Studie zur Luftverschmutzung: Tödlicher Feinstaub
Die Anwohner versuchen sich mit Gesichtsmasken vor der Luftverschmutzung zu schützen.
Foto: ReutersDüsseldorf/Mainz. Der Straßenverkehr birgt viele Gefahren: Das größte Risiko ist jedoch nicht das, bei deinem Autounfall ums Leben zu kommen. Am bedrohlichsten sind in Wirklichkeit die Schadstoffe, die die meisten Kraftfahrzeuge in die Atmosphäre schleudern. Und so sterben in Deutschland mehr Menschen an den Folgen der Feinstaubbelastung als durch Verkehrsunfälle. Das hat das Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz herausgefunden.
Rund 34.000 Menschen in Deutschland verlieren jedes Jahr aufgrund von Krankheiten ihr Leben, die durch erhöhte Feinstaub- und Ozon-Belastung in der Atmosphäre verursacht werden, so die Wissenschaftler um Johannes Lelieveld in ihrer Studie.
Gemeint sind damit vor allem Schlaganfälle und Herzinfarkte, aber auch Atemwegserkrankungen und Lungenkrebs werden durch Luftverschmutzung begünstigt. Allein die Emissionen aus dem Straßenverkehr kosten jährlich 7.000 Deutsche das Leben – etwa doppelt so viele Opfer wie bei Verkehrsunfällen.
Weltweit sterben insgesamt etwa 3,3 Millionen Menschen pro Jahr vorzeitig wegen Luftverschmutzung – davon 2 Millionen Inder und Chinesen, die unter besonders schlechter Luft leiden. Zum Vergleich: In der EU sterben 180.000 Menschen jährlich.
Dafür allein Verkehrsemissionen verantwortlich zu machen, ist aber nicht richtig: Sie sind nur für etwa fünf Prozent der Toten verantwortlich. Auch der Lieblingsgegner aller Umweltschützer, die Industrie, kommt mit knapp sieben Prozent der Opfer noch vergleichsweise gut weg. Die meisten Opfer, und zwar etwa ein Drittel, fordern sogenannte häusliche Kleinfeuer. Das sind offene Feuerstellen und Kohleöfen, die Menschen zum Heizen oder Kochen verwenden. Dazu zählen auch Stromgeneratoren, die kleinere Ansiedlungen mit Elektrizität versorgen. Sie werden oft mit Diesel betrieben und haben selten Rußfilter. Das ist vor allem in Asien und Afrika verbreitet.
„Das sind zwar nur kleinskalige Aktivitäten, aber wenn ein Großteil der Bevölkerung das macht, kommt einiges zusammen“, sagt Johannes Lelieveld, Direktor des Mainzer Max Planck-Instituts und Hauptautor der Studie. Von den zwei Millionen Emissionstoten in Indien und China entfallen 760.000 auf ebendiese Kleinfeuer, Stromgeneratoren kommen auf 236.000 – beide Ursachen stehen für etwa die Hälfte der Todesopfer.
In Europa sind Feuerstellen und Stromgeneratoren inzwischen Geschichte. Für die meisten Smogtoten ist hier die Landwirtschaft verantwortlich. Denn durch übermäßige Verwendung von Düngemitteln und Massentierhaltung gelangt Ammoniak in großen Mengen in die Atmosphäre und begünstig die Entstehung von Feinstaub.
In Deutschland sind die Emissionen aus der Landwirtschaft für fast die Hälfte der Toten verantwortlich. Die vielgescholtenen Industrieunternehmen machen laut Studie nur rund 13 Prozent aus.
Mit insgesamt 34.000 Emissionsopfern führt Deutschland die Statistik in Westeuropa an. Die Gründe: Neben dichter Besiedlung und intensiver Landwirtschaft, spielt auch die zentrale Lage des Landes eine Rolle. Nach Deutschland würde auch viel Smog aus den Nachbarländern herüberwabern, so die Studie.
Zudem hat der Verkehr im Land der Autofahrer auch einen deutlich höheren Anteil an den hohen Feinstaubwerten als anderswo. Die 7.000 Opfer, die in Deutschland wegen der Luftverschmutzung durch den Straßenverkehr sterben, werden nur von den deutlich bevölkerungsreicheren Länder China, Indien, USA und Russland übertroffen. Der Anteil an der Gesamtzahl der Todesopfer in der Bunderepublik liegt mit 20 Prozent auch ungewöhnlich hoch – weltweit liegt er im Schnitt bei 5 Prozent.
Die Wissenschaftler des Max-Planck-Institut haben zudem auch düstere Zukunftsprognosen: Sollte die Politik keine Gesetze zur Beschränkung der Emissionen beschließen, dann könnte sich die Zahl der Toten bis 2050 auf 6,6 Millionen Menschen verdoppeln. Besonders stark wären Süd- und Ostasien betroffen. Doch auch Europa und die USA müssen mit einem Zuwachs rechnen – wenn auch nicht ganz so rapide.
Die Zahl der Smogopfer wird vor allem in den größeren Städten drastisch ansteigen, so die Prognose: In London etwa könnte die Zahl der Todesopfer von jährlich 2.800 auf 4.200 steigen, in Moskau von 8.600 auf 11.700. Das ist aber noch kein Vergleich zu asiatischen Metropolen wie etwa dem indischen Kalkutta: Heute sterben dort 13.500 Menschen jährlich durch Luftverschmutzung – für 2050 prognostizieren die Wissenschaftler bis zu 54.800 Todesopfer. Natürlich immer nur, solange die Regierungen weiterhin „Business as usual“ betreiben.