Artensterben: Dieser Unternehmer will das Mammut wiederauferstehen lassen
Las Vegas. Den Ort des Treffens hat Ben Lamm mit Bedacht gewählt: Im Bellagio, einem prestigeträchtigen Hotel in Las Vegas, fühlt Lamm sich sichtlich wohl. Der Unternehmer blickt auf die große Garteninstallation im Foyer, bestehend aus täuschend echt aussehenden Kunststoffpflanzen. Direkt gegenüber, auf der anderen Straßenseite, ragt eine Replik des Pariser Eiffelturms in den Himmel. Lamm inmitten einer künstlich erschaffenen Welt.
„Draußen ist ja eigentlich nur die Wüste, die Trockenheit“, zeigt sich Lamm begeistert. Und doch strahlt, funkelt und erblüht so gut wie alles in Las Vegas.
Die Rekonstruktion von Welten ist Lamms Geschäft, wenngleich seine Ziele noch monumentaler anmuten als die in der künstlichen Casino-Stadt. Lamm will Jahrtausende zurückdrehen – und ausgestorbene Tierarten rekonstruieren.
Seit jeher träumen Wissenschaftler davon, ausgelöschte Arten wieder zum Leben zu erwecken. Mit seinem Unternehmen, der Biotech-Firma Colossal Biosciences, will Lamm diesem Ziel schon besonders nah sein. In wenigen Jahren wollen er und seine Wissenschaftler das Wollhaarmammut zurückbringen. Auch der Dodo, ein flugunfähiger Vogel von der Insel Mauritius, steht auf ihrer Wunschliste.
Artensterben: Hälfte der lebenden Arten bis 2050 bedroht
Was nach Science-Fiction klingt, soll mit moderner Gentechnik und Künstlicher Intelligenz funktionieren. Doch das ruft auch harte Kritik hervor: Die rekonstruierten Tiere würden ihrem Original nicht ausreichend nahekommen, befürchten die einen. Grundsätzliche ethische Bedenken äußern die anderen. Lamm konnte dennoch in den vergangenen Monaten erste lebende Erfolge verkünden.
Als der 43-Jährige das Unternehmen im Jahr 2021 gründete, ging eine Studie noch davon aus, dass die Erde bis zum Jahr 2050 bis zu 15 Prozent der lebenden Arten verlieren könnte. „Drei Jahre später ist diese Zahl auf 50 Prozent gestiegen“, sagt Lamm im Gespräch mit dem Handelsblatt. Die Menschen würden langsam begreifen, dass es eine Klimakrise gibt. „Aber niemand spricht wirklich über den Verlust der biologischen Vielfalt“, beklagt Lamm.
Der Gründer ist selbst kein Biologe, sondern Serienunternehmer, der sein Geld vor allem mit Softwarefirmen verdient hat. Im Mai schätzte das US-Magazin „Forbes“ sein Nettovermögen auf etwa 3,7 Milliarden Dollar. „Meine Superkraft besteht darin, viel klügere Frauen und Männer einzustellen, als ich es bin“, sagt Lamm.
Co-Gründer von Colossal ist George Church, Harvard-Professor und einer der renommiertesten Genetiker der Welt, von dem sich Lamm hat inspirieren lassen. Um sich herum haben die beiden Gründer weitere ranghohe Wissenschaftler versammelt.
Schon häufiger haben Forscher versucht, ausgestorbene Arten wiederzubeleben. Sie hoffen, aus gefrorenen Überresten intakte Zellen gewinnen und daraus einen Klon erzeugen zu können. Beim Mammut wurden bislang aber vor allem DNA-Fragmente gefunden und noch kein intaktes Genom.
Lamm verfolgt mit Colossal deshalb einen anderen Ansatz. Das Unternehmen will den genetischen Bauplan der verschwundenen Arten nachbauen. Seine Wissenschaftler vergleichen mit Künstlicher Intelligenz die alte DNA ausgestorbener Tiere mit der lebender Artverwandten. Mithilfe der sogenannten Crispr-Methode, also einer Genschere, verändert Colossal dann die DNA der engsten Verwandten um besonders markante Merkmale der ausgestorbenen Arten.
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Merkmale des Mammuts, etwa ein zotteliges Fell, kleine Ohren und lange Stoßzähne, will das Unternehmen in das Erbgut des asiatischen Elefanten einfügen. „Wir versuchen also nicht, ein Mammut zu klonen, sondern sehr genau zu verstehen, was ein Mammut wirklich ausmacht“, sagt Lamm. Das heißt: weitgehender Nachbau statt exakte Kopie.
Doch das Verfahren ist nicht nur komplex, auch fehlt noch eine künstliche Mammut-Gebärmutter. Denn es ist unklar, ob die rekonstruierten Mammutföten überhaupt in asiatischen Elefanten-Leihmüttern heranwachsen könnten.
Doch die Wissenschaftler von Colossal verkünden stetig Fortschritte. Vor wenigen Wochen wollen sie schon Mäuse gentechnisch so verändert haben, dass sie mammutähnliches Fell tragen.
Drei Welpen sogenannter Schattenwölfe herangezüchtet
Langfristig will Colossal auch den Dodo und den Tasmanischen Tiger wieder zum Leben erwecken. Für den Anfang hat es sich dennoch einfachere Ziele gesetzt – offenbar mit einem ersten Erfolg. Drei Welpen sogenannter Schattenwölfe will das Unternehmen herangezüchtet haben.
Das Raubtier mit dickem weißem Fell lebte auf dem amerikanischen Kontinent und war deutlich größer als der heutige Wolf. Doch vor schätzungsweise 13.000 Jahren starb der Schattenwolf aus. Heute soll Colossal die Jungtiere auf einer privaten Anlage, 800 Hektar groß, an einem unbekannten Ort im Norden der Vereinigten Staaten halten. Das Erbgut stammt vom Grauwolf, ausgetragen wurden die Welpen von einem Hund.
Kritiker bezweifeln jedoch, dass der genetisch veränderte Wolf als Schattenwolf angesehen werden kann. „Dies ist weit davon entfernt, ausgestorbene Arten zurückzubringen“, sagt Emily Lindsey, stellvertretende Kuratorin des Naturkundemuseums in Los Angeles. „Sie unterscheiden sich genetisch stark von den ursprünglichen Arten, und wir wissen nicht, ob sich diese genetisch veränderten Wesen überhaupt fortpflanzen können und welche Eigenschaften ihre Nachkommen haben könnten.“
Die Aussicht darauf, wilde Populationen von Schattenwölfen zu etablieren, hält die Paläontologin zum jetzigen Zeitpunkt nicht für realistisch. Abgesehen von der genetischen Verwandtschaft hätten sich schließlich auch die Ökosysteme verändert, in denen die Tiere gelebt haben.
Ähnlich sieht das Karl Flessa, deutsch-amerikanischer Paläontologe an der University of Arizona, beim Wollhaarmammut. „Wir kennen die Physiologie, das Sozialverhalten, das Nahrungsverhalten oder die ökologische Rolle des Wollhaarmammuts nicht wirklich.“ Niemand wisse daher, wie nah der genetisch veränderte asiatische Elefant dem Wollhaarmammut kommen würde, sagt Flessa.
Lamm kennt diese Kritik und zeigt sich offen. „Wir wollen auf informierte Kritiker zugehen, nicht um sie zu überreden, sondern ihnen zu zeigen, was wir tun, und sie dann zu fragen, was wir falsch machen“, so seine Strategie.
Love Dalen etwa, Professor für Genomik an der Universität Stockholm, habe zu den lautesten Kritikern des Unternehmens gehört. Heute zählt er zu dessen engsten Beratern. „Ich denke, wenn Colossal damit das Bewusstsein für den Verlust der Artenvielfalt schärfen kann, ist das wirklich wichtig“, sagt Lamm.
Mit Biodiversitätszertifikaten Geld verdienen
Als ausschließlich philanthropisches Projekt begreift der Milliardär sein Unternehmen allerdings nicht. „Wir werden mit der Wiederansiedlung von Arten auch Geld verdienen“, ist der Gründer überzeugt. Eine Einnahmequelle könnten sogenannte Biodiversitätszertifikate sein, hofft Lamm.
Das Prinzip: Konzerne könnten Zertifikate von Unternehmen kaufen, die sich für mehr Artenvielfalt einsetzen. Damit könnten Käufer dann nachweisen, dass sie Umwelt- und Naturschutzvorgaben erfüllen. Diese Art von Zertifikaten steht aber noch ganz am Anfang, es fehlt an einheitlichen Standards und breiter Anerkennung.
Lamm sieht aber noch andere Ertragsquellen. So hat sein Unternehmen in den vergangenen Jahren bereits erfolgreiche Spin-offs, also Firmenabspaltungen, hervorgebracht und darüber Geld eingesammelt. „Viele unserer Technologien finden auch Anwendung in der Landwirtschaft, bei der Bekämpfung des Klimawandels und im Gesundheitswesen“, sagt er.
Diese seien für einen Teil der Investoren sehr lukrativ. Mit der jüngsten Finanzierungsrunde im Januar, die Colossal etwa 200 Millionen Dollar einbrachte, kommt das Unternehmen inzwischen auf eine Bewertung von schätzungsweise 10,2 Milliarden Dollar. Zuletzt hat Colossal eine Partnerschaft mit dem Oscar-prämierten Dokumentarfilmer James Reed geschlossen, um eine mehrjährige Dokuserie zu produzieren. „Wir denken, dass das ein riesiger Markt ist“, sagt er.
Auch wenn der Gründer die Arbeit seines Unternehmens als filmreif bezeichnet, so wird er vorerst nicht auf den Spuren Hollywoods wandern. Einen Freizeitpark mit Dinosauriern, wie in der Filmreihe „Jurassic Park“, hält er für ausgeschlossen. Denn bislang sei es nicht möglich, DNA zu konservieren, die älter ist als eine Million Jahre. Dinosaurier sind jedoch schon vor 65 Millionen Jahren ausgestorben.
Dem Colossal-Gründer geht es um die Grenzen des Machbaren, seinen Kritikern eher um grundsätzliche ethische Grenzen. „Genetische Veränderungen können bei Tieren unbeabsichtigte Schäden hervorrufen“, warnt Robert Klitzman, Bioethiker an der Columbia University. Auch das Leben der Tiere wäre Risiken ausgesetzt. „Viele der heutigen Viren und Bakterien gab es während der letzten Eiszeit, als etwa die Schattenwölfe lebten, noch nicht“, sagt er.
Nicht zuletzt fürchtet der Experte eine falsche Erwartungshaltung. „Nachdem Colossal seine Ankündigung zum Schattenwolf gemacht hat, sagte die Regierung von US-Präsident Donald Trump, dass wir uns keine Sorgen mehr über den Verlust gefährdeter Arten machen müssten“, sagt Klitzman. Ganz so einfach sei das jedoch nicht.
Heute seien viele Tiere vom Aussterben bedroht, weil der menschengemachte Klimawandel ihren Lebensraum zerstöre. „Wenn wir die biologische Vielfalt schützen wollen, scheint es also am effektivsten zu sein, den noch existierenden Tieren und Arten zu helfen“, sagt Klitzman.
Das sieht auch Ben Lamm so. „In einer perfekten Welt könnten wir einfach alles am Leben erhalten.“ Und doch kommt er zu einem anderen Schluss: „Es ist besser, einen Werkzeugkoffer für die Eindämmung des Artensterbens zu haben und ihn nicht zu brauchen, als einen Werkzeugkoffer zu brauchen und ihn nicht zu haben.“
Erstpublikation: 23.05.2025, 20:16 Uhr.