Geoeconomics: Indien wird nicht Teil eines „globalen Westens“ werden
Als „Sightseeing-Tour“ eines Kanzlers, der die falschen Prioritäten setze, verspottete AfD-Chefin Alice Weidel den Antrittsbesuch von Friedrich Merz in Indien Anfang dieser Woche. Damit offenbart sie ein sehr eigentümliches Verständnis der Interessen der globalen Wirtschaftsnation Deutschland. Der Kanzler hatte beim Besuch im bevölkerungsreichsten Land der Erde, das innerhalb der G20 die höchsten Wachstumsraten hat, 25 CEOs im Schlepptau, von Boehringer bis Siemens.
Während des Besuchs haben die beiden Länder 27 Vereinbarungen unterzeichnet, von Rüstungskooperation über Technologiepartnerschaften bis zu Fachkräftemobilität. Merz warb für den zügigen Abschluss des EU-Indien-Handelsabkommens.
Und ja, das Team um den erfolgreichen deutschen Botschafter Philipp Ackermann hat mit dafür gesorgt, dass es schöne Bilder des Kanzlers in der Heimatprovinz des indischen Premiers Narendra Modi gab. Das gehört zu gelungener Diplomatie dazu.
Es war die richtige Entscheidung des Kanzlers, Indien als Ziel seiner ersten Asienreise zu wählen. Bereits seit einem Vierteljahrhundert haben Deutschland und Indien eine „strategische Partnerschaft“. Diese hat bislang ihr Potenzial nicht ausgeschöpft.
Das gelingt nur mit einem realistischen Blick auf das Fundament. Indien wird nicht Teil eines „globalen Westens“ werden. Der indische Außenminister Subrahmanyam Jaishankar betont die Eigenständigkeit des Landes: „Nicht westlich, gleichzeitig nicht antiwestlich.“
Es gibt beträchtliche politische Differenzen zu Deutschland. Delhi wird etwa seine engen Beziehungen zu Moskau weiterführen. Dennoch sind die Bedingungen für eine pragmatische Partnerschaft auf der Basis gemeinsamer Interessen besser denn je.
Merz sagte sehr richtig, dass wir „heute ein weiteres, ein größeres Netz an Partnerschaften knüpfen“ müssen, nicht zuletzt aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Gefahren und Unwägbarkeiten aus China wie aus den USA. Indien sieht ähnliche Risiken mit Blick auf die beiden Großmächte. Deutschland, Europa und Indien können Partner für eine „produktive Diversifizierung“ sein, wie es der indische Außenpolitikexperte Chilamkuri Raja Mohan formuliert hat.
Die vielen Absichtserklärungen, die der Kanzler und der indische Premier unterzeichnet haben, gilt es jetzt mit Leben zu füllen. Der Fokus auf die Kooperation in der Verteidigungsindustrie ist vielversprechend. Hier kann der kurz vor dem Abschluss stehende Vertrag mit Thyssenkrupp Marine Systems über den Bau von sechs U-Booten in einem Volumen von acht Milliarden Euro ein wichtiger Anker sein.
Weltraumtechnologie könnte ein weiterer Schwerpunkt sein, militärisch wie zivil. Indien und Deutschland haben einander ergänzende Stärken. Deutschland liefert präzise Technologie, Instrumente und Systemdesign. Indiens hochdynamische Raumfahrtindustrie liefert kostengünstige Starts und eine effiziente Umsetzung. Hier gilt es jetzt, konkrete gemeinsame Initiativen voranzutreiben und regulatorische Bremsklötze aus dem Weg zu räumen.
Im Bereich KI gibt es viele Möglichkeiten
Gerade im Bereich Künstliche Intelligenz (KI) können Deutschland und Indien viel gemeinsam vorantreiben. Das wirtschaftliche Potenzial von KI liegt entscheidend in industriellen Anwendungen.
Deutsche Firmen haben hier Expertise. Der indische Markt eignet sich gut, um die Zusammenarbeit bei digital integrierter Produktion zu vertiefen und neue Geschäftschancen zu verfolgen, von der Autoindustrie über Halbleiter bis hin zur Biomedizin. Deutsche Unternehmen können dabei viel lernen und auch Talente anwerben.
Gleichzeitig sollten wir in den Austausch mit Indien investieren, um ein besseres Verständnis dieses hochkomplexen Riesenlandes zu haben. Kanzler Merz erwähnte freudig, dass 60.000 Inderinnen und Inder in Deutschland studieren, die größte ausländische Gruppe. Was er nicht sagte: Die Zahl der deutschen Studierenden in Indien ist so gering (unter 100), dass sie in der offiziellen Destatis-Übersicht gar nicht auftaucht. Das ist ein katastrophaler Missstand.
Gerade die Begabtenförderwerke sollten in ein gemeinsames Sonderprogramm Indien investieren, um Studierende aller Fachrichtungen für ein Auslandsstudienjahr mit inhaltlichem Begleitprogramm zu gewinnen.
Das wäre eine notwendige Investition für mehr Indienkompetenz. Öffentliche wie private Förderer sollten auch dringend in mehr Beschäftigung und Kooperation mit Indien in außenpolitischen Forschungseinrichtungen investieren. Dann kommt auch kein außenpolitischer Experte mehr auf die krude Idee, Indien könne Teil eines „globalen Westens“ werden.