Telegram-Gründer Pavel Durow: Der digitale Widersacher
Er kleidet sich gern schwarz wie der Hacker „Neo“ im Film Matrix.
Foto: picture alliance / Robert SchlesPawel Durow gilt als IT-Wunderkind, und manche nennen ihn gar den Mark Zuckerberg Russlands. Er hat die Plattform V-Kontakte – die russische Alternative zu Facebook – und den Chatdienst Telegram gegründet. Und er hat, wie es einem smarten Digital Native gut ansteht, Sinn für Humor.
Als etwa Wladimir Putin mal wieder mit Oben-ohne-Fotos aus dem Urlaub auf sich aufmerksam machte, rief Durow vor wenigen Wochen in den sozialen Medien auf, der nackten Brust des Präsidenten etwas entgegenzusetzen. Unter dem Hashtag #PutinShirtlessChallenge veröffentlichten daraufhin zahlreiche, mehr oder minder attraktive, aber immer leicht bekleidete russische Männer witzige Bilder. Auch der 33 Jahre alte Initiator zog blank und zeigte seine Modelfigur vor türkisgrünem Wasser. Selbstdarstellung ist sein Ding.
Es war aber nicht die freche Aktion im Netz, die Durow auf Konfrontationskurs zum mächtigen russischen Inlandsnachrichtendienst FSB geraten ließ. Dabei geht es um seinen Messengerdienst Telegram: Durow bewirbt Telegram als besonders sichere Alternative zu WhatsApp und Snapchat. Nutzerdaten würden nie an Behörden weitergegeben, maximaler Datenschutz weltweit lautet sein Verkaufsargument. Mit Erfolg: Vergangenes Jahr verschickten fast 100 Millionen Nutzer am Tag Nachrichten mit Telegram.
Der Gründer selbst führt das Dasein eines Digitalnomaden. Er habe Berlin, London und Singapur als Standort ausprobiert, heißt es auf der Webseite. Mittlerweile residieren Durow und seine Telegram-Crew in Dubai, doch man sei bereit, „sofort umzuziehen, sobald sich die lokalen Regulierungen ändern“.
Telegram muss keine Gewinne erwirtschaften
Telegram stellt Sicherheitsdienste vor eine besondere Herausforderung, es ist das Grunddilemma des Internets: Dort, wo Menschen anonym kommunizieren können, sammeln sich Dissidenten und Oppositionelle, aber auch Terroristen und Kriminelle. Telegram war lange eine wichtige Plattform für die Propagandisten des sogenannten Islamischen Staats. Erst nach medialer Kritik ließ Durow Hunderte Accounts löschen.
Im April dieses Jahres erregte Telegram dann die Aufmerksamkeit des FSB. Bei einem Bombenanschlag in St. Petersburg waren 16 Menschen gestorben, und die Selbstmordattentäter sollen sich über Telegram ausgetauscht haben. An diesem Montagberichtete nun die Nachrichtenagentur Interfax, dass ein Moskauer Gericht das Unternehmen verurteilt habe, 800.000 Rubel (11.000 Euro) zu zahlen, weil sich Telegram weigere, die entschlüsselten Nachrichten von sechs Anschlüssen zu übermitteln.
Durow meldete sich bei V-Kontakte zu Wort. „Wir stellen ein Team zusammen, das sich mit solchen Fällen auskennt.“ Telegram werde das Urteil anfechten, weil es gegen Artikel 23 der russischen Verfassung verstoße, der private Korrespondenz garantiere. Durow hat eine Vorteil gegenüber den Behörden: Der Verkauf von V-Kontakte soll ihm etwa 300 Millionen Euro eingebracht haben. So viel Geld macht unabhängig. Telegram muss keine Gewinne erwirtschaften.
Andererseits dürfte der Verkauf dem Unternehmer auch gezeigt haben, wer in Russland am längeren Hebel sitzt. Es gibt nur Andeutungen über die Umstände des Deals. Doch fest steht: V-Kontakte ging an einen Kreml-treuen Oligarchen, und Durow verließ anschließend seine Heimat.