Studie zur Berufsausbildung: Das Image-Problem der Lehre
Ausbildungsberufe Koch, Tischler, Landwirt: Weniger als die Hälfte der Schüler in Deutschland entschließen sich für eine Lehre – Tendenz sinkend.
Foto: dpaBerlin. Deutschland kann von einigen europäischen Ländern noch etwas lernen, um die Berufsausbildung zukunftsfester zu machen. Das zeigt die Studie, die das Institut der deutschen Wirtschaft im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans Böckler-Stiftung, der CDU-nahen Konrad Adenauer-Stiftung und der Vodafone-Stiftung erstellt hat.
Anlass gibt es durchaus: „Denn aktuell verliert die Berufsausbildung gegenüber dem Studium an Boden“, stellt die Studie trocken fest. Die Zahl der neuen Lehrverträge ist auf einen historischen Tiefstand gesunken.
Um die Attraktivität zu steigern, müsste vor allem die Durchlässigkeit größer werden, also die Möglichkeit beruflich Ausgebildeter, nach der Gesellenprüfung studieren zu können, empfehlen die Autoren nach dem Blick ins europäische Ausland: In Portugal und Polen erhalten Auszubildende mit dem Ausbildungsabschluss die Hochschulreife. In der Schweiz gibt es die Möglichkeit, parallel zur Ausbildung die „Berufsmaturität“ zu erwerben, mit der sie ohne Prüfung die FH besuchen können. Auch in Schweden gibt es die Möglichkeit, neben der Ausbildung mit Zusatzkursen ein Ticket für ein Studium zu lösen.
„In Deutschland sind wir zwar formal gut aufgestellt – Gesellen steht seit einigen Jahren prinzipiell der Weg in die Hochschule offen“, sagt Studienautor Dirk Werner vom IW. „De facto gibt es aber zwei große Hürden: erstens müssen die Bewerber nach der Lehre in der Regel noch drei Jahre Berufspraxis sammeln – wobei fraglich ist, ob dadurch die Studienreife steigt.“ Zudem gelte der Hochschulzugang nur für ein verwandtes Fach. „Würden wir diese beiden Hürden beseitigen, würde das Interesse an Berufsausbildungen vielleicht steigen“, vermutet Werner.
Denn wie in fast allen europäischen Ländern zeigt der Trend bei Schulabgängern und deren Eltern immer stärker Richtung Studium. Gerade deshalb sei es entscheidend, dass eine Berufsausbildung „keinesfalls als Sackgasse oder zweitbester Weg erscheint“, lautet eine Folgerung der Studie.
Nach der jüngsten Betriebsbefragung des Bundesinstituts für Berufliche Bildung wird inzwischen mehr als jede vierte Lehrstelle nicht besetzt. Bei den Kleinbetrieben ist es sogar ein Drittel. Und selbst bei Betrieben mit mehr als 200 Mitarbeitern sind es fast acht Prozent.
„Deutliches Entwicklungspotenzial“ sieht Werner auch in der Berufsberatung in Deutschland. Hier komme es entscheidend darauf an, dass Schüler sowohl umfassend als auch unabhängig informiert würden. Ein Problem entstehe jedoch teilweise schon dadurch, dass die Berufsberater selbst in der Regel studiert hätten und daher diesen Weg auch eher propagierten.
Die Wirtschaft insgesamt und insbesondere das Handwerk fordern schon lagen, dass vor allem die Gymnasium endlich auch über die Chancen der Berufsausbildung informieren müssten.
Schwedens Regierung etwa legt großen Wert auf eine ausreichende Berufswahlvorbereitung. Während der gesamten Pflichtschulzeit nehmen alle Schüler regelmäßig an Studien-und Berufswahlvorbereitungen teil. Die Berufsberater sind größtenteils an den Schulen angestellt
In der Schweiz scheint das Image der Berufsausbildung noch deutlich besser als in Deutschland zu sein: Dort „hat sich die „höhere Berufsbildung fest als Marke etabliert“, so Werner. Der Anteil der Schüler, die eine Berufsausbildung machen, liegt bei zwei Drittel – das ist der Spitzenwert in Europa. In Deutschland sind es mittlerweile weniger als die Hälfte – Tendenz sinkend. Und davon münden rund ein Viertel zunächst einmal im „Übergangssystem“, also den vielen Vorbereitungs-und Warteschleifen, die ihre Ausbildungsreife verbessern sollen.
Der gute Wille, die Berufsausbildung wieder zu stärken, ist zumindest vorhanden: „Die Studie zeigt, dass wir oft ähnliche Herausforderungen teilen, zum Beispiel bei der Attraktivität von Berufsbildung“, sagte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU). „Auch wir müssen junge Menschen und ihre Eltern davon überzeugen: Eine Ausbildung bedeutet nicht schmutzige Hände, sondern kluge Köpfe. In Deutschland sehen wir die Berufsbildung daher als eine gleichwertige Karrierealternative zum Studium.“