Dax-Konzern: Das sind die Baustellen des neuen Brenntag-Chefs
Düsseldorf. Der Chemiehändler Brenntag ist auf der Suche nach einem neuen Vorstandschef fündig geworden. Nachfolger von Christian Kohlpaintner, der sein Amt Ende August niederlegt, wird Jens Birgersson, wie der Dax-Konzern am Mittwoch mitteilte. Der gebürtige Schwede war bis September vergangenen Jahres Chef des dänischen Dämmstoff-Spezialisten Rockwool.
Birgersson wird die Führung von Brenntag am 1. September übernehmen. Dann wird der Vorstandsumbau bei dem weltgrößten Chemiehändler mit einem Umsatz von 16 Milliarden Euro komplett sein.
Schon seit April ist bei dem Essener Unternehmen ein neuer Finanzvorstand im Amt. Thomas Reisten übernahm den Posten von Kristin Neumann, die ihren Vertrag aus persönlichen Gründen nicht verlängert hat. Reisten kam vom Funkturm-Betreiber Vantage Towers zu Brenntag.
Christian Kohlpaintner hatte im November angekündigt, seinen auslaufenden Vertrag nicht verlängern zu wollen. Der 62-Jährige will nach gut fünf Jahren an der Brenntag-Spitze keine operativen Führungsaufgaben mehr übernehmen. Er hätte gemäß der für den Vorstand geltenden Altersgrenze zwar noch zwei Jahren dranhängen können. Doch die nächste Stufe des Umbaus von Brenntag soll ein weitgehend neues Vorstandsteam vorantreiben.
Überraschend ist: Beide neuen Topmanager kommen nicht direkt aus dem Chemiegeschäft. Der 58-jährige Birgersson stand neun Jahre lang an der Spitze von Rockwool. Das dänische Unternehmen stellt Steinwolle für die Dämmung von Häusern und Schiffen her. Zuvor war er in verschiedenen Positionen beim Schweizer ABB-Konzern tätig.
Brenntag trimmt sein Geschäftsmodell seit einiger Zeit auf eine mögliche Aufspaltung, die in einigen Jahren erfolgen könnte. Am Aktienmarkt wird der Konzern vielfach als Konglomerat gesehen, weil er anders als fokussierte Konkurrenten den Vertrieb von Massenchemie und Spezialchemie bisher integriert betreibt.
Mehrere angelsächsische Hedgefonds waren 2023 bei Brenntag eingestiegen und hatten eine schnelle Aufspaltung durchzusetzen versucht, von der sie sich eine Kurssteigerung erwarteten. Sie scheiterten nur knapp bei der Wahl zum Aufsichtsrat, für den sie eigene Kandidaten aufgestellt hatten.
Die bisherige Brenntag-Führung lehnte eine stärkere Trennung der Geschäfte nicht grundsätzlich ab. Mittlerweile gibt es zwei weitgehend eigenständige Sparten, „Specialties“ und „Essentials“ (Massenchemie). Hinter der Strategie des schrittweisen Umbaus steht grundsätzlich auch der größte Anteilseigner von Brenntag: die Kühne Holding.
Die Beteiligungsgesellschaft des Hamburger Unternehmers Klaus-Michael Kühne hält mittlerweile mehr als 15 Prozent an Brenntag und schließt weitere Anteilskäufe nicht aus. Die Interessen Kühnes wird im künftigen Brenntag-Aufsichtsrat sein Holdingchef Dominik de Daniel vertreten. Er soll während der Hauptversammlung am Donnerstag in den auf acht Mitglieder erweiterten Aufsichtsrat gewählt werden.
Nicht nur Kühne dürfte weiter Druck auf Veränderungen bei Brenntag ausüben. Zweitgrößter Anteilseigner ist der US-amerikanische Hedgefonds Artisan Partners, der über zehn Prozent der Aktien besitzt.
Artisan hat offiziell zwar zunächst unterstrichen, keinen Einfluss auf die Strategie des Essener Konzerns nehmen zu wollen. Doch gilt der Fonds als unbequemer Aktivist, der schon Bayer öffentlich attackierte und sich gegen Konglomerate wendet.
Ob und wann es zu einer Aufspaltung von Brenntag kommen wird, ist offen. Die bisherige Brenntag-Führung lehnt überstürztes Vorgehen ab. Der amtierende Chef Kohlpaintner wird dies auf der Hauptversammlung am Donnerstag unterstreichen.
„Der Fokus muss aktuell ganz klar auf der operativen Leistungsverbesserung liegen“, heiß es in seinem vorliegenden Redetext. „Vor diesem Hintergrund sind wir davon überzeugt, dass eine vorzeitige Aufteilung in zwei Unternehmen und eine mögliche Abspaltung von Brenntag Specialties aktuell nicht den gewünschten Mehrwert für unsere Aktionäre schaffen würden.“
Bei der Aktienkursentwicklung und beim Gewinn liege Brenntag hinter den eigenen Ansprüchen zurück, gesteht Kohlpaintner ein. Den Umbau samt weiterer Trennung soll nun Birgersson vorantreiben. Erfolge bei der Performance-Verbesserung von Unternehmen kann er vorweisen: Bei seinem Abschied von Rockwool 2024 hatte die operative Rendite des Konzerns einen historischen Höchstwert erreicht.