Rohstoffe: Japan sucht in 6000 Meter Tiefe nach seltenen Erden
Tokio. Die Chikyu, das größte Forschungsschiff der Welt, ist seit Montag auf historischer, geostrategischer Mission im Pazifik unterwegs. Das 210 Meter lange japanische Bohrschiff steuert ein Seegebiet etwa 1900 Kilometer südöstlich von Japans Hauptstadt Tokio an, in dem sich unter 6000 Meter Wasser ein geologischer Schatz verbergen soll.
Dort soll die Chikyu – auf Deutsch „Erde“ – in den kommenden Wochen beweisen, dass sich aus dem Tiefseeschlamm vor der kleinen Koralleninsel Minamitorishima seltene Erden gewinnen lassen. Diese Metalle sind unverzichtbar für Magnete in Hybridfahrzeugen, für diverse Elektronikgeräte und auch für Lenksysteme von Militärtechnik.
Die Zielvorgabe der Mission: 35 Tonnen Sediment an die Oberfläche holen. Dies ist der erste Schritt, um vielleicht schon 2030 mit einem kommerziellen Abbau zu beginnen – und eine der gravierendsten Verwundbarkeiten von Japans Hochtechnologiewirtschaft zu beseitigen.
China hat eine starke Position bei seltenen Erden – und nutzt diese Macht immer wieder als wirtschaftliche Waffe. Das haben zuletzt die USA erlebt, die diese Woche eine internationale Rohstoffallianz gegen China gefordert haben.
Seltene Erden sind Chinas scharfe Waffe
Als US-Präsident Donald Trump dem Rivalen mit hohen Zöllen drohte, schlug China mit Exportkontrollen für seltene Erden zurück. Aus Sorge um die amerikanische Hightech- und Rüstungsproduktion lenkte Trump dann schnell auf einen kooperativeren Kurs ein.
Japan wurde allerdings schon im Jahr 2010 aufgeschreckt, als China den Nachbarn in einem Streit mit einem Lieferstopp der begehrten Rohstoffe bestrafte. Die Botschaft war unmissverständlich: China kann Japans Wirtschaft mit einem Federstrich lahmlegen.
Seitdem hat Japan seine Abhängigkeit von China im Schnitt von 90 auf 60 Prozent gesenkt – durch Diversifizierung der Lieferketten, Recycling, effizientere Nutzung und den Ersatz durch andere Materialien. Zudem hat das Land bereits Reserven aufgebaut.
Dennoch würde selbst ein einjähriger Lieferstopp nach Schätzungen des Nomura Research Institute das Bruttoinlandsprodukt des Landes um 0,4 Prozent senken. Denn erstens dürften die Reserven nicht für alle Produkte reichen, für die diese Rohstoffe benötigt werden.
Zweitens wären sie nach Schätzungen nur für sechs bis zwölf Monate ausreichend. Und drittens liegt die Abhängigkeit von China bei den schweren Seltenerdmetallen wie Dysprosium und Terbium, die für Hochleistungsmagnete in Elektroautos und Maschinen unersetzlich sind, weiterhin bei nahezu 100 Prozent.
Was die japanischen Vorkommen so bedeutsam macht
Die Brisanz ist den japanischen Planern sehr bewusst. Auf der Suche nach Auswegen aus der Abhängigkeit von der Volksrepublik wies ein Team um Professor Yasuhiro Kato von der Universität Tokio bereits ein Jahr nach Chinas erster Strafaktion erstmals seltene Erden in den Sedimenten am Meeresgrund nach. Was die Entdeckung des Abbaugebiets so bedeutsam macht, ist die Zusammensetzung des Materials und die Größe der Vorkommen.
Herkömmliche Vorkommen an Land – etwa im chinesischen Bayan Obo – enthalten überwiegend leichte seltene Erden, die relativ häufig und günstig sind. Die schweren Metalle, die für die Industrie bedeutsam sind, machen im chinesischen Hauptabbaugebiet nur etwa 25 Prozent der im Boden enthaltenen Metalle aus. Im Schlamm vor Minamitorishima sind es hingegen nahezu 50 Prozent.
Zudem könnten die Vorkommen möglicherweise den globalen Bedarf vieler Elemente für mehrere Hundert Jahre decken. Ein weiterer Vorteil: Die Erze an Land enthalten oft radioaktive Elemente wie Thorium und Uran, was aufwendige Entsorgungsmaßnahmen erfordert. Der Tiefseeschlamm hingegen ist sedimentär, die Strahlenwerte sind niedrig, möglicherweise sogar unterhalb der Grenzwerte für Sondermüll.
Große Herausforderung und japanische Technik
Allerdings sind die technischen Herausforderungen immens. Immerhin hat Japan bereits mit der Chikyu ein Schiff, das für derartige Aufgaben gebaut wurde. 2024 stellte es bei einer Expedition für das internationale „Ocean Discovery Program“ (IODP) mit einer Bohrtiefe von 7906 Metern einen Weltrekord auf. Riesige Turbinen stellten sicher, dass auch bei schwerer See die Position exakt gehalten werden konnte.
Die jetzige Mission, die bis zum 14. Februar 2026 angesetzt ist, dient zunächst nur zur Überprüfung der Abbautechnik. Im Februar 2027 soll dann eine tägliche Förderung von 350 Tonnen Schlamm getestet werden.
Zudem überlegt die Regierung, ob eine Verarbeitungsanlage auf der winzigen Insel Minamitorishima eingerichtet werden kann – eine logistische Herausforderung auf einem Korallenatoll ohne Frischwasser und Stromnetz.
Ein Erfolg ist nicht garantiert. Ken Koyama, Geschäftsführer des Instituts für Energieökonomie, hält die Mission zwar für sehr bedeutend. Aber er merkt an: „Während große Erwartungen an die Rohstoffexploration vor Minamitorishima geknüpft sind, ist eine genaue Einschätzung der Rohstoffmengen und Kosten von entscheidender Bedeutung.“
Derzeit liegen die geschätzten Preise der zu fördernden seltenen Erden weit über denen des Weltmarkts. Doch Japan kalkuliert nicht nach klassischen Rendite-Überlegungen, sondern nach den Kosten einer Versorgungsunterbrechung. „Es ist wichtig, eine Versorgungsquelle zu haben, die jederzeit betriebsbereit ist, falls die Lieferungen von seltenen Erden nach Japan unterbrochen werden“, erklärt Shoichi Ishii, Direktor des zuständigen Förderprogramms.
Geostrategische Kalküle könnten Kostenrechnung übertrumpfen
Wie prekär allerdings der Abbau in diesem Gebiet ist, demonstrierte China im Juni des vergangenen Jahres. Als Japan damals Vermessungen in der Region vornahm, durchquerte der chinesische Flugzeugträger Liaoning mit seinem Begleitverband die japanische Wirtschaftszone nahe der Insel. Japanische Analysten interpretierten dies als unmissverständliches Signal: Die abgelegene Abbaustelle liegt in der operativen Reichweite der chinesischen Marine.
Die USA unterstützen das Projekt. In bilateralen Abkommen über kritische Rohstoffe haben Washington und Tokio eine Zusammenarbeit bei der Tiefsee-Ressourcenentwicklung vereinbart. Das amerikanische Interesse ist strategisch: Die USA sind ein Großverbraucher schwerer seltener Erden für ihre Rüstungsindustrie – von F-35-Kampfjets bis zu Atom-U-Booten.
Ungeklärt ist indes die ökologische Dimension. Der Abbau wird Sediment aufwirbeln und Lebensräume zerstören, über die die Wissenschaft noch wenig weiß. Während der Mission werden spezielle Unterwasserroboter die Meerestrübung und den Lärmpegel überwachen. Im Zweifel treten ökologische Bedenken allerdings in den Hintergrund. Denn die Chikyu bohrt nicht nur nach Rohstoffen – sie soll strategische Autonomie fördern.