unseren Hinterlassenschaften zu tun. Damit sie diese richtig erkennen, beschäftigen sich Forschende schon heute mit Sprache, die Menschen auch in weiter Zukunft verstehen. Anna Lea Jakobs hat einen besucht.
„Es muss Toleranz für Fehler geben, aber nicht für Inkompetenz“
Kaum jemand hat sich intensiver mit Innovationsprozessen beschäftigt als Harvard-Professor Gary Pisano. Sein Credo: Innovation folgt harten Regeln – die Manager vorgeben müssen. Was Sie im Job sonst noch ändern können, um mehr Neues zu wagen, hat Julia Beil im Gespräch mit ihm herausgefunden.
Können wir unserem Gehirn Lust auf Neues beibringen?
Ich erwähnte es oben: Die Deutschen sind so technologieskeptisch wie wenige andere Gesellschaften. Das aber muss nicht so bleiben. Ich habe mit Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen gesprochen, die das ändern wollen. Neurologen, Ethnologen, Soziologen. Meine drei Haupt-Erkenntnisse habe ich hier aufgeschrieben.
Die Ästhetik des Codes
Der Architekt Matthias Hollwich nutzt KI für besseres Bauen und schnellere Prozesse. Thorsten Firlus hat für Sie ein Lehrstück über die kreativen Chancen von Technologie aufgeschrieben – und ihre Grenze.
Der Hirte Europas
Was auch ein Maßstab für die deutsche Zukunftsskepsis ist: Literatur spielt nahezu ausschließlich in Vergangenheit und Gegenwart. Eine rühmliche Ausnahme ist Tom Hillenbrand, der regelmäßig Romane aus der Zukunft schreibt. Da wir für Romane keinen Platz haben, aber die Zukunft mögen, haben wir ihn um eine Kurzgeschichte gebeten. Hier ist sie.