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Trash-TV-Journalistin Anja Rützel: „Wenn Trash-TV gut gemacht ist, sieht man im Kleinen, wie es im Großen funktioniert.“ Foto: Jens Oellermann

Trash-TV„Die Kaulitz-Brüder zeigen uns das Amerika, das wir verloren haben“

Sollten wir vor der Weltlage ins „Sommerhaus der Stars“ flüchten? Anja Rützel erzählt, was wir auch in einer C-Promi-Villa übers Leben lernen können.Sebastian Dalkowski 23.08.2025 - 10:43 Uhr Artikel anhören

Düsseldorf. Trump. Gaza. AfD. Der Blick in die Nachrichten erfüllt uns mit Sorge. Auch Anja Rützel kennt diese Welt, aber als Journalistin berichtet sie vor allem über eine andere. Mit ihren TV-Kritiken zum RTL-„Dschungelcamp“ hat sie sich einen Namen gemacht. Bis heute schreibt sie bevorzugt über Trash-TV, über Reality-Stars, die sich in allerlei Formaten dem Vergessenwerden entgegenstellen. Wie viel Realität sollte man sich in Krisenzeiten geben –  und wann lieber in die Welt der A- bis C-Promis flüchten?

Frau Rützel, Sie waren eine Woche in Österreich wandern. Fiel es Ihnen leicht, von der Weltlage loszukommen?
Leichter als sonst. Ich war mit einer Freundin unterwegs, und wir hatten den unausgesprochenen Pakt, zur Förderung der Erholung möglichst wenig Nachrichtenlage mitzubekommen. Wir haben versucht, das echte, das ernste Internet zu meiden und höchstens das trashige im Auge zu behalten. Aber selbst das war in dieser Woche langweilig. Es gab kaum Entgleisungen.

Eigentlich wäre es gut, jemanden zu Hause zu haben, der einen informiert, wann man wirklich ins Internet gucken sollte.
Ein guter Servicedienst – jemand, der bei Ernstfällen aller Art anruft und sagt: Jetzt wird’s mal Zeit.

Haben Sie eine Nachrichtenroutine?
Ich bin seit dem Ende von Twitter ein bisschen wie ein Flipperball im Internet. Früher habe ich morgens für einen ersten Eindruck erst mal auf Twitter geschaut. Ich liebe Bluesky, aber es ist nicht dasselbe, weil ich es mir nischiger eingerichtet habe. Der Atomkrieg würde wohl auch in meine dortige Timeline durchdringen, am Rande, aber es hat nicht diese Verlässlichkeit.

Sie haben also keine Nachrichtenroutine mehr?
Doch, aber ich habe das aus Selbstschutzgründen nach hinten verlegt. Ich versuche, das nicht mehr gleich morgens im Bett zu machen, sondern nach dem ersten Kaffee oder der ersten Gassi-Runde. Dann lese ich ein Stündchen vor mich hin, „Spiegel“ und so weiter. Instagram versuche ich so spät wie möglich zu öffnen, weil ich da leider zu leicht hängen bleibe.

Halten Sie sich tagsüber auf dem Laufenden?
Ich hänge schon sehr viel am Handy. Es war im Urlaub ein befreiendes Gefühl, das nicht zu tun. Wirklich umfassend informiert fühle ich mich trotzdem nicht. Die große politische Lage im Auge zu behalten, fällt mir immer schwerer. Da habe ich auch oft mal ein schlechtes Gewissen, wenn ich mich zu detailliert an Dingen aufhänge, die in der Wertigkeit nicht oben stehen. Andererseits weiß ich nicht, ob es dieses „große Ganze“ überhaupt noch gibt.

Anja Rützel
Anja Rützel, 52, wurde in Würzburg geboren und studierte Rhetorik und Kulturwissenschaft in Tübingen. Ihre Abschlussarbeit schrieb sie über die Teenie-Serie „Buffy the Vampire Slayer“. Als Journalistin wurde sie vor allem durch ihre TV-Kritiken zum Dschungelcamp für Spiegel Online bekannt. Über Trash-TV spricht sie neuerdings auch mit dem TV-Moderator Jochen Schropp in dem Podcast „Sendepause Fehlanzeige“. Sie hat einen Hund mit dem Namen Juri.

Sie könnten auch einfach sagen: Ich kann doch sowieso nichts ändern an der Lage in Gaza oder an der Politik der Bundesregierung.
Natürlich ist da die Hilflosigkeit der einfachen Kleinsparerin: Was soll ich schon ausrichten? Aber ein inneres Dagegenstemmen gegen den Drang, in selige Ignoranz abzutauchen, halte ich für wichtig. Und wenn das Informiertsein nur dazu dient, dass man sich mit anderen austauschen kann und sieht: Man steht nicht allein mit seinem hilflosen Gefühl.

Wie ziehen Sie sich da wieder raus?
Ich lese wieder mehr. Das hatte ich vernachlässigt. Echte Bücher, keinen Kindle.

Legen Sie das Handy tagsüber bewusst weg?
Ich nehme mir das immer wieder vor, aber ich bin ein schwacher Mensch. Und meine Alternative zu Doomscrolling wäre auch, mich auf Instagram zu verblöden. Das ist die Flucht ins seichte Gewässer. Da gibt es zwar auch reichlich Leute, die ich schrecklich finde, aber anders als in der Politik können sie meinem Leben nichts anhaben. Westentaschen-Bösewichte.

Kein schlechter Tipp.
Es bedient immer noch ungute Mechanismen im Körper, aber es ist wie eine niedrig dosierte Zigarette.

Finden Sie es legitim, dass Leute sich zurückziehen von der Lage der Welt?
Das ist natürlich eine privilegierte Position, wenn man sich bewusst leisten kann zu sagen: Es betrifft mich ja nicht direkt, was kümmert es mich also. Ich habe heute viel mehr Bewusstsein dafür, dass solche Ignoranz ein Luxus ist. Beispielsweise zu denken, Trumps Wüterei in den USA ist schlimm, hat aber keine direkte Auswirkung auf mich. Das ist natürlich sehr kleingartenmäßig kurz gedacht: Solange mir niemand mit dem Bulldozer die Tulpen plattfährt, ist doch alles Bingo.

Die Kaulitze richten keinen Schaden an, das ist heute ja auch schon mal was.

Eine Strategie gegen die Flut schlechter Nachrichten ist Eskapismus durch Trash-TV. Das ist Ihr Spezialgebiet. Ich habe neulich an einem Wochenende die zweite Staffel von „Kaulitz & Kaulitz“ geschaut, also die beiden Brüder von Tokio Hotel, um mich vom Warten auf eine medizinische Diagnose abzulenken. Warum geben mir zwei von allen finanziellen Sorgen befreite, in Los Angeles lebende Popmusiker, deren Musik ich ablehne, so ein Wohlgefühl?
Die beiden sind per se schon total interessante Figuren. Wie sie diesen Wandel geschafft haben vom Teenieband-Parodie-Material zu augenscheinlich echt okayen Männern, die durch viele Bubbles hinweg mehrheitsfähig sind. Man kann mit ihrer Serie eintauchen in eine Welt, die gar nicht von sich behauptet, dass sie nicht absurd ist. Wenn Bill Kaulitz überlegt, ob er eine Viertelmillion für einen Whirlpool ausgibt, riesige Bäume fällen lässt, um dann erst zu überlegen, ob der Bau tatsächlich eine gute Idee ist, kann man sich beim Zuschauen wunderbar reinsteigern – und im Gegensatz zur echten Welt, die auch bizarr ist, darf man hier darüber lachen. Es hat keine Konsequenzen für mein Leben, auch wenn Bill sich die dreißigste goldene Hose kauft. Die Kaulitze richten keinen Schaden an, das ist heute ja auch schon mal was.

Aber ich fühle ja sogar mit den beiden Superreichen.
Vor allem Bill hat das richtige Maß an Tragik, weil er so durchs Leben trudelt und ihm dabei von seinen Love-Interests auch mal übel mitgespielt wird. Das transportiert unausgesprochen die alte Binsenweisheit, dass Geld allein auch nicht glücklich macht, eine behagliche Selbstvergewisserung für das nichtreiche Publikum. Dazu kommt die dramaturgisch perfekte Arbeitsteilung der beiden. Das Format würde vermutlich weniger gut funktionieren, wenn beide Brüder in einer gut verräumten Partnerschaft oder beide Hans-guck-in-die-Lufts wären. Aber da ist zum einen der Überschwang von Bill und zum anderen dieses „Ach, wir müssen aufs Konto gucken“ von Tom. Wir haben ja selbst beide Figuren in unterschiedlichen Anteilen in uns: Da ist der unbekümmerte Bill, der kauft, was er möchte, im Hinterkopf aber auch der rationale Tom, der sagt: Das ist unvernünftig. Pathos, gefühlsbezogen, und Logos, die Vernunft, wie bei der aristotelischen Argumentationstheorie. Da kann man sich reindenken, auch wenn man selbst nicht in L.A. lebt.

Ich schaue Trash-TV nicht, um dabei dauernd an das echte Leben erinnert zu werden.

Und Trump taucht kein einziges Mal auch nur am Rand auf.
Die Kaulitz-Brüder zeigen uns noch einmal das Amerika, das wir verloren haben, das wir aber gerne wieder hätten. Wo man früher hingeflogen ist und billige Levi’s gekauft hat. Das ist ja kein Trump-Amerika, in dem sie sich bewegen. Das ist völlig entkoppelt, auch zeitlich, ein bisschen wie ein Märchen.

Gibt es noch andere Wohlfühlserien aus dem Genre Trash-TV?
Ein bisschen näher am Leben ist „Unser Supermarkt“. Es geht um einen realen Markt in Köln, man begleitet dessen Belegschaft. Die Dynamik dieser Menschen ist toll, sie scherzen miteinander, die eine Frau, die die Salatbar macht, um sich die Rente aufzubessern, und der Braten-Enthusiast hinter der Fleischtheke. Es ist ein bisschen wie diese Zoo-Dokuserien, nur mit Menschen. Da habe ich mich dabei ertappt, sechs Folgen hintereinander geguckt zu haben.

Der Erfolg solcher Formate steht auch für ein verstärktes Bedürfnis nach Realitätsflucht, oder?
Ja. Ich gucke gerade „Die Villa der Versuchung“. Da habe ich eine leichte Abwehrhaltung entwickelt, weil es zu nah an der Realität ist.

Sie müssten dem Handelsblatt-Leser erst mal erklären, was diese Villa ist.
Promis werden in einer klassischen thailändischen Trash-TV-Villa zusammengepfercht und bekommen dann gesagt, dass es in diesem Format überraschenderweise um Verzicht geht. Sie müssen gemeinsam auf Genusswaren verzichten, weil sich mit jeder Flasche Sekt und jeder Zigarette die Gewinnsumme, die am Ende nur einer gewinnt, reduziert.

Das ist Ihnen zu nah an der Realität?
Mich hat es gestört, weil relativ schnell klar wird: Das ist natürlich eine Parabel auf den Neoliberalismus und den entzauberten Sozialstaat, weil Solidarität nicht mehrheitsfähig ist. Die Mehrheit ist nicht bereit zu verzichten, weil nicht garantiert ist, dass sie dann auch in den Genuss des Ersparten kommt. Ich will im Trash-TV lieber Konflikte sehen, die komplett absurd sind. Wie im „Sommerhaus der Stars“, wo das Geschehen über Wochen eskaliert, weil dort der ehemalige „Bachelor“ mit seiner Bachelorfreundin einzieht, und sie treffen dort auf eine weitere „Bachelor“-Kandidatin, die sagt: Mit mir hat er aber auch geschlafen. Komplett absurd, herrlich! Ich schaue Trash-TV nicht, um dabei dauernd an das echte Leben erinnert zu werden.

Sondern?
Ich liebe es, Menschen dabei zuzuschauen, wie sie versuchen, einfach zu einer Gruppe zu gehören. Diese Grundsehnsucht: Ich will irgendwo andocken. Ich will gesehen werden. Dann finde ich es am allerbesten.

Aber dann geht es ja doch um die Realität.
Das schon, aber eher um die grundsätzliche menschliche Natur als um gesellschaftliche Havarien. Wenn Trash-TV gut gemacht ist, sieht man im Kleinen, wie es im Großen funktioniert. Die grausame Realität der menschlichen Existenz. Das geht ja nie gut aus. Aber ich habe das gerne ein bisschen verfremdet. Ich liebe das „Sommerhaus der Stars“, in dem Paare auftreten, die ich jeden Moment fragen will: Warum seid ihr zusammen? Ihr hasst euch doch ganz offensichtlich. Aber ich bin doch immer wieder gerührt davon, wie sehr Menschen Teil eines Paars sein möchten. So sehr, dass sie bereit sind, ganz viel in Kauf zu nehmen.

Sie schauen das alles schon deshalb, weil Sie darüber schreiben. Warum gucken Leute das sonst so?
Häme und Selbstvergewisserung gehören sicher bei vielen Menschen zu den Gründen: In meinem Leben knarzt es zwar auch im Gebälk, aber wenigstens bin ich nicht Patricia Blanco und mir sind die Brustwarzen abgefallen, weil die Schönheits-OP schiefgegangen ist. Das Gefühl, bei einem Schiffbruch zuzuschauen, aber sicher an Land zu stehen. Ich glaube, dass Trash-TV je nach Weltlage zusätzlich verschiedene andere Bedürfnisse erfüllt. Während der Lockdown-Phase in der Pandemie gab es viele neue Trash-Formate, die als Ersatz-Sozialkontakte und Case-Study dienen konnten: Was macht man, wenn man zusammen eingesperrt ist? Und ich kann mich an keinen Fernsehsommer erinnern, in dem so viele neue TV-Formate gestartet sind wie jetzt.

Woran liegt das?
Ich glaube, aktuell sind das einfach Ablenkungsangebote. Man kann sich auch selbst in die Konflikte reindenken, wie bei einer sozialen Trockenübung. Nichts könnte mir ferner sein als die Teilnahme an einem Format wie dem „Bachelor“, aber trotzdem fragt man sich automatisch: Welcher Mitkandidatin würde ich vertrauen? Mit wem wäre ich befreundet?

Spätestens seit dem „Dschungelcamp“ gilt Trash-TV auch für Akademiker als etwas, das man zumindest halbironisch gucken kann. Wie würden Sie gutes und schlechtes Trash-TV unterscheiden?
Mir ist wichtig, dass die Protagonisten wissen, worauf sie sich einlassen. Auf der anderen Seite ist diese Professionalisierung auch kontraproduktiv: Weil die Leute dann nur noch ihren Archetypus erfüllen, den sie sich für ihre Trash-Persona zurechtgelegt haben. Neulich gab es ein „Sommerhaus der Normalos“. Die Teilnehmer waren zwar passive Kenner des Genres, aber TV-Neulinge. Sie waren nicht vorbereitet auf das, was da auf sie zukommt, und das will man ja eigentlich sehen. Sonst werden die Teilnehmer von den Produktionsfirmen oft eigens in kleineren Formaten hochgezüchtet, bis sie die Fallhöhe haben und „Dschungelcamp“-reif sind, das sind strukturell oft sehr ähnliche Charaktere. Es wird leider zu meinen Lebzeiten nicht mehr passieren, dass dort auch einmal prominente Menschen aus anderen Schichten auftreten.

Wer denn? Zehn Dax-CEOs im „Sommerhaus“?
Oder die klassischen Mittelständler. Leute, denen das Prinzip, dass sie vielleicht nur Reis und Bohnen essen können, wenn sie nicht im Ekel-Glibber wühlen, ganz fremd ist.

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Welches Motiv sollten Gutverdiener haben, sich darauf einzulassen?
Das ist leider das Problem. Die nötige Zeigefreudigkeit brächten einige sicher mit, aber ohne einen gewissen Gelddruck ist das leider nicht zu machen.

Erstpublikation: 14.08.2025, 17:18 Uhr.

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