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KI-BriefingDeutschlands neue KI-Server kommen – nur kaum von heimischen Firmen

US-Konzerne investieren Milliarden in Rechenzentren. Deutsche Anbieter fordern erst politische Absicherung. Das sagt viel über Tempo und Risikobereitschaft.Stephan Scheuer 16.01.2026 - 16:00 Uhr Artikel anhören
Aufbau von KI-Rechenzentren in Deutschland: US-Konzerne handeln, Deutsche hadern. Foto: Michel Becker / Sora

Wenn Sie nur wenig Zeit haben, liebe Leserinnen und Leser,

dann lautet die Kurzfassung: Die KI-Infrastruktur der Zukunft entsteht gerade in Deutschland, aber nicht aus eigener Kraft. US-Konzerne investieren Milliarden, während viele heimische Anbieter erst auf eine Absicherung durch den Staat drängen.

Warum das wichtig ist: Wer die KI-Infrastruktur kontrolliert, entscheidet über Wettbewerbsfähigkeit, Wertschöpfung und digitale Souveränität. Dass ausgerechnet ausländische Konzerne in Deutschland schneller handeln als heimische Anbieter, ist kein politisches, sondern ein unternehmerisches Signal. Es zeigt, wer bereit ist, Risiko zu tragen – und wer darauf wartet, dass der Staat es übernimmt.

Amazon Web Services eröffnet in Potsdam eine „European Sovereign Cloud“ und investiert bis 2040 fast acht Milliarden Euro in Deutschland, wie AWS-Chef Matt Garman meinem Kollegen Christof Kerkmann erzählt hat.

Microsoft steckt Milliarden in neue Rechenzentren in Nordrhein-Westfalen, Google plant Großinvestitionen in Hessen. Der Finanzinvestor Blackstone will vier Milliarden für ein Rechenzentrum im nordrhein-westfälischen Lippetal bei Hamm bereitstellen. Sie alle handeln – schnell, entschlossen, mit klaren Investitionszusagen, wie meine Kollegin Hannah Krolle recherchiert hat.

Die Botschaft der US-Konzerne ist eindeutig: Wer Rechenleistung will, muss bauen. AWS reagiert mit einer formal unabhängigen Cloud auf europäische Souveränitätsbedenken – und schafft Fakten, noch bevor politische Debatten abgeschlossen sind.

Dem steht das Verhalten vieler europäischer und deutscher Anbieter gegenüber. Beim Projekt einer deutschen AI‑Gigafactory geht es derzeit weniger um Technologie als um Garantien. In Berlin fand am Mittwoch eine Marathonsitzung statt, in der Bund, Länder und Industrie über Zuschüsse, Betriebskosten und staatliche Abnahmezusagen verhandelt haben. Der Staat soll nicht nur anschieben, sondern auch als Ankerkunde auftreten. Ohne dieses Rundum-sorglos-Paket, so der Eindruck, bewegt sich wenig.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Die Schwarz-Gruppe ist früh in Vorleistung gegangen. Die Telekom baut mit Nvidia eine KI-Fabrik in München – wenn auch auf deutlich kleinerem Niveau. Das Start-up Polarise zeigt, dass auch in Deutschland Investitionen möglich sind: Mit frischem Kapital wird ein ehemaliges Rechenzentrum der Hypovereinsbank zu einem KI-Standort für Telekom und Nvidia umgebaut, wie Lina Knees berichtet. Doch das bleibt kleinteilig. Die große Skalierung liefern andere.

Der Kontrast könnte kaum größer sein. Während amerikanische Konzerne Risiken eingehen und investieren, fordern europäische Anbieter erst politische Absicherung. Das ist kein Souveränitätsproblem, sondern ein unternehmerisches. Wer KI-Infrastruktur nur baut, wenn der Staat Nachfrage, Auslastung und Rendite garantiert, überlässt die Gestaltung anderen, argumentiere ich in diesem Kommentar.

KI-Infrastruktur in Eigenregie entsteht nicht durch Förderanträge, sondern durch Kapital, Mut und Marktvertrauen. Wer wartet, bis alles abgesichert ist, wird am Ende zwar einen Standort haben – aber kein Gestalter sein.

Linas Labor

Foto: Michel Becker

Model Context Protocol. Im vergangenen Jahr übertrafen sich KI-Anbieter weiter mit der Leistung ihrer Modelle. Doch für 2026 zeichnet sich bereits ein neuer Trend ab: Nicht mehr die reine Modellleistung ist entscheidend, sagt etwa Gabe Goodhart, Chief Architect für AI Open Innovation bei IBM, sondern die Integration in bestehende Systeme und Arbeitsabläufe. Diese Entwicklung kommt mit einem neuen Trendwort: Model Context Protocol, kurz MCP.

Was dahintersteckt: Damit KI nützlich ist, muss sie etwa in einem Unternehmen auf alle Daten, die sie für eine Aufgabe benötigt, zugreifen können. Zugleich muss sie wissen, wie sie Programme – sei es ein Designprogramm, eine interne Datenbank oder ein Mailprogramm – bedienen kann. Kurz: KI braucht ein Onboarding.

Jede Verbindung zwischen Künstlicher Intelligenz und anderer Software musste bisher individuell programmiert werden. Das hat die praktische KI-Nutzung in Unternehmen massiv ausgebremst.

Im November 2024 veröffentlichte Anthropic deshalb MCP – eine Art Universalanschluss für KI. MCP standardisiert die Verbindung zwischen KI-Modellen und Software. Man könnte es mit einem USB-C-Anschluss vergleichen: einem Standardanschluss, der Geräte miteinander kompatibel macht. Mit MCP können Unternehmen für ihre KI-Anwendung oder -Agenten vorab Leitplanken installieren und festlegen, was sie nutzen und automatisiert tun dürfen und was nicht. MCP macht Modelle auch leichter austauschbar. Durch den Standard muss nicht mit jedem neuen Modell die komplette Infrastruktur drumherum aufwendig umprogrammiert werden.

MCP ist öffentlich zugänglich und wurde im Dezember 2025 von Anthropic an die Agentic AI Foundation gespendet. Die Initiative der Linux Foundation soll Standards und Bausteine für KI-Agenten öffentlich zugänglich machen.

Was Sie sonst noch wissen sollten

Nvidia-Chef Jensen Huang: Der Milliardär beherrscht das Geschäft mit KI-Chips. Foto: AFP

1. Der Machtkampf um die wichtigsten KI-Chips der Welt verschärft sich. Noch dominiert Nvidia den Markt, doch 2026 könnte das Monopol wanken – zu groß sind die Gewinne, zu zahlreich die Angreifer. Tech-Riesen wie Google und AMD, Start-ups wie Groq und Cerebras sowie chinesische Konzerne investieren Milliarden in eigene Chiparchitekturen. Allein sechs US-Unternehmen wollen in diesem Jahr über 500 Milliarden Dollar in Rechenzentren stecken. Mein Kollege Joachim Hofer analysiert, warum Nvidias Vorsprung schmilzt – und worauf es im KI-Wettrennen künftig ankommt.

2. Big Tech hofiert deutsche Konzerne – und braucht sie mehr denn je. Auf der CES in Las Vegas warben Nvidia, Qualcomm und AWS offensiv um Partner wie BMW, Mercedes und Siemens. Die Traditionskonzerne liefern Daten, Produktionserfahrung und globale Marken – und erhalten im Gegenzug Zugang zu KI-Modellen, Cloud-Lösungen und Chipsystemen. Doch mit der engen Kooperation wächst auch die Abhängigkeit. Die Handelsblatt-Korrespondenten Philipp Alvares de Souza Soares und Felix Holtermann zeigen, wie sich Machtverhältnisse zwischen Silicon Valley und deutscher Industrie verschieben.

3. Qualcomm setzt auf Autos – und VW wird zum Schlüsselpartner. Mit einer neuen Milliardenkooperation will der US-Chipkonzern seine Smartphone-Abhängigkeit hinter sich lassen und Nvidia im KI-Wettbewerb herausfordern. Energieeffiziente Chips für den Fahrzeug-Innenraum sollen Fahrern künftig KI-Assistenten an die Seite stellen. Mein Kollege Philipp Alvares de Souza Soares hat mit Qualcomm-COO Akash Palkhiwala gesprochen – über das Potenzial der Autochips, die Bedeutung von Stromsparsamkeit und warum Qualcomm auch im Cloud-Geschäft neue Chancen sieht.

4. Google schlägt Kapital aus Apples KI-Schwäche. Nach einem Milliarden-Deal zur Integration von Gemini in Siri steigt der Börsenwert von Alphabet erstmals auf vier Billionen Dollar. Der Schritt gilt als Wendepunkt in Apples KI-Strategie – und als spätes Comeback für Google. Mein Kollege Philipp Alvares de Souza Soares zeigt, wie Alphabet zum zweitwertvollsten Unternehmen der Welt aufsteigt.

Jonas Andrulis: Der Aleph-Alpha-Gründer soll vollständig abtreten. Foto: picture alliance/dpa

5. Deutschlands KI-Vorzeigeunternehmen Aleph Alpha verliert seinen Gründer. Jonas Andrulis tritt als CEO zurück und verlässt auch das Beratungsgremium – mitten in einer Phase des Umbruchs. Etwa 50 Stellen wurden bereits abgebaut, doch nun wächst der juristische Druck: Ein Anwalt spricht von „Massenentlassungen“ mit zweifelhafter Rechtsgrundlage. Die Handelsblatt-Reporterinnen Luisa Bomke und Larissa Holzki berichten exklusiv, warum der Strategiewechsel des Heidelberger Unternehmens zu einer Zerreißprobe werden könnte.

Grafik der Woche

KI bestimmt die Top 10 der wertvollsten Unternehmen. Der Google-Konzern Alphabet hat diese Woche das erste Mal eine Marktkapitalisierung von mehr als vier Billionen Dollar erreicht und ist derzeit das zweitwertvollste Unternehmen der Welt nach Nvidia. Auslöser für den Kurssprung sind Googles jüngste Erfolge im Bereich Künstliche Intelligenz und eine strategische Partnerschaft mit dem iPhone-Hersteller Apple: Google stellt nun mit seinem KI-Modell Gemini die technische Basis für Apples Sprachassistentin Siri.

Ein Blick auf die zehn wertvollsten Firmen der Welt zeigt ein klares Muster: KI und Halbleiter gelten als entscheidende Treiber des Erfolgs der wertvollsten Unternehmen. Eine Ausnahme bildet lediglich der Öl- und Gaskonzern Saudi Aramco.

Handelsblatt Disrupt

Proxima-Chef Francesco Sciortino mit Journalistin Holzki: Wie gut stehen die Chancen, dass in den 2030er-Jahren tatsächlich Fusionskraftwerke entstehen? Foto: picture alliance/MAX SLOVENCIK/APA/picturedesk, Max Brunnert [M]

Das erste Fusionskraftwerk soll in Deutschland stehen! Das ist das ambitionierte Ziel der Bundesregierung – und auch das von Francesco Sciortino. Mit seinem Start-up Proxima Fusion will er in der zweiten Hälfte der 2030er-Jahre das erste kommerzielle Kraftwerk bauen, in dem mit Kernfusion Strom erzeugt wird.

Warum das wichtig ist? Die Fusionsenergie gilt als heiliger Gral der Energiewelt. Sie könnte die rettende Lösung für die Klimakrise werden. Denn mit Fusionsenergie könnte saubere Energie erzeugt werden – und das dauerhaft verfügbar. Dazu wird ein Prinzip nachgebaut, das man in der Sonne beobachten kann: Durch die Verschmelzung von Atomkernen werden Unmengen an Energie freigesetzt.

Das Problem: Seit Jahrzehnten versuchen Unternehmen und Wissenschaftler, durch eine solche Fusion auch auf der Erde Energie zu erzeugen – gelungen ist das bisher nicht. Allerdings gibt es Erfolge im Labor – und Europa ist für die nächsten Schritte tatsächlich in einer sehr aussichtsreichen Position.

Francesco Schiortino zählt zu den Wissenschaftlern, die ganz vorn mit dabei sind. Zusammen mit anderen Forschern hat er 2023 beschlossen, dass jetzt die Zeit ist, die Fusionsforschung unternehmerisch zu verfolgen. Zusammen haben sie Proxima Fusion gegründet: einen der größten Hoffnungsträger Europas im Bereich der Kernfusion.

In dieser Folge von Handelsblatt Disrupt spricht Technologiereporterin Larissa Holzki mit dem Proxima-Chef Francesco Sciortino darüber, wie gut die Chancen stehen, dass in den 2030er-Jahren tatsächlich erste kommerzielle Fusionskraftwerke entstehen. Wie es ihm als CEO gelingt, in seinem Team jeden Tag das Gefühl der Dringlichkeit zu erzeugen – obwohl doch das Ziel erst in einem Jahrzehnt erreicht werden soll. Und auch, warum er als Italiener für seine Mission sogar Deutsch lernen will. Hören Sie gerne mal rein.

Was wir lesen

Die „Financial Times“ widmet KI-Trends einen Podcast. Die erste Ausgabe über die wichtigsten Entwicklungen in diesem Jahr ist bereits hörenswert. (FT Tech Tonic auf Spotify)

50 Companies to Watch in 2026. Bloomberg stellt vielversprechende Firmen vor, viele davon mit Fokus auf Künstliche Intelligenz. (Bloomberg Business Week)

Kann KI wirklich neue Ideen erschaffen? Die „New York Times“ schaut sich an, was die stärksten KI-Systeme leisten und ob sie mehr können, als wir bislang gedacht haben. (NYTimes)

Wie KI-Systeme Bewerbungsverfahren austricksen. Der „Economist“ sieht das Ende von digitalen Assessment-Centern kommen. (Economist)

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Warum chinesische Firmen 80 Prozent des Markts für humanoide Roboter beanspruchen. Die SCMP aus Hongkong analysiert den Aufstieg von Firmen aus der Volksrepublik. (SCMP)

Das war das KI-Briefing Nummer 123. Mitarbeit: Luisa Bomke, Lina Knees, Juraj Rosenberger (Grafik). Wenn Sie auch nächste Woche wieder mitlesen wollen, abonnieren Sie das KI-Briefing am besten als Newsletter.

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