China: Warum die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt in der Krise verharrt
Shanghai. In Chinas Industrie verdüstert sich das Bild weiter: Im November verharrt die Stimmung der chinesischen Unternehmen bereits zum achten Mal in Folge unterhalb einer wichtigen Marke. Selbst der sonst robustere Dienstleistungsbereich verliert an Kraft. Zwar klettert der offizielle Einkaufsmanagerindex (PMI) für das verarbeitende Gewerbe leicht auf 49,2 Punkte, nach 49,0 im Oktober, wie das Statistikamt in Peking am Sonntag mitteilte. Doch bleibt der Wert klar unter der entscheidenden 50-Punkte-Marke, die in der Analyse Wachstum von Schrumpfung trennt.
Auch der Indikator für den nichtverarbeitenden Sektor, der Dienstleistungen und Bau umfasst, sendet Warnsignale: Er fällt von 50,1 auf 49,5 Punkte. Das ist der erste Rückgang unter die Expansionsgrenze seit Dezember 2022.
Die Zahlen machen deutlich, wie schwer sich die Industrie tut, die Erholung nach den pandemiebedingten Einbrüchen fortzuführen. Gleichzeitig belastet der Handelskonflikt mit den USA viele Unternehmen zusätzlich. Besonders auffällig: Der Dienstleistungs-PMI rutscht erstmals seit September 2024 wieder in den negativen Bereich.
Als Hauptgrund nennt das Statistikamt das Auslaufen des Feiertagsimpulses der Nationalferien rund um die „Goldene Woche“ im Oktober. Zwar legen die Unterindizes für Bestellungen und Exportaufträge im Vergleich zum Vormonat leicht zu, sie verharren aber ebenfalls unterhalb der Wachstumsschwelle.
Für Pekings Wirtschaftspolitiker verschärft sich damit ein bekanntes Dilemma: Soll die Regierung schmerzhafte Strukturreformen anstoßen oder mit neuen Stimulusmaßnahmen die schwache Binnennachfrage stützen?
Die Antwort fällt angesichts einer globalen Abkühlung, der anhaltenden Immobilienkrise und hochverschuldeter Kommunen zunehmend schwer. Schon im dritten Quartal hatte die zweitgrößte Volkswirtschaft das geringste Wachstum seit einem Jahr verzeichnet. Für das laufende Jahr rechnet Peking mit fünf Prozent Wachstum. Erst am Mittwoch hatte die Regierung ein weiteres Maßnahmenpaket zur Stärkung des Konsums präsentiert.
Doch nach Ansicht von Experten reicht das nicht aus, um eine Trendwende herbeizuführen. Der Shanghaier Wirtschaftswissenschaftler Zhu Tian hält die ungelöste Immobilienkrise für die Hauptursache für den schwachen Konsum und die Abwärtstendenzen. Er schlägt die einmalige Ausgabe von Konsumgutscheinen in Höhe von 3000 Yuan pro Person (umgerechnet rund 370 Euro) vor.
Seiner Berechnung nach würde dadurch ein zusätzliches Konsumvolumen von rund zwei Billionen Yuan zusammenkommen, rund 258 Milliarden Euro, und zusätzliche 1,5 Prozentpunkte Wirtschaftswachstum – bei der Grundannahme, dass nur die Hälfte des Geldes ausgegeben würde, der Rest gespart.
Chinas Provinzregierungen und Stadtverwaltungen experimentieren schon längere Zeit mit Konsumgutscheinen, um die Verbrauchernachfrage zu stärken. Doch nach Ansicht von Zhu reicht das bisherige Volumen nicht aus. „Der entscheidende Unterschied zwischen meinen Vorschlägen und den bisherigen Programmen ist der Umfang. Die bisherigen Konsumgutscheine sind so klein, dass sie makroökonomisch keinerlei Effekt haben“, sagte er am Freitag vor Journalisten in Shanghai.
Erstpublikation: 30.11.2025, 07:19 Uhr.