Banken: Was hinter dem Skandal um die Mediobanca-Übernahme steckt
Rom. Luigi Lovaglio dürfte sich nicht auf diesen Freitag freuen: Der Vorstandsvorsitzende der italienischen Traditionsbank Monte dei Paschi (MPS) muss dem Aufsichtsrat seiner Bank zu einem Skandal Bericht erstatten, der die italienische Finanzszene erschüttert – und in dessen Zentrum er sich befindet.
Seit vergangenem Donnerstag ist bekannt, dass die Mailänder Staatsanwaltschaft gegen Lovaglio und zwei Großaktionäre von MPS wegen der Übernahme der Investmentbank Mediobanca im September 2024 ermittelt. Die drei Männer stehen in Verdacht, sich beim Mediobanca-Kauf heimlich abgesprochen zu haben, um wiederum über Umwege die Kontrolle beim italienischen Versicherer Generali zu übernehmen. Lovaglio soll dabei gegen die Interessen seiner Bank gehandelt haben.
Gegen die Beschuldigten – Lovaglio, den Bau- und Medienunternehmer Francesco Gaetano Caltagirone sowie Francesco Milleri, Verwalter der Familienholding Delfin Sarl und Chef des Brillenherstellers Essilor Luxottica – wird wegen Marktmanipulation ermittelt. Zudem sollen sie die Aufsicht durch die Europäische Zentralbank sowie die italienischen Behörden Consob und Ivass behindert haben.
Es ist ein Skandal, der den Kurs der MPS-Aktie bereits um 13 Prozent gedrückt hat. Und ein Fall, der zeigt, wie nationale Interessen die Integration des europäischen Bankensystems verhindern.
Die Lage ist komplex. In der italienischen Finanzszene gilt es als sicher, dass Caltagirone und Delfin als Investoren seit Jahren gemeinsame Ziele verfolgen. Und es galt als ausgemacht, dass die beiden auch bei der Mediobanca-Übernahme zusammengearbeitet hatten – selbst wenn Caltagirone und Milleri das bestreiten.
„Herzlichen Glückwunsch zu dieser Idee“
Ziel der Zusammenarbeit soll es gewesen sein, sich über Mediobanca mehr Einfluss bei Generali zu sichern, einem der wichtigsten Käufer italienischer Staatsanleihen. Sowohl Caltagirone als auch die Delfin-Holding hielten schon vor dem Deal Anteile an allen beteiligten Unternehmen – MPS, Mediobanca und Generali.
Bei der Mediobanca-Übernahme soll zusätzlich die italienische Regierung geholfen haben, indem sie ihnen im November 2024 MPS-Aktien zu einem Vorteilspreis überließ. Die Regierung hatte die Bank Jahre zuvor wegen eines drohenden Bankrotts mit Staatsgeldern gerettet und war bis dahin Hauptanteilseigner gewesen.
Diese Schützenhilfe soll die Regierung geleistet haben, um den Einfluss von Caltagirone und Milleri zu vergrößern und die Investoren zu befähigen, die Gründung eines italo-französischen Vermögensverwalters mit der französischen Bank Natixis zu verhindern, die wiederum der Generali-Chef plante.
Die Zitate aus den Ermittlungsakten, aus denen italienische Zeitungen seit dem Bekanntwerden der Untersuchungen zitieren, scheinen die Vermutung der Staatsanwaltschaft zu belegen. So soll Lovaglio in einem abgehörten Telefonat am 18. April 2025, einen Tag nach der MPS-Hauptversammlung, auf der die für den Kauf notwendige Kapitalerhöhung beschlossen worden war, zu Caltagirone gesagt haben: „Sie sind der wahre Erfinder, ich habe nur den Auftrag ausgeführt.“ Und weiter: „Sie haben etwas Perfektes entwickelt, also herzlichen Glückwunsch zu dieser Idee.“ Caltagirones Antwort: „Perfekt, danke. Es ist gelaufen, wie es sollte.“
Lovaglio gehört zu den Beschuldigten, weil er laut Staatsanwaltschaft die Mediobanca-Übernahme gegen die Interessen von MPS vorangetrieben hat. Tatsächlich hatten Experten deren wirtschaftliche Logik stets angezweifelt: einerseits wegen des für MPS hohen Übernahmepreises. Aber auch, weil nicht klar war, ob die Traditionsbank dazu fähig ist, sich erfolgreich eine Investitionsbank einzuverleiben.
Pietro Reichlin, Ökonom an der römischen LUISS-Universität, geht davon aus, dass die Ermittlungen sich nun lange hinziehen und die Märkte belasten werden. „Sollte die Untersuchung zu einer Verurteilung führen, würde das für die Investoren bedeuten, dass sie ein Barangebot statt eines Umtauschangebots machen müssten, was natürlich mit sehr hohen Kosten verbunden wäre“, sagt Reichlin.
Die problematische Rolle der Regierung
Denn indem Caltagirone und Milleri als getrennte Investoren aufgetreten seien, hätten sie die gesetzliche Pflicht umgangen, ein offizielles Übernahmeangebot für alle Mediobanca-Aktionäre zu machen, als sie als Anteilseigner gemeinsam über die Grenze von 25 Prozent des Kapitals gekommen sind.
Auch wenn Regierungsangehörige von der Staatsanwaltschaft in dem Fall nicht als Beschuldigte geführt werden, kritisiert Reichlin doch das Verhalten der Regierung um Ministerpräsidentin Giorgia Meloni: „Es gibt eine Strategie, die darauf abzielt, die Eigentümerstruktur des italienischen Bankensystems zu beeinflussen und sich gegen mögliche Übernahmen aus dem Ausland zu schützen.“
Diese Strategie wirke allerdings „sehr improvisiert, wenig professionell und alles andere als transparent“, sagt Reichlin und verweist auf die Doppelrolle des Staats als Regulator und Aktionär im Bankensektor. So sei die Regierung einerseits Anteilseigner bei MPS und beeinflusse die Umverteilung seiner Aktien aktiv.
Gleichzeitig habe die Regierung die Übernahme der Banco BPM durch die italienische Großbank Unicredit kürzlich aktiv verhindert, indem sie den sogenannten Golden Power eingesetzt hat. Dieser dient zum Schutz strategischer Wirtschaftssektoren und war eigentlich eingeführt worden, um diese ausländischer Einflussnahme zu entziehen.
Doch die Meloni-Regierung hatte ihn im Fall von BPM kurzerhand umdefiniert, worauf in einem Dokument der Vorsitzenden des Aufsichtsgremiums der EZB kürzlich kritisch Bezug genommen worden sei. „Der Kern dieses Konflikts ist, dass der Staat seine Doppelrolle im italienischen Bankensektor auf eine Weise nutzt, die sehr problematisch ist“, sagt Reichlin.
Laut Reichlin gebe es in Italien eine Tendenz, die Eigentümerstruktur des italienischen Bankensystems aus nationalistischen Motiven zu schützen. „Das ist nicht nur in Italien so, sondern in vielen europäischen Ländern, und genau das behindert die Marktintegration“, sagt Reichlin. Dieser Fall zeige daher beispielhaft, dass es genau diese Gründe seien, die eine stärkere Integration des europäischen Bankensystems verhinderten.