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GastkommentarDie versteckte Abhängigkeit bei Europas Sicherheit

Auf den ersten Blick importiert Europa nur begrenzt Ausrüstung zur Verteidigung aus den USA. Die eigentliche Verwundbarkeit liegt jedoch anderswo, schreibt Guntram Wolff. 24.11.2025 - 10:18 Uhr Artikel anhören
Guntram Wolff ist Professor an der Solvay Brussels School of Economics and Management der Université libre de Bruxelles und Senior Fellow bei Bruegel. Foto: Bundeswehr/Francis Hildemann, privat [M]

Die sogenannten Foreign-Military-Sales(FMS)-Mitteilungen sind offizielle Mitteilungen, mit denen die US-Regierung den Kongress über geplante Rüstungsexporte informiert. Jede Mitteilung listet die Systeme, Komponenten und Technologien auf, die übertragen werden sollen, und liefert damit eine detaillierte Aufzeichnung der amerikanischen Verteidigungsexporte. Was wie bloße Bürokratie aussieht, bietet in Wirklichkeit eine aufschlussreiche Landkarte militärischer Abhängigkeiten.

In einer neuen Studie haben wir eine Datenbank erstellt, die alle FMS-Mitteilungen seit 2008 umfasst. Diese Datenbank, verfügbar beim europäischen Wirtschaftsforschungsinstitut Bruegel, ermöglicht eine Neubewertung der europäischen Waffenimporte aus den Vereinigten Staaten. Die Ergebnisse stellen die gängige Vorstellung einer überwältigenden Abhängigkeit infrage. Insgesamt importiert Europa nur einen begrenzten Teil seiner Verteidigungsausrüstung aus den USA. Die meisten europäischen Länder haben ihre militärische Produktion in den vergangenen Jahren aufrechterhalten und sogar deutlich ausgebaut.

Die eigentliche Verwundbarkeit liegt jedoch anderswo: in bestimmten Hochtechnologiesystemen, die für die moderne Kriegsführung unverzichtbar sind. Dazu gehören Gefechtsführungssoftware, Raketenabwehrsysteme und sichere Datenaustauschnetze. Diese Abhängigkeit ist in der jüngeren Vergangenheit eher noch gestiegen, wie unsere Daten zeigen.

Ein besonders anschauliches Beispiel ist das deutsche F127-Fregattenprogramm. Deutschland investiert Milliarden in die neuen Schiffe, die in deutschen Werften gebaut werden. Ihr Gefechtssystem jedoch basiert auf der US-amerikanischen Aegis-Software-Suite – dem digitalen Kern, der Radar, Zielerfassung und Raketenabwehr integriert. Ohne Aegis wären die fortgeschrittenen Luftverteidigungsfähigkeiten der Fregatten stark eingeschränkt.

Solche Fälle verdeutlichen ein übergeordnetes Strukturproblem. Moderne Waffen sind keine statische Hardware mehr, sondern softwareabhängige Systeme, die regelmäßige Updates, Datenverbindungen und oft Fernwartung durch den ursprünglichen Anbieter erfordern. Dies wirft das sogenannte „Kill-Switch“-Problem auf – die theoretische Möglichkeit, dass ein Lieferant die Funktionsfähigkeit eines Systems einschränken oder sogar deaktivieren könnte, etwa indem er Software-Updates verweigert. Selbst wenn ein solches Vorgehen unter Verbündeten unwahrscheinlich ist, verschafft allein die Existenz dieser Möglichkeit den USA potenziellen Einfluss.

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Abhängigkeit muss nicht aktiv ausgeübt werden, um wirksam zu sein. Das Bewusstsein, dass Europas Hightech-Verteidigungssysteme auf US-Technologie beruhen, kann das Verhalten weit über den militärischen Bereich hinaus subtil beeinflussen – von Handelsverhandlungen über Industriepolitik bis hin zu Streitigkeiten über Exportkontrollen. In den jüngsten Handelsgesprächen zwischen den USA und Europa haben führende europäische Politiker und Beamte ausdrücklich eingeräumt, dass die sicherheitspolitische Abhängigkeit das ausgehandelte Abkommen mitgeprägt hat.

Die Antwort sollte nicht mit großangelegten neuen Programmen beginnen, sondern mit einer sorgfältigen Analyse. Europa braucht ein klares empirisches Bild seiner kritischen Abhängigkeiten – technologischer, vertraglicher und politischer Art. Die neue FMS-Datenbank ist ein erster Schritt in diese Richtung. Als Nächstes müssen die politischen Entscheidungsträger einen mittelfristigen Plan entwickeln, um jene Abhängigkeiten zu verringern, die inakzeptabel sind. Diese Arbeit muss sofort beginnen.

Eine besondere Herausforderung für politische Entscheidungsträger besteht darin, dass sie sich für eine objektive Bewertung nicht auf ihr Militär verlassen können. Die Streitkräfte in Deutschland und anderen Ländern haben zu lange im Rahmen der Nato operiert und vertrauen ihren US-Partnern fast blind. Dieses Vertrauen ist auf militärischer Ebene nachvollziehbar, ignoriert jedoch die politischen Realitäten.

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Das politische Risiko militärischer Zusammenarbeit, das in der Trump-Administration deutlich wurde, ist zu groß, um es zu ignorieren – wie auch die Ukraine erfahren musste. Als sie zwei Wochen lang von US-Geheimdienstinformationen abgeschnitten war, erlitt sie schwere Verluste. Die politische Planung in Westeuropa muss nun beginnen, das Undenkbare zu bedenken: Europa kann es sich nicht leisten, bei sicherheitskritischer Technologie von den USA abhängig zu sein. Ein „Weiter-so wie bisher“ wäre verantwortungslos.

Der Autor: Guntram Wolff ist Professor an der Solvay Brussels School of Economics and Management der Université libre de Bruxelles und Senior Fellow bei Bruegel, dessen Direktor er von 2013 bis 2022 war. Von 2022 bis 2024 leitete er die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Er führte die Forschung gemeinsam mit Juan Mejino-López von Bruegel durch.

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