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Gipshersteller steigt in Fertighausbau einDer Knaufhaus-Plan

Der Chef des fränkischen Gipsherstellers Knauf will die Fertighausbranche revolutionieren – mit Bauten, die nicht nach DDR-Platte aussehen. Doch nicht jedes Mitglied der Eigentümerfamilie unterstützt seine Vision.Reinhold Böhmer 04.04.2017 - 14:03 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Mehr als nur Gips.

Foto: Alex Kraus für Handelsblatt

Iphofen. Die drei sind wie ein Herz und zwei Seelen: Nikolaus Knauf, sein Vetter Baldwin und ihr Geschäftsführender Gesellschafter Manfred Grundke. Die beiden Cousins schätzten den einstigen Chef der Bosch-Tochter Rexroth so sehr, dass sie ihn bei der Berufung zu ihrem Nachfolger 2007 gleich auch zum persönlich haftenden Gesellschafter machten. So einig waren sie sich, dass der heute 61-Jährige der Beste sei für ihr Familienunternehmen, Deutschlands Gips- und Baustoffriese Knauf aus dem fränkischen Iphofen mit 6,4 Milliarden Euro Umsatz und weltweit 26.000 Beschäftigten.

Doch wenn das Terzett wie kurz vor Weihnachten im Bayerischen Hof in München gemeinsam auftritt, ist die Harmonie getrübt. Während Geschäftsführer Grundke die Zuhörer auf dem Fachkongress mit seinen neuen Ideen zu bannen sucht und der 80-jährige Nikolaus Knauf dazu eine mitreißende Rede hält, sät Vetter Baldwin, 77, Zweifel. Ob es jemals „genug Nachfrage“ dafür geben werde?

Das Objekt des Streits zwischen den Eigentümern des Familienkonzerns nimmt demnächst erstmals konkret Gestalt an. Fünf Autostunden nördlich, im niedersächsischen Celle, lässt Knauf das örtliche Bauunternehmen Wichmann ein Wohnhaus bauen, ausschließlich aus komplett vorgefertigten Wänden, in denen alle Leitungen für Strom, Heizung, Wasser und Datenübertragung integriert sind.

Die Elemente müssen nur noch zusammengeschraubt werden. Das Gebäude aus der Retorte soll zwölf Zwei- und Dreizimmerwohnungen zu je 60 und 80 Quadratmetern auf zwei Etagen beherbergen. Entworfen wurde das Haus aus einem Katalog von 30 Standardelementen, den der Knauf-Chef entwickeln ließ. Baubeginn ist Mitte des Jahres.

Nikolaus und Baldwin Knauf

Global Gips

Grundke, seit neun Jahren der Antreiber im Konzern, will einen grundsätzlichen Wandel: „Mit dem Haus in Celle wollen wir vorführen, dass auch im Wohnungsbau die Individualisierung bei gleichzeitiger Standardisierung funktioniert“, sagt er.

Für Knauf wäre es ein neues Geschäftsfeld neben Gipskarton und Spachtelmasse. „Wir wollen nicht selber bauen“, betont Grundke, „sondern uns neben dem traditionellen Geschäft zu einem Systemanbieter für modernes Bauen entwickeln.“

Vorbild Automobilindustrie

Das allerdings ist leichter gesagt als getan. Gut zwei Jahre musste Knauf-Chef Grundke potenzielle Bauherren beknien, mit der Unterstützung von Nikolaus Knauf sowie Co-Geschäftsführer Alexander Knauf und unter dem Argwohn von Vetter Baldwin. Dann fand er endlich Wichmann in Celle.

Die Kosten der vorgefertigten Häuser lägen bei rund 1.300 Euro pro Quadratmeter, 30 Prozent unter dem üblichen Niveau, rechnete er auf Kongressen wie vor Weihnachten in München vor. Somit seien Unterkünfte dieser Art ideal, um die gegenwärtige Wohnungsnot in Ballungsräumen zu lindern.

Allein 1,2 Millionen Wohnungen ließen sich in Deutschland binnen kurzer Zeit mit der neuen Bauweise schaffen, indem auf vorhandene Gebäude weitere Etagen gesetzt würden. Nur, angesprungen ist darauf erst Wichmann.

Dabei investierte Knauf-Chef Grundke einiges in das neuartige „modulare Bauen“, wie er seine Idee nennt. Er ließ den Münchener Betriebswirtschaftsprofessor Horst Wildemann ein Konzept entwickeln, mit dem sich aus einer überschaubaren Zahl unterschiedlicher Boden- und Deckenelemente für Wohn- und Schlafräume sowie für Küchen und Bäder eine riesige Zahl individueller Wohnungen errichten lässt.

Wildemann gilt als Deutschlands Papst auf dem Gebiet der Fertigung nach dem Baukastenprinzip. Pioniere waren die Autohersteller: BMW etwa montiert einen 2er-BMW und den Mini auf den gleichen Unterbau, ohne dass der Käufer es sieht. „Es gibt keinen Grund, das Prinzip nicht auf den Wohnungsbau zu übertragen“, sagt Wildemann und verweist auf Anbieter im Ausland, an denen sich Knauf-Chef Grundke orientierte.

Toyota nahm sein Produktionssystem aus dem Autobau schon vor Jahren als Vorbild, um Wohnhäuser in Serie zu bauen. Bei dem US-Fertighausanbieter Blue Homes können sich Kunden am PC mit Hilfe eines Konfigurators ihr Domizil aus Modulen komponieren.

Dass Grundke erst jetzt einen Bauherren fand, liegt an den Widerständen, auf die seine Ideen stoßen. „Noch immer wird industrieller Bau in Deutschland vielfach mit dem hässlichen Einheitsplattenbau der DDR verbunden“, klagt er.

Auch die Häuser von Toyota taugen nicht als Vorbild, Europäer empfinden die Einheitskonstruktionen vielfach als ästhetische Beleidigung. Und Blue Homes fertigt seine Modelle nicht im industriellen Maßstab und ist deshalb kaum günstiger als gewöhnliche Fertighausanbieter.

Grundke bedroht das klassische Baugewerbe

Am meisten bedroht Grundke jedoch das klassische Baugewerbe, dem Knauf bisher nur zuliefert. Denn die Verlagerung wesentlicher Tätigkeiten von Baufirmen und Handwerkern in Modulfabriken und von Architekten auf den Konfigurator wird deren Arbeit grundlegend verändern, im Extremfall sogar überflüssig machen.

Wesentliche Ursache dafür ist die Digitalisierung fast aller Planungsschritte, die Knauf mit der Modularisierung vorantreibt. Denn bei der Digitalisierung zählt das Baugewerbe zu den rückständigsten Branchen Deutschlands. In dem ersten Knauf’schen Modulhaus in Celle kommen zum Beispiel die Heizungsrohre direkt vom einstmals bayerischen Kunststoffspezialisten Rehau mit Sitz in der Schweiz und werden vorab in die Wandelemente eingebaut. Gleiches gilt für die Elektroleitungen, die Wieland liefert, ein Hersteller von Steckverbindungen aus dem fränkischen Bamberg.

Noch hat vieles, was Knauf in Celle vorführt, Modellcharakter. Den Konfigurator gibt es zurzeit nur als Präsentation, fertig sein soll er im Herbst. Er gilt als digitales und betriebswirtschaftliches Herz des neuen Geschäfts. Denn mit der Zusammenstellung der Wohnung am PC und der Bestellung sollen die Kunden die Daten direkt in die Fabrik schicken und dort die Fertigung auslösen. Zugleich sollen sich in fernerer Zukunft andere Player in den digitalen Baukasten einklinken können, zum Beispiel Ikea mit seinen Küchen oder der Armaturenhersteller Grohe.

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Auch die Standardbauteile für das Haus in Celle sind nur Prototypen. Eine Serienfertigung lohnt sich nach Schätzungen von Knauf erst ab einer Produktion von jährlich 1.000 Wohnungen à 75 Quadratmeter. Eine Fabrik dafür dürfte nach internen Berechnungen 20 bis 25 Millionen Euro kosten. Das wäre nicht viel, weniger als fünf Prozent der jährlichen Investitionen von Knauf. Geschäftsführer Grundke ist überzeugt, in drei bis fünf Jahren in die Großserie gehen zu können. Im März hat er auch in Russland ein Bauunternehmen gefunden, das seine Idee umsetzen will.

Auf dem Fachkongress im Bayerischen Hof sind die meisten Experten einig, dass Knauf einen überfälligen Schritt wage. Darauf angesprochen, runzelt Baldwin Knauf die Stirn und warnt vor der Investitionssumme. Knauf-Chef Grundke ficht das nicht an. „Unterschiedliche Positionen in der Familie“, gibt er sich diplomatisch, „gehören zum Erfolgsrezept von Knauf.“

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