1. Startseite
  2. Politik
  3. International
  4. Israel: „Historischer Sieg“? Warum Benjamin Netanjahus Macht fragil ist

Israel„Historischer Sieg“? Warum Benjamin Netanjahus Macht fragil ist

Der Schlag gegen den Iran hilft dem israelischen Regierungschef in Umfragen. Doch der Aufschwung fällt geringer aus als erwartet – und es ist fraglich, wie lange er anhalten wird.Pierre Heumann 26.06.2025 - 17:09 Uhr Artikel anhören
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu: „Historischer Sieg.“ Foto: Marc Israel Sellem/POOL The Jeru

Tel Aviv. Benjamin Netanjahu weiß sich zu inszenieren. Nach monatelanger Kritik an seiner Politik und immer schlechter werdenden Umfragewerten setzte Israels Regierungschef auf eine altbewährte Strategie: außenpolitische Stärke, bezeichnet als nationale Notwendigkeit.

In öffentlichen Auftritten sprach Netanjahu von einem „historischen Sieg“ über den Iran. Der gemeinsame Angriff mit den USA auf iranische Atomanlagen hat ihm tatsächlich eine gewisse Position der Stärke verschafft. Die öffentliche Zustimmung zu seiner Führung ist seit den Angriffen vom Wochenende gewachsen, besonders stark unter jüdischen Israelis, von denen laut Umfragen etwa 83 Prozent die Militärschläge unterstützen.

Allerdings nimmt die Skepsis zu, ob die Angriffe gegen das iranische Atomprogramm so erfolgreich waren, wie von Netanjahu und US-Präsident Donald Trump behauptet. Gleichzeitig ist die Regierungskoalition des Premiers nach wie vor brüchig. Und so stellt sich die Frage, ob Netanjahus Strategie auch nachhaltig aufgehen wird.

„Vollständige Zerstörung“ der Atomanlagen? Geheimdienste sind zurückhaltender

Der Angriff gegen Iran war ein taktischer Erfolg – aber kein strategischer Durchbruch. Nach den massiven Luftangriffen der USA und Israels auf Irans Nuklearstandorte wie Natans, Isfahan und Fordo wird über deren Wirkung intensiv gestritten.

Während Trump von einer „vollständigen Zerstörung“ sprach und Netanjahu den Einsatz als strategischen Sieg feierte, teilte Ajatollah Ali Chamenei, geistliches Oberhaupt des Irans, auf X mit: Die USA hätten im Krieg zusammen mit Israel „nichts erreicht“. Chamenei gratulierte dem iranischen Volk vielmehr zum Sieg über Israel und die USA.

Westliche Geheimdienste und unabhängige Experten lieferten Erkenntnisse, die ebenfalls anders lauten. Der US-Verteidigungsnachrichtendienst (DIA) hatte in einem internen Bericht festgestellt, dass zentrale Bestandteile von Irans Atomprogramm weitgehend intakt geblieben seien. Die Zerstörung habe das Programm lediglich um einige Monate verzögert.

Unklar ist, wie tief der Schaden wirklich geht.
David Menashri

Der angereicherte Uranvorrat sowie die meisten Zentrifugen seien unbeschädigt geblieben. Der Bericht war an den Nachrichtensender CNN geleakt worden. Am Mittwoch relativierte der DIA diesen jedoch. Die Einschätzung sei vorläufig, eine endgültige Schlussfolgerung stehe noch aus, teilte der Militärgeheimdienst mit.

Auch in Israel zweifeln Beobachter am Erfolg des Militärschlags

Sowohl Trump als auch Netanjahu versuchen massiv, jegliche Zweifel an der Wirksamkeit der amerikanischen und israelischen Schläge gegen das Atomprogramm zu entkräften. Die israelische Armee meldete, das Atomprogramm sei „um Jahre zurückgeworfen“ worden – eine Aussage, die Effi Defrin, Sprecher der Israel Defense Force (IDF), allerdings mit der Einschränkung versah, eine abschließende Bewertung sei noch nicht möglich.

Und so sind in Israel längst nicht alle überzeugt vom nachhaltigen Erfolg der Operation. Deren militärische Durchführung gilt als beeindruckend – insbesondere durch das Zusammenspiel von Luftwaffe und dem israelischen Geheimdienst Mossad. Doch David Menashri vom Iran-Zentrum der Universität Tel Aviv warnt: „Niemand zweifelt an der militärischen Präzision – aber unklar ist, wie tief der Schaden wirklich geht.“

+++ Iran +++

Trump lädt Erdogan zur Teilnahme an Gaza-Friedensrat ein

Live-Blog

Die israelische Brigadegeneralin a.D. Miri Eisin mahnt deshalb zur Vorsicht. Zwar hätten die USA in der Operation militärische Kapazitäten eingesetzt, „die wir so noch nie gesehen haben“, doch die wahren Auswirkungen würden sich erst mit der Zeit zeigen. Insbesondere sei unklar, wie viel hochangereichertes Uran der Iran noch besitzt – und ob ein schneller nuklearer Fortschritt möglich bleibt. Auch über die Bereitschaft Teherans zu echten Verhandlungen sei derzeit nichts Verlässliches zu sagen.

Große Zustimmung für den Angriff, nicht für Netanjahu

Politisch profitierte Netanjahu dabei vom Angriff – zumindest leicht. Laut Umfragen, die nach dem 13. Juni erstellt wurden, etwa von Channel 12, gewänne seine Likud-Partei zwei bis vier Mandate hinzu und käme auf etwa 26 Sitze. Der gesamte Regierungsblock läge bei 49 Sitzen – was allerdings immer noch zu wenig für eine Mehrheit wäre. Die Opposition um Yair Lapid und Benny Gantz hingegen käme auf 61 Sitze und damit auf eine regierungsfähige Mehrheit.

Bemerkenswert ist die parteiübergreifende Zustimmung: Selbst sonst deutliche Kritiker Netanjahus wie Oppositionsführer Lapid, Gantz oder Avigdor Lieberman befürworteten die Operation. Kommentatoren sprachen von einem „Churchill-Moment“, in dem der Premier sich nach Monaten öffentlicher Kritik wieder als entschlossener Führer präsentieren konnte.

Café-Besucher in Haifa: Rückkehr zum normalen Leben. Foto: REUTERS

Bei vielen ist Netanjahu aber weiterhin unbeliebt. Seine Justizreform führe zu einem undemokratischen System, heißt es von Kritikern. Seit bald zwei Jahren schaffe er es nicht, den Krieg in Gaza zu beenden und nach wie vor 50 Geiseln aus der Gewalt der Hamas zu befreien. Zudem ist es Netanjahu nicht gelungen, den Wehrdienst der Ultraorthodoxen für obligatorisch zu erklären. Auch steht Netanjahu wegen Korruptionsfällen vor Gericht.

Netanjahu und Trump: Wie eng ist die Freundschaft?

Das Verhältnis zu Trump, auf das Netanjahu stolz ist, könnte ebenfalls getrübter sein als nach außen gezeigt. Auf dem Nato-Gipfel am Dienstag ärgerte sich der US-Präsident nicht nur über Iran, sondern mit drastischen Worten auch über den Premier. Grund für den Ärger vor laufenden Kameras: vereinzelte Gefechte trotz des von ihm verkündeten Waffenstillstands.

Netanjahu ließ die Kampfjets, die unterwegs nach Teheran waren, unverrichteter Dinge wieder umkehren. Er lobte wenig später Trump als den besten Freund im Weißen Haus, den Israel je gehabt hatte. Der US-Präsident revanchierte sich, indem er in einem Post auf der Plattform „Truth Social“ dazu aufrief, das Korruptionsverfahren gegen Netanjahu einzustellen. „Eine solche HEXENJAGD auf einen Mann, der so viel gegeben hat, ist für mich unvorstellbar“, schrieb Trump.

Verwandte Themen
Iran
Donald Trump
Israel
USA

Ungeachtet davon bleibt ein weiterer Unsicherheitsfaktor: Irans militärisches Restpotenzial. Während Teheran ballistische Raketen einsetzte, blieben andere Systeme – etwa Marschflugkörper und Drohnen – weitgehend ungenutzt. Geheimdienste vermuten, dass hier erhebliche Offensivkapazitäten erhalten geblieben sind, die Israel auch künftig bedrohen könnten.

Der israelische Geheimdienstexperte Ronen Bergman fasst die Situation lakonisch zusammen: „Vielleicht ist das die große Stärke dieses Szenarios – jeder kann zu Hause behaupten, er habe gewonnen.“

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt