Großbritannien: Inflation könnte Pläne für schnelle Zinssenkung gefährden
London. Die Inflation in Großbritannien ist auf den höchsten Stand seit anderthalb Jahren gestiegen. Nach Angaben der nationalen Statistikbehörde ONS erhöhten sich die Verbraucherpreise im Juni mit einer Jahresrate von 3,6 Prozent. Ökonomen hatten mit einer unveränderten Inflationsrate von 3,4 Prozent gerechnet.
Der unerwartet starke Preisschub könnte die Pläne der Bank of England (BoE) durchkreuzen, die Leitzinsen weiter zügig zu senken. Denn damit hat sich die Preissteigerung weiter vom Inflationsziel von zwei Prozent entfernt.
Die BoE entscheidet am 7. August über ihren nächsten Zinsschritt. Die Leitzinsen in Großbritannien liegen derzeit bei 4,25 Prozent. Trotz der hohen Inflation wetten die Händler an den Finanzmärkten mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent auf eine Zinssenkung.
„Großbritannien hat nach wie vor ein Inflationsproblem“, sagte Paul Dales, Chefökonom der Wirtschaftsberatung Capital Economics in London. Die ONS führt den stärkeren Anstieg der Inflation im Königreich vor allem auf höhere Preise für Kraftstoffe und Lebensmittel zurück.
So stiegen die Lebensmittelpreise mit einer Rate von 4,5 Prozent. Dales macht dafür auch die Erhöhung der staatlichen Sozialversicherungsbeiträge für Arbeitgeber sowie den Anstieg des Mindestlohns verantwortlich. Die Supermärkte würden diese zusätzlichen Kosten jetzt an die Verbraucher weitergeben.
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Wirtschaft beklagt steigende Lohnkosten
Die British Chambers of Commerce (BCC) befürchtet wegen der gestiegenen Arbeitskosten auch einen beschleunigten Stellenabbau und warnt: „Die Bank of England muss weitere Zinssenkungen sorgfältig abwägen, bevor sich der Arbeitsmarkt zu sehr abschwächt.“
Ökonom Dales rechnet dennoch damit, dass die Notenbank ihren vorsichtigen Kurs von sukzessiven Zinssenkungen fortsetzen wird. „Allerdings sind die Chancen auf eine schnellere Lockerung gesunken“, sagte er.
Dafür spricht auch, dass selbst die Kerninflation im Juni sogar auf 3,7 Prozent gestiegen ist. Bei ihrer Berechnung werden die schwankungsanfälligen Preise für Energie und Lebensmittel ausgeklammert.
Im Dienstleistungssektor, der für die britische Wirtschaft eine überragende Bedeutung hat und den Notenbankern wichtige Informationen über die Preisentwicklung im Inland liefert, lag die Inflationsrate unverändert hoch bei 4,7 Prozent.
Die hartnäckige Inflation ist nicht nur für die Bank of England ein Problem. Auch Finanzministerin Rachel Reeves kommt wegen der anhaltend hohen Lebenshaltungskosten immer stärker unter Druck. „Ich weiß, dass die arbeitenden Menschen immer noch mit den Lebenshaltungskosten zu kämpfen haben“, sagte sie am Mittwoch.
Hinzu kommt, dass auch die Wirtschaft auf der Stelle tritt. Im April und Mai ist das Bruttoinlandsprodukt sogar leicht geschrumpft. In Deutschland lag die Inflationsrate im Juni bei zwei, in den USA bei 2,7 Prozent.