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FleischindustrieKeine Angst vorm Soja-Würstchen

Vegetarische und vegane Nahrungsmittel haben in Supermärkten längst die Regale erobert. Doch die Fleischindustrie bleibt gelassen. Metzger freuen sich sogar über neue Kunden. 11.06.2015 - 15:41 Uhr Artikel anhören

„Wir entscheiden aus dem Bauch heraus“.

Foto: dpa

Hannover. Frikadellen, Bratwurst und Schnitzel ohne Blutvergießen - fleischlose Ersatzprodukte auf Soja-, Weizen- oder Lupinenbasis sind präsent wie nie zuvor. Selbst bekannte Wursthersteller stocken ihr Produktportfolio mit Fleischersatz auf.

Die deutsche Fleischindustrie lässt das kalt - der Verbrauch an Wurst und Fleisch ist laut dem Bundesverband der Deutschen Fleischwarenindustrie (BVDF) in den vergangenen drei Jahren konstant geblieben. Der Deutsche Fleischer-Verband sieht die bewusste Auseinandersetzung mit dem Thema Ernährung positiv. Sie bringe den Fleischern neue Kundschaft an die Wursttheken.

Seit gut einem halben Jahr bietet der niedersächsische Wursthersteller Rügenwalder Mühle vegetarische Wurst, Frikadellen und Schnitzel an. Mit der Idee hatte das Unternehmen auch den eigenen Kundenbeirat überrascht: „Wir waren überwältigt, dass uns ein Wursthersteller mit vegetarischen Produkten konfrontiert“, sagt Carsten Heusig, der Rügenwalder Mühle aus Kundensicht berät. Natürlich habe es vorab viel Kritik gegeben. Die Verkostung habe den Beirat dann aber überzeugt. „Wir entscheiden aus dem Bauch heraus, ob das ein Kunde im Kühlschrank haben möchte“, sagt Heusig. Ein wirtschaftliches Interesse habe der Beirat dabei nicht.

Fakten zur Rügenwalder Mühle
1834 in Rügenwalde, dem heutigen Darłowo im polnischen Westpommern.
Die Familie wurde zum Ende des Zweiten Weltkriegs vertrieben und siedelte um ins Ammerland nahe Oldenburg. Aus der Metzgerei wurde eine Wurstfabrik mit Ladenlokalen, später gab das Unternehmen die Filialen auf und konzentrierte sich auf die Produktion. Ein Urteil des Bundesgerichtshof sicherte aus Pommern vertriebenen Unternehmern in den 1950er-Jahren zu, weiter „Rügenwalder Wurst“ zu produzieren.
Geschäftsführer in der sechsten Generation ist Christian Rauffus. Die Firma befindet sich zu 100 Prozent in Familienbesitz, darunter die beiden Schwestern Rauffus' und sein einziges Kind, Gunnar Rauffus. Die Übergabe an die nächste Generation ist in Vorbereitung.
Zu den bekanntesten Produkten zählt die Teewurst. In ihr ist kein Tee verarbeitet, die Streichwurst aus Schweinefleisch trägt den Namen, da sie historisch gerne zu Tee gegessen wurde. „Lachsschinken hat auch nichts mit Fisch zu tun“, sagt Rügenwalder-Chef Christian Rauffus. Auch Leberwurst ist eines der klassischen Produkte, in den vergangenen Jahren sind Kochschinken, Wiener Würstchen und Frikadellen hinzugekommen. In Zukunft könnten auch fleischlose Produkte zum Sortiment hinzukommen.
Das Unternehmen verkauft fast ausschließlich in Deutschland. Ein Grund: Teewurst ist jenseits der Landesgrenzen schlicht unbekannt. Mit Hilfe moderner Verpackungen, offensiver Werbung und regelmäßigen Produktneuerungen wächst das Unternehmen langsam aber stetig. Im Jahr 2007 hatte der Umsatz 146 Millionen Euro betragen, im Jahr 2012 waren es 174 Millionen Euro (plus ein Prozent gegenüber 2011).
Die Rügenwalder Mühle hat etwa 400 Mitarbeiter, die ausschließlich am Standort der Zentrale in Bad Zwischenahn nahe Oldenburg arbeiten. Ein Vorteil des Standorts sei die relative Nähe zu großen Schweinefleisch-Produzenten in Niedersachsen.
Die Rügenwalder Mühle ist der größte Arbeitgeber im Ammerland und damit von großer Bedeutung für die Region. „Das Unternehmen spendet regelmäßig für öffentliche und soziale Zwecke“, sagt der Bad Zwischenahner Bürgermeister Arno Schilling (SPD). „Die Familie ist der Gemeinde eng verbunden, aber sie drängt sich nicht in den Vordergrund.“

Die Produktionskosten der vegetarischen Wurst seien „eins zu eins mit der Wurst aus Fleisch“, sagt der Entwicklungs- und Marketingchef von Rügenwalder, Godo Röben. Auch im Supermarkt kosten die Packungen gleich viel - jeweils 1,29 Euro. Die Herstellungskosten hätten das Unternehmen damals selbst überrascht. Man habe mit einer günstigeren Produktion gerechnet, sagt Röben. Eier aus Freilandhaltung, Rapsöl und gentechnikfreies Soja kämen aber nicht günstiger als Fleisch für das herkömmliche Produkt.

Das vegetarische Konzept kam in den deutschen Läden gut an: „Wir hatten uns ursprünglich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2020 rund ein Drittel unseres Umsatzes mit fleischfreien Artikeln zu erzielen“, sagt Röben. „Wenn es so gut weiterläuft wie bisher, werden wir dieses Ziel jedoch viel früher erreichen.“ Bereits im kommenden Herbst sollen die vegetarische Produkte 30 Prozent der Wochentonnage ausmachen. Damit wolle Rügenwalder Mühle den Wurstmarkt „revolutionieren“.

Die größten Wursthersteller in Deutschland
Die Unternehmensgruppe Zur-Mühlen (Böklunder) ist Teil des mächtigen Tönnies-Konzerns. 2013 erwirtschaftete sie 825 Millionen Euro Umsatz.
Der Fleischwarenhändler H. Kemper aus dem Landkreis Osnabrück erzielte im vergangenen Jahr für einen familiengeführten Wurtsfabrikanten beachtlichen Umsatz von 400 Millionen Euro.
Nur knapp dahinter landete die Bell-Gruppe mit 393 Millionen Jahresumsatz.
Der größte deutsche Wurstexporteur Reinert taucht in diesem Ranking auf Platz vier auf: 350 Millionen Euro Umsatz.
In die Top fünf schafft es das auf regionale Wurstsorten spezialisierte Traditionsunternehmen Wolf mit 280 Millionen Euro Jahresumsatz.

Der Geschäftsführer des BVDF, Thomas Vogelsang, sieht das nicht als Kampfansage: „Es ist eher ein Revolutiönchen.“ Der Marktanteil der fleischlosen Produkte sei noch sehr klein. Zwar werde die vegetarische Ernährung in den Medien sehr verbreitet. „Die Einkaufsrealität ist aber eine andere“, sagt Vogelsang.

Die überwältigende Mehrheit (92 Prozent) der Bevölkerung hat der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) zufolge im vergangenen Jahr nie oder weniger als einmal im Monat Fleischersatzprodukte gegessen. Nur rund 11 Millionen Kunden hätten dafür im Schnitt 19 Euro im ganzen Jahr ausgegeben. Insgesamt seien das 213 Millionen Euro gewesen.

„Die Fleischersatz-Branche ist eine sehr kleine Nische“, sagt Vogelsang. Dass sich gerade traditionelle Wursthersteller dafür interessieren, überrascht ihn aber nicht: „Das Know-how und die Anlagen dafür sind da. Es ist also naheliegend.“

„Es gibt sicher einen Markt dafür“, sagt Gero Jentzsch, Sprecher des Deutschen Fleischer-Verbands, der bundesweit rund 14.000 Betriebe vertritt. Auch im Handwerk sei das Thema Fleischverzicht angekommen - vor allem im Bereich Catering und Partyservice müssten die Fleischer umstellen. „Es gibt kein Buffet mehr ohne vegetarische Angebote“, sagt Jentzsch.

Im Verkauf sei das Fleischerhandwerk noch in einer Experimentierphase. Er könne sich aber auch von Hand hergestellte vegetarische und vegane Produkte in den Theken vorstellen. „Warum sollte eine Tofu-Wurst nicht handgemacht werden?“

Gerade die sogenannten Flexitarier seien für das Fleischerhandwerk eine neue Kundengruppe. Sie setzen sich bewusst mit dem Fleischkonsum auseinander, wollen aber nicht auf ein Steak oder Grillwurst verzichten. „Sie gehen häufiger ins Fleischfachgeschäft und nicht zum Discounter“, sagt Jentzsch.

dpa
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