Nukleares Wettrüsten: 80 Jahre nach Hiroshima – Baut Japan bald eine eigene Atombombe?
Hiroshima. Kazumi Matsuis Blick fällt mehrfach am Tag auf diese Schriftrolle mit ihren vier Schriftzeichen. Sie hängt an der Wand seines Büros, und sie liest sich für den Bürgermeister von Hiroshima wie ein historischer Arbeitsauftrag. „Heiwa Kikyu“ steht dort, zu Deutsch: „Strebe nach Frieden.“
Am 6. August 1945 wurde die japanische Hafenstadt von einer US-Atombombe zerstört; es war der erste Atombombenangriff der Geschichte. Drei Tage später warfen die US-Militärs eine zweite Bombe auf Nagasaki. Seither definiert Hiroshima sich als Friedensmahnmal, und jeder Bürgermeister der Stadt war immer auch Botschafter für die atomare Abrüstung.
Doch für Matsui, seit elf Jahren im Amt, ist in diesem Jahr vieles anders. Ausgerechnet zum 80. Jahrestag der apokalyptischen Angriffe auf die beiden japanischen Großstädte, bei denen 140.000 Menschen ums Leben kamen, wächst weltweit die Angst vor einem Atomkrieg.
Immer mehr Länder streben nach der Bombe, immer häufiger drohen Politiker unverhohlen mit nuklearen Schlägen. Noch in der vergangenen Woche war ein Streit zwischen Donald Trump und dem früheren russischen Präsidenten Dmitri Medwedew eskaliert. Am Ende entsandte der US-Präsident als Drohgebärde Atom-U-Boote in Richtung Russland.
Matsui beobachtet Eskalationen wie diese mit Sorge. „Wir müssen uns entschlossen davon distanzieren, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen“, sagt der 72-Jährige in einem Pressegespräch. Die Menschheit dürfe den Horror von Hiroshima und Nagasaki nicht vergessen.
In Deutschland wird nun ebenfalls darüber nachgedacht, wie atomare Abschreckung aussehen könnte, wenn die USA unter Trump den nuklearen Schutzschirm einklappen. Und sogar in Japan bricht eine Partei erstmals das bisherige Tabu. Die Rede ist von der Sanseito, einer zuwanderungsfeindlichen, rechtsnationalen und atomfreundlichen Partei. Im Wahlkampf sagte ihr Vorsitzender Sohei Kamiya, er denke nicht, dass Japan sofort Atomwaffen anschaffen solle. „Aber wir dürfen einer Diskussion darüber nicht ausweichen.“
Warum auch Militärs Angst vor atomarer Aufrüstung haben
Die Wählerschaft hat diese Äußerung nicht abgeschreckt, schließlich wurde die Sanseito bei den Oberhauswahlen im Juli mit 12,5 Prozent der Stimmen drittstärkste Partei. Aber dem Fremdenführer Yasu im Friedensgedenkpark von Hiroshima bereitet diese Entwicklung Sorgen, genauso wie Topmilitärs.
Yasu ist ein Rentner mit blauer Baseballmütze. „Nuke free“ steht darauf – atomwaffenfrei. Seine Tour beginnt am Museum des Friedensgedenkparks, einem riesigen Areal in der Mitte der Stadt. Es ist einer der wenigen Orte, die in der asiatischen Metropole noch an den Schrecken von damals erinnern.
Yasu führt die Gruppe zum zentralen Gedenkstein, einem Bogen vor einem künstlichen Teich. „Hier liegen die Seelen der Verstorbenen“, erklärt er. Wer hier zu ihnen betet, kann geradeaus auf den ikonischen „Atombombendom“ sehen, über dem die Bombe explodierte.
Die frühere, teilweise aus Stahlbeton gebaute Messehalle zählt zu den wenigen Gebäuden, die der Wucht der Explosion halbwegs standhielten, ihre Ruine ist als Mahnmal erhalten geblieben. Die Holzhäuser, aus denen das alte Hiroshima gebaut war, wurden durch die Druckwelle zerschmettert, die Trümmer verbrannten.
Hier, am Ort des Grauens, spricht Yasu auch über die Schatten, die auf der Gegenwart liegen. Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine, der Konflikt zwischen Israel und dem Iran und andere Konflikte machen ihm Angst. Und damit ist er nicht allein.
Das neue Streben nach Massenvernichtungswaffen erfüllt auch erfahrene Sicherheitsstrategen mit Sorge. Zum Beispiel James Stavridis, ein früherer US-Admiral und Nato-Oberkommandeur. Kürzlich sagte er, „unglücklicherweise“ werde es in naher Zukunft zu einer massiven Verbreitung von Atomwaffen kommen.
Stavridis nannte mögliche Kandidaten, die als Nächstes in den Klub der Atommächte aufsteigen könnten. Stavridis erwähnte Polen, Deutschland, die Türkei, Saudi-Arabien und Südkorea in Ostasien – und Japan. Bereits im Besitz nuklearer Waffen befinden sich die USA, Russland, China, Frankreich, Großbritannien, Israel, Indien, Pakistan und Nordkorea.
Die Angst vor einem Dominoeffekt in Asien
Besonders brisant ist die Lage in Asien, wo die drei verbündeten Atommächte China, Russland und Nordkorea ihre Waffen auf die beiden US-Alliierten Südkorea und Japan richten. Ein mögliches Verbreitungsszenario ist daher der Dominoeffekt, erklärt Paul Midford, Sicherheitsexperte an der japanischen Meiji-Gakuin-Universität. Ausgangspunkt könnte Südkorea sein. „Wenn Südkorea Atomwaffen anschafft, werden auch in Japan entsprechende Forderungen laut werden“, meint er, besonders in der regierenden Liberaldemokratischen Partei.
Der erste Dominostein wackelt bereits: Südkorea. In einer Meinungsumfrage des südkoreanischen Thinktanks Asan Institut für Politikstudien sprachen sich dieses Jahr 66 Prozent der Teilnehmer für eine Stationierung von US-Atomwaffen aus, 76 Prozent sogar für ein eigenes Atomwaffenprogramm.
Ein wichtiger Grund sei die Angst vor China, erklärte der ehemalige südkoreanische General Chun In Bum bei einer Veranstaltung des US-Thinktanks NIDS. Ein möglicher Auslöser für diesen Schritt könnte ein Verlust des Vertrauens in den Schutz durch den Alliierten USA sein, der immerhin 28.500 Soldaten in Südkorea stationiert hat.
Derzeit würden die Südkoreaner nur eine sogenannte nukleare „Latenz“ unterstützen, also die Möglichkeit zur raschen atomaren Aufrüstung. „Was wir am meisten fürchten, ist ein Rückzug der USA, eine Aufhebung des Bündnisses zwischen Südkorea und den USA“, erklärte Chun. Wenn die Amerikaner ihre Sachen packen und gehen, wolle Südkorea wenigstens über nukleare Fähigkeiten verfügen.
Japan könnte in diesem Moment rasch folgen, meint Chun, danach womöglich auch Taiwan. Die technologischen Fähigkeiten dazu hat Japan sogar als Nicht-Atomwaffenstaat. Das Land gilt vielen als „latente Atommacht“, erklärt der Sicherheitsexperte Midford.
Der Grund: Obwohl Japan dem Nichtverbreitungsvertrag beigetreten ist, besitzt es alle Technologien und Rohstoffe, um schnell zur Atommacht zu werden. Dazu zählen ein ziviles Atomprogramm, eine fast fertige Wiederaufbereitungsanlage sowie 44,5 Tonnen Plutonium, ein wichtiges Element für den Bombenbau.
Ende 2023 lagerten davon nur 8,5 Tonnen im eigenen Land, der Rest in England und Frankreich, wo Japan bisher seine Brennstäbe wiederaufbereiten lässt. Doch diese Menge reicht für Hunderte, wenn nicht Tausende Sprengsätze. In wenigen Monaten könnte Japan eine eigene Bombe herstellen, schätzen Experten, bis zu ihrer Miniaturisierung und der Entwicklung von verlässlichen Trägersystemen würden vielleicht ein paar Jahre vergehen. Die große Frage lautet daher: Was hält Japan davon ab, zur Atommacht zu werden?
Warum Japan nie zur Atommacht werden wollte
Einerseits gelten bis heute die drei nichtnuklearen Prinzipien von 1967 als Leitlinie: Das Land verpflichtet sich dazu, keine nuklearen Waffen zu besitzen, herzustellen oder ins Land zu lassen.
Andererseits haben verschiedene Regierungen aber erklärt, dass eine atomare Bewaffnung als Mittel der Verteidigung durchaus legitim sei.
Naoko Aoki, Expertin beim US-Thinktank Rand, glaubt, dass die öffentliche Meinung in Japan die größte Hürde für eine atomare Bewaffnung bleibt. Technologisch könne Japan atomar aufrüsten, die Diskussion werde seit Jahren offener, beobachtet sie. „Wichtig ist jedoch, dass sich Japan nie für eine atomare Bewaffnung entschieden hat“, betont Aoki.
Ein Grund dafür ist das Grauen der Atomschläge von Hiroshima und Nagasaki, die ein nationales Trauma hinterlassen haben. Bis heute sprechen sich in Umfragen mehr als 80 Prozent der Japaner gegen eine atomare Bewaffnung aus. Zudem wäre ein nukleares Aufrüsten mit hohen finanziellen und diplomatischen Kosten verbunden.
Der Ausbau und der Unterhalt einer Atomstreitmacht sind teuer. Noch kostspieliger wäre es, wenn Japan wie Nordkorea aus dem Nichtverbreitungsvertrag austreten würde und daraufhin mit Sanktionen rechnen müsste. Das sei für Japans Politik inakzeptabel, betont Aoki: „Japan will kein Nordkorea sein.“
Ein weiterer Aspekt ist, dass sich Japan im Prozess der Bewaffnung wie der Iran zum Ziel vorbeugender Angriffe seiner Gegner machen könnte. Für Japan spielt das Vertrauen in die USA als Schutzmacht allerdings die größte Rolle. Nur eine starke Position Amerikas könne verhindern, dass sich die Atomwaffenarsenale in Asien füllten, glauben die meisten.
Drei Szenarien für eine atomare Wende Japans
Für Asien gibt es drei Szenarien:
- Das „Weiter-so-Szenario“ wäre die günstigste Entwicklung, um eine Ausbreitung von Atomwaffen in Asien zu stoppen. Dazu gehört ein klares Bekenntnis Trumps, China einzudämmen und zu seinen Alliierten zu stehen. In diesem Fall könnten Japan und Südkorea damit rechnen, weiterhin unter dem nuklearen Schutzschirm zu stehen.
- „Chaos und Inkohärenz“ ist das Szenario, das Sicherheitsexperte Midford für wahrscheinlich hält. Dabei verlören die USA einen Teil ihrer Berechenbarkeit. Dieses Szenario wäre schwierig für die ostasiatischen US-Alliierten, aber nicht ausreichend, um Japan zum Bau von Atomwaffen zu veranlassen.
- Ein massiver Verlust des Vertrauens in die USA könnte für eine Wende sorgen – nicht nur in Südkorea. Die Expertin Aoki glaubt, dass es für einen Sinneswandel in Japan eines „größeren exogenen Schocks“ bedarf, etwa eines Angriffs Chinas auf Taiwan, kombiniert mit einer Erschütterung des Vertrauens in die USA.
Die Vielfalt in Trumps Lager lässt auch für die dritte Variante Raum. In seiner Regierung gibt es Befürworter einer „Festung Nordamerika“. Nach dieser Denkschule würden die USA einen globalen Rückzug antreten und Asien China überlassen. Letzteres, so Midford, „würde Südkorea mit großer Wahrscheinlichkeit dazu bringen, Atomwaffen zu entwickeln, und Japan könnte dann folgen.“
Die Rolle als Friedensmacht: Zwischen Moral und Realpolitik
Noch ist es allerdings nicht so weit. Die bestehenden Verträge und das Vertrauen in die USA haben eine Verbreitung bisher verzögert. Auch der Atomwaffenexperte Ankit Panda vom Carnegie Endowment for International Peace glaubt nicht an ein Ende der atomaren Abrüstungsbewegung. „Japan hat die Pflicht, die Erinnerung an den nuklearen Einsatz von 1945 weiterzutragen“, argumentiert Panda. Diese moralische Autorität sei in einer Zeit, in der das Atomwaffentabu bröckelt, ausgesprochen wertvoll.
Bürgermeister Matsui arbeitet daran, dass Japan weiter für eine atomwaffenfreie Welt arbeitet. „Das Durchschnittsalter der Überlebenden liegt mittlerweile bei mehr als 86 Jahren“, sagt er. Er hat es sich daher zu seiner Aufgabe gemacht, deren Leid und das ihrer direkten Nachfahren für die Zukunft zu bewahren.
So wurden Aussagen von Zeitzeugen in Videomitschnitten konserviert. Der TV-Sender NHK entwickelte sogar eine KI-unterstützte Doppelgängerin der jetzt 94-jährigen Yoshiko Kajimoto. Anderen Augenzeugen der Bombe wurde ein „Nachfolger“ an die Seite gestellt, der in Zukunft die Geschichten und Gefühle der Hibakusha, der Überlebenden der Bombe, weitererzählen soll.
Auch Fremdenführer Yasu ist Teil des Plans. Er schult junge Freiwillige wie Ryunosuke Nakamura. Das rote Leibchen, das er trägt, weist ihn als Fremdenführer aus. Der Student bringt Touristen auf Japanisch, Englisch und Spanisch die historische Katastrophe der Stadt näher. 20 Minuten dauere die Führung, die Touristen hätten nicht viel Zeit, meint er.
Seine Botschaft wird durch seine eigene Kriegserfahrung verstärkt. Nakamura ist Halbjapaner, in Myanmar geboren und aufgewachsen – einem vom Bürgerkrieg zerrissenen südostasiatischen Land. Er weiß, wie es ist, über Gräueltaten zu sprechen. Jetzt studiert er Friedenspolitik. Seine Botschaft: „Auch wenn dauerhafter Frieden unmöglich zu erreichen ist, werde ich mich in Zukunft weiterhin um ihn bemühen.“