Blackout: Wie Griechenland den Luftverkehr in ganz Europa ausbremst
Athen. Stundenlange Verspätungen, Hunderte annullierte Flüge, Tausende gestrandete Passagiere: Am ersten Sonntag des Jahres stürzte ein Totalausfall des Sprechfunkverkehrs den Flugverkehr in Griechenland ins Chaos.
Mehr als acht Stunden konnten die Fluglotsen nicht mehr mit den Piloten der startenden, landenden oder Griechenland überfliegenden Maschinen kommunizieren. Der Luftraum musste vollständig gesperrt werden. Lotsen aus Nachbarstaaten halfen, die Flugzeuge aus der griechischen Flugverkehrszone (FIR) herauszuführen.
Die europäische Fluglotsengewerkschaft ATCEU bezeichnete den Vorfall als beispiellos. Er sei ein deutliches Warnsignal für die Sicherheit und Belastbarkeit der Flugsicherung – nicht nur in Griechenland, sondern in ganz Europa.
Veraltete Technik, störanfällige Geräte
Nun liegt der Untersuchungsbericht vor. Er dokumentiert ein administratives Durcheinander während der Störung und legt massive Defizite bei der veralteten Technik der griechischen Flugsicherung offen.
Das System ist demnach chronisch unterfinanziert. Bis die störanfälligen Geräte ersetzt sind, werden Jahre vergehen. Doch nicht nur Passagiere, die nach Griechenland reisen, müssen sich auf Verspätungen einstellen. Denn Engpässe im griechischen Luftraum wirken sich europaweit aus: Flugzeuge schleppen die dort verursachten Verzögerungen über ihre gesamten Tagesumläufe hinweg durch den Kontinent.
An der Untersuchung des Vorfalls waren neben griechischen Telekommunikationsexperten als Beobachter auch Vertreter von Eurocontrol und der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA) beteiligt. Das Fazit der Kommission ist alarmierend.
Das Sprachkommunikationssystem der griechischen Flugsicherung und die zugrunde liegende Telekommunikationsinfrastruktur seien „veraltet“, würden „vom Hersteller nicht mehr unterstützt“ und böten „keine verlässlichen Funktionsgarantien“. Hinweise auf einen zunächst vermuteten Cyberangriff fanden die Prüfer nicht.
Der Chef der griechischen Zivilluftfahrtbehörde HCAA, Giorgos Saounatsos, hatte den Vorfall als „seltenes Ereignis“ verharmlost. „Statistisch gesehen ist es unwahrscheinlich, dass so etwas noch einmal passiert“, sagte er in einem TV-Interview. Die Sicherheit des Flugverkehrs sei zu keinem Zeitpunkt gefährdet gewesen. Am Dienstag musste er auf Druck von Verkehrsminister Christos Dimas zurücktreten.
» Lesen Sie auch: Griechische Banken zeigen Stärke – Analysten sehen Kurspotenzial
Luftfahrtexperten in Griechenland sehen in dem erzwungenen Rücktritt ein Bauernopfer. Verkehrsminister Dimas hatte bereits kurz nach dem Vorfall medienwirksam angekündigt: „Ja, es werden Köpfe rollen!“ Kritiker werten dies als Versuch, von eigenen Versäumnissen und der Verantwortung seiner Vorgänger abzulenken. Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis hat seit seinem Amtsantritt 2019 vier Verkehrsminister ausgewechselt – eine personelle Fluktuation, die der Flugsicherung offenkundig nicht gutgetan hat.
Die EU-Kommission mahnt seit Jahren
Die technischen Defizite sind Insidern dabei schon lange bekannt. Flugsicherungssysteme haben in der Regel eine Lebensdauer von etwa zehn Jahren. Die bislang letzte größere Modernisierung in Griechenland erfolgte anlässlich der Olympischen Spiele 2004. Die Radaranlagen am Flughafen Athen stammen aus dem Jahr 2001, die meisten Kommunikationssysteme sind 20 bis 30 Jahre alt.
Der Blackout vom 4. Januar war nicht das erste Warnsignal: Bereits am 19. August des vergangenen Jahres führten Ausfälle der Athener Radartechnik zu erheblichen Störungen im griechischen Luftverkehr – ebenfalls mit europaweiten Folgen.
Nach Daten von Eurocontrol gingen im vergangenen August 16 Prozent aller Verspätungen in Europa auf Kapazitätsprobleme der griechischen Flugsicherung zurück. Das mag zunächst gering erscheinen, doch ein Vergleich verdeutlicht die Dimension: Spanien wickelte im selben Zeitraum mehr als viermal so viele Flugbewegungen ab wie Griechenland, verursachte jedoch nur 13 Prozent der europäischen Verspätungen.
Die EU-Kommission hat Griechenland wiederholt gemahnt. Bereits 2022 leitete sie ein Vertragsverletzungsverfahren ein, weil Athen zentrale Vorgaben des Projekts „Single European Sky“ nicht umgesetzt hat. Im Dezember vergangenen Jahres folgte eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof, da Griechenland sich weigert, die seit 2018 geltenden Vorschriften für leistungsbasierte Navigationsverfahren (PBN) einzuführen. Diese sollen sichere Landungen auch bei schlechter Sicht ermöglichen.
Neue Technik vor sieben Jahren bestellt, aber nie geliefert
Schon im März 2019 hatte der Verkehrsminister der damaligen linksgerichteten Regierung, Christos Spirtzis, einen Vertrag über die Beschaffung neuer Sprachkommunikations- und Aufzeichnungssysteme für die Flugsicherung unterschrieben. Geliefert wurden sie bis heute nicht. In Regierungskreisen werden dafür die Coronapandemie, die angebliche technische Komplexität des Projekts und der hohe „Koordinierungsbedarf“ der beteiligten staatlichen Stellen verantwortlich gemacht. Jahrelang hätten die Zivilluftfahrtbehörde und das Verkehrsministerium über die Spezifikationen gestritten, berichten Insider.
Vergangenes Jahr kündigte Verkehrsminister Dimas schließlich Investitionen in Höhe von 313 Millionen Euro zur Modernisierung der Flugsicherung an. Das Programm soll bis 2029 umgesetzt werden. Bis dahin müssen Fluggesellschaften und Passagiere jedoch mit anhaltenden Verzögerungen rechnen.
Der Verband der griechischen Fluglotsen (EEEKE) sieht sich durch den Untersuchungsbericht in seinen langjährigen Warnungen bestätigt. Der Report belege die „mangelnde Kooperation innerhalb der Führung der Zivilluftfahrtbehörde“, ein „administratives Chaos“ sowie „erhebliche Verzögerungen bei der Ursachenanalyse“. Nur die sofortige Sperrung des Luftraums habe am 4. Januar „eine möglicherweise deutlich gravierendere Eskalation des Vorfalls verhindert“.
In ihrer Stellungnahme warnen die Fluglotsen, dass unter diesen Umständen die stark steigende Nachfrage während der kommenden Sommersaison nicht bewältigt werden könne. Um die Flugsicherheit zu gewährleisten, müssten die Kapazitäten „unverzüglich reduziert werden“. Für Reisende bedeutet das: In Griechenland ist in diesem Sommer mit massiven Verspätungen zu rechnen.