Privatschulen: Wie Schüler mit Französischkenntnissen beruflich global punkten
Kiel. Die Simone-Veil-Schule verspricht, was viele Eltern sich für ihre Kinder wünschen: Fremdsprachenunterricht durch Muttersprachler, ein kosmopolitisches Lernumfeld mit Schülern aus mehr als 50 Ländern, ein breites Ganztagsangebot mit Arbeitsgemeinschaften und Hausaufgabenbetreuung, dazu kleine Klassen und individuelle Förderung von der integrierten Vorschule bis zur bilingualen Abschlussprüfung.
Nach zwölf Schuljahren winkt ein international anerkannter Schulabschluss, der Zugang zu den besten Universitäten der Welt verschafft. Pro Schuljahr zahlen Eltern je nach Klassenstufe 5000 bis 8000 Euro Schulgeld, Schüler müssen fleißig Französisch lernen – wenn sie es nicht von klein auf können.
Denn das Lycée Français International Simone Veil, so der vollständige Name der Düsseldorfer Privatschule, ist eine französische Auslandsschule. Das Curriculum orientiert sich am französischen Bildungssystem, vom ersten Tag an wird in beiden Sprachen unterrichtet. Mit dem Doppelabschluss Abibac dürfen Absolventen anschließend in beiden Ländern ohne zusätzlichen Antrag oder Sprachtest studieren. Alternativ bietet die Schule das Französische Internationale Baccalauréat (BFI) an.
Bilinguale Gymnasien und Doppelabschlüsse wie das Abibac sind Errungenschaften der Versöhnungspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg, 1963 symbolisch besiegelt mit dem Élysée-Vertrag zur deutsch-französischen Freundschaft. Staatlich geförderte Austauschprogramme, Schul- und Hochschulpartnerschaften oder eben bilinguale Bildungsangebote sollen das gegenseitige Verständnis sowie den Spracherwerb auf beiden Seiten fördern. Trotzdem liegt Frankreich – weltweit der zweitgrößte Abnehmer deutscher Exporte nach den USA – in der Gunst deutscher Schülerinnen und Schüler weit hinter englischsprachigen Nationen zurück.
Zwar ist Französisch vor Latein und Spanisch die am zweithäufigsten belegte Fremdsprache an deutschen Schulen. Doch während hierzulande jedes Kind Englisch lernt, haben bundesweit nur 1,3 Millionen oder 15 Prozent aller Schüler Französischunterricht. Mit Abstand am populärsten ist die Sprache entlang der französischen Grenze. Im Saarland lernt jeder zweite Schüler Französisch, in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg immerhin noch jeder vierte.
Im Rest der Republik ist das Interesse an der Sprache dagegen eher gering. Auch als Ziel für einen Schüleraustausch ist Frankreich weitaus weniger gefragt als teure Fernziele wie die USA, Australien oder Neuseeland. „90 bis 95 Prozent aller deutschen Austauschschülerinnen und -schüler zieht es ins englischsprachige Ausland“, sagt Thomas Terbeck, Gründer und Inhaber der Bonner Bildungsberatung Weltweiser.
90 bilinguale Gymnasien in Deutschland
Im Umkehrschluss bedeutet das: Gute Französischkenntnisse, erworben durch den Besuch einer bilingualen Schule oder einen längeren Lernaufenthalt in Frankreich, sind eine besondere und gefragte Fähigkeit. Nicht nur in multinationalen Unternehmen wie Airbus, Stellantis (Peugeot, Opel), Axa oder L’Oréal, auch im diplomatischen Dienst oder in den EU-Institutionen in Brüssel und Straßburg verbessern sie die Chancen auf lukrative Jobs erheblich. Ebenso im Auswahlverfahren für einen Studienplatz an einer der französischen Grandes Écoles, die zu den renommiertesten Universitäten der Welt gehören.
Die aktuelle geopolitische Lage macht unseren westlichen Nachbarn und seine Sprache noch interessanter: Seit dem Brexit ist ein Schulbesuch in Großbritannien für EU-Bürger bürokratischer und komplizierter geworden, die Vereinigten Staaten schotten sich zunehmend gegen Schüler und Studierende aus dem Ausland ab, englischsprachige Fernziele wie Neuseeland oder Australien kosten annähernd das Doppelte eines Austauschjahres in Frankreich.
Wer keine Lust auf teure Flüge, Visumsstress oder Anti-Europa-Stimmung hat, sollte daher über Frankreich nachdenken. Deutschlands größtes Nachbarland ist bequem per Bus und Bahn zu erreichen und im internationalen Vergleich ein preiswertes Austauschziel, was auch längere Sprachlernaufenthalte bezahlbar hält. „Wer echte sprachliche und persönliche Fortschritte machen möchte, dem empfehlen wir Programme ab drei Monaten“, sagt Tobias Bütow, Generalsekretär des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW). Frankreich sei für viele Jugendliche eine echte Entdeckung und der Austausch dorthin oft lebensprägend.
Die internationale Non-Profit-Organisation mit Sitz in Paris und Berlin organisiert und bezuschusst seit den 1960er-Jahren Austauschprogramme für Schüler und Schulklassen. Die französische Ganztagsschule, das Collège, erleichtere die Integration in den Klassenverband und sorge oft für stabile Freundschaften.
Wer nach einem Halb- oder Schuljahr an einem Collège in Frankreich Lust auf mehr hat und sich Fachunterricht und Prüfungen auf Französisch zutraut, kann an rund 180 bilingualen Gymnasien in Deutschland und Frankreich das Abibac machen, darunter auch private wie etwa das Internationale Gymnasium Pierre Trudeau in Sachsen-Anhalt. Insgesamt entscheiden sich jährlich rund 800 deutsche und 1500 französische Oberstufenschüler für den Doppelabschluss.
Abibac-Absolventen im Vorteil
Der Quereinstieg an einer internationalen französischen Schule wie dem Düsseldorfer Simone Veil Lycée, dem Lycée Jean Renoir in München oder dem Lycée Français Victor Hugo in Frankfurt ist dagegen eher die Ausnahme und ohne ausgezeichnete Vorkenntnisse in Französisch in Wort und Schrift nicht ratsam. Das Schulkonzept sieht hier eher eine nahtlose Schulkarriere von der Vorschule bis zum Abschluss vor – Kostenpunkt: rund 70.000 bis 80.000 Euro.
Wer in Freiburg, Saarbrücken oder Hamburg wohnt, hat außerdem die Möglichkeit, dort das kostenlose Deutsch-Französische Gymnasium zu besuchen. Anstelle des Abibac bietet die als Versuchsschule eingestufte, staatlich finanzierte Bildungseinrichtung ein eigenes deutsch-französisches Abitur an.
Grundsätzlich ist ein Studium in Frankreich auch ohne Abibac möglich – ausreichende Sprachkenntnisse vorausgesetzt. Dennoch seien Abibac-Absolventen in der Regel im Vorteil, sagt Sandra Reuther von der Deutsch-Französischen Hochschule (DFH), einer Kooperation von 200 Hochschulen in beiden Ländern, die gemeinsame Studiengänge anbieten.
Etwa ein Viertel der rund 6000 DFH-Studierenden bringt den bilingualen Abschluss mit: „Wer bereits in der Schule Sachfach-Unterricht in Französisch erhalten und Prüfungen abgelegt hat, hat gelernt, sich Themen in der Fremdsprache zu erschließen“, sagt sie. Genau dies werde später im Studium gefordert.
Für Anke Rehlinger (SPD) hat die Stärkung des Französischen auch eine politische Dimension: „Sprachenlernen und Austausch über Grenzen hinweg öffnen den Horizont und schaffen Verbindung“, so die Ministerpräsidentin des Saarlandes, die auch deutsch-französische Kulturbevollmächtigte ist. „Ganz besonders gilt dies für Französisch, denn ein souveränes und unabhängiges Europa ohne eine enge deutsch-französische Zusammenarbeit ist undenkbar.“
Erstpublikation: 20.06.2025, 10:34 Uhr.