US-Investor George Soros: Milliarden gegen den Hass
Ein Freund der offenen Gesellschaft.
Foto: BloombergNew York. Was tut jemand, der finanziell alles erreicht hat? Eine Möglichkeit ist, das Geld für gute Zwecke einzusetzen, um so den Reichtum durch Ehre zu veredeln. Dieses Verfahren ist in den USA weitverbreitet. Angestoßen von Bill Gates und Warren Buffett haben zahlreiche Milliardäre einen großen Teil ihres Vermögens gespendet oder sich zumindest verpflichtet, es zu tun.
Aber George Soros ist ein Sonderfall. Diesem alten Mann mit hellwachen, jung gebliebenen Augen geht es nicht allein um die Ehre und handfeste Hilfe für Menschen in Not, wenn er jetzt 18 Milliarden Dollar aus seiner Investmentgesellschaft in seine Stiftung mit dem Namen „Open Society“ verschiebt. Ihm geht es auch nicht um die Einflussnahme auf Politik in eigenem Interesse. Soros will seit Jahrzehnten weltweit die Demokratie stärken.
Seit Ende der 70er-Jahre ist er deswegen in Osteuropa unterwegs. In den letzten Jahren stemmt er sich der aufbrandenden Welle von Populismus und Nationalismus entgegen. Und immer wieder geht er gegen die Diffamierung einzelner Minderheiten oder Bevölkerungsgruppen vor, setzt sich etwa für die Rechte von Sinti und Roma ein.
Das verschafft ihm jede Menge Feinde. Er provoziert Widerspruch, heute vor allem von rechts, manchmal auch mit einer Spur Antisemitismus. Die Attacken kommen aus ganz verschiedenen Regionen und Lagern. Die israelische Regierung etwa wirft ihm vor, er diffamiere den jüdischen Staat. Ein Autor der „New York Times“ spricht sogar von einem „Krieg“ Israels gegen Soros. Jüdische Nationalisten reagieren manchmal besonders dünnhäutig, wenn sie von prominenten Juden kritisiert werden, eine Erfahrung, die zum Beispiel auch der Dirigent und Pianist Daniel Barenboim gemacht hat.
Bei den Machthabern Ungarns, seines Geburtslandes, ist Soros verhasst, in Ländern wie Polen und Mazedonien wird er ebenfalls attackiert. Die Regierung in Budapest hat ein Gesetz durchgesetzt, das auf die Schließung einer Universität hinausläuft, die Soros gegründet hat. In den USA liefert er den Rechtspopulisten ein probates Feindbild. Sie sehen ihn als Teil einer von ihnen fantasierten „Weltelite“, die angeblich alle Macht an sich reißen will. Die Tatsache, dass er viel Geld hat, dürfte dabei zumindest unterschwellig auch Neid erzeugen.
Er hat Aufsehen erregt und ist immens reich geworden, indem er 1992 die Bank of England zu einer Abwertung des Pfunds zwang. Auch danach hat er jahrelang vor allem durch große Wetten auf wirtschaftliche Trends von sich reden gemacht. Er ist ein gewisser Weise genau das Gegenteil von Warren Buffett. Während Buffett seine Investments langfristig und möglichst unberührt von aktuellen Markttrends durchführt, will Soros genau diese Trends ausnützen. Einer seiner Mitstreiter war Stan Druckenmiller, der sich später mit einem eigenen Hedgefonds selbstständig gemacht und ganz ähnlich wie Soros gearbeitet hat.
Nach Aussage des „Wall Street Journal“, das sich auf Angehörige der Stiftung bezieht, entsteht durch Soros’ Spende an seine eigene Stiftung der zweitgrößte wohltätige Fonds nach der berühmten ‧Gates-Stiftung. Die 18 Milliarden sind der Löwenanteil des Vermögens seiner Investmentgesellschaft Soros Fund Management, das bei 26 Milliarden liegt. Die Investmentgesellschaft wurde lange Zeit als Hedgefonds geführt. Zuletzt hat sich Soros auf sein eigenes Vermögen konzentriert und den Fonds als Family-Office geführt, also nicht mehr für außenstehende Investoren geöffnet. Zahlreiche Hedgefonds haben in den letzten Jahren ähnlich reagiert, um einer strengeren Aufsicht zu entgehen und sich ihre Handlungsfreiheit zu erhalten.
Anlehnung an Popper
Soros zieht sich nach und nach aus den Geschäften zurück und hat als Chefinvestorin Dawn Fitz‧patrick angeworben, die von der Schweizer Großbank UBS kommt. Sie will nach eigener Aussage die Geschäfte ähnlich wie bisher führen, das heißt also auf große volkswirtschaftliche Trends wetten. Aber sie hat in öffentlichen Äußerungen darauf hingewiesen, dass in dem Bereich nicht mehr die Traumrenditen vergangener Jahrzehnte zu erwirtschaften sind.
Soros’ Stiftung heißt „Open Society“ im Anklang an die „Offene Gesellschaft“, die der Philosoph Karl Popper propagiert hat. Popper, dem die Erfahrung des Nationalsozialismus in den Knochen steckte, meinte damit, dass Politik sich von Dogmatik frei halten und damit die Entwicklung demokratisch und offen halten sollte.
In Ungarn stößt den Nationalisten sauer auf, dass Soros „offene Gesellschaft“ auch ganz wörtlich meint und sich für die Aufnahme von Flüchtlingen einsetzt. Soros, der als Jugendlicher aus Ungarn nach London gegangen ist, weiß, was es heißt, im Exil zu leben. Und als Jude ist er sich sehr bewusst, wie wertvoll es sein kann, Schutz vor politischer Verfolgung zu erhalten. „Open Society“ hat nach eigener Aussage in den 35 Jahren seit der Gründung bereits 14 Milliarden Dollar ausgegeben. Die Stiftung hat 40 Niederlassungen und Sub-Stiftungen weltweit, zum Beispiel auch in Afrika.
Soros steht politisch verglichen mit anderen Reichen der USA relativ weit links. Der mittlerweile 87-Jährige hat Hillary Clinton unterstützt und Initiativen finanziert, die Amerikaner mit lateinamerikanischen Wurzeln an die Wahlurnen bringen sollen. Seine Stiftung setzt sich für Schwarze und für eine Reform des Justizwesens ein.
Dass er von Rechtspopulisten allerorten angefeindet wird, macht die ideologischen Verbindungslinien zwischen diesen Politikern und ihren Anhängern deutlich – es bildet sich eine Art Internationale der Nationalisten heraus. Sie sind vor allem gegen das, was Soros’ Stiftung im Namen trägt und wofür er jetzt zusätzliche Milliarden einsetzt: eine offene Gesellschaft.